Zum 100. Todestag des Dichters Unterwegs in Kafkas Prag

„Als wir dann gegen Morgen, über die Karlsbrücke nachhause gingen, war ich allerdings glücklich“, schreibt Kafka an seinen Geliebte Milena Jesenska. Foto: dpa/Czech Tourism

Der Kreis, in dem sich das Leben Franz Kafkas in Prag abgespielt hat, ist überschaubar, hat aber einen schwindelerregenden weltliterarischen Durchmesser. Ein Gang durch eine versunkene Welt, in der ein Werk entstanden ist, das gegenwärtiger denn je ist.

Kultur: Stefan Kister (kir)

„Hier war mein Gymnasium, dort in dem Gebäude, das herübersieht, die Universität und ein Stückchen weiter links hin mein Büro. In diesen kleinen Kreis ist mein ganzes Leben eingeschlossen.“ Das schrieb Franz Kafka einmal an seinen Hebräischlehrer. Und ohne dieses viel begangene Zitat kann kein Weg durch Kafkas Prag beginnen.

 

Auf den Spuren eins Jahrhundertautors

Es gibt verschiedene Zugänge zum Werk eines Dichters. Der beste ist natürlich, ihn zu lesen. Aber gerade, wenn man das ausgiebig getan hat, kann das Verlangen wachsen, einmal vor dem imposanten Holztor in der Námesti Franze Kafky 5 in Prag zu stehen. Dahinter wurde nämlich am 3. Juli 1883 derjenige geboren, der dem kleinen Platz am Rande des damals noch bestehenden Ghettos seinen heutigen Namen gegeben hat und dessen 100. Todestag am 3. Juni dieses Jahres die Stadt an der Moldau noch mehr als sonst zum Wallfahrtsort für literarische Pilgerfahrten macht.

Das Geburtshaus – nur das Tor hat überlebt. Foto: Stefan Kister

Allerdings ist es mit Toren bei Franz Kafka so eine Sache. Gut möglich, dass man davor vergeblich wartet. Was in diesem Fall aber nicht an irgendjemanden liegt, der einem den Eintritt versperren würde, sondern daran, dass die hölzerne Pforte nahezu das Einzige ist, was von dem ursprünglichen Gebäude übrig geblieben ist. 1897 wurde es nach einem Brand abgerissen. Aber da wohnten die Kafkas schon längst wieder woanders, in einem Haus am Wenzelsplatz, das es mittlerweile allerdings auch nicht mehr gibt.

Panik auf dem Schulweg

Dafür lässt sich in dem Viertel rund um den Altstädterring der Aufstieg des jüdischen Galanteriewarenhändlers Hermann Kafka in einer Folge immer repräsentativerer Wohnungen ablesen. Alle paar Monate wechselte die Familie anfangs das Domizil, bis sie 1889 in dem schönen Renaissancebau, dem sogenannten Haus Minuta, für drei Jahre zur Ruhe kam. Von hier aus wurde der kleine Kafka allmorgendlich von der Köchin des Hauses in die nahe gelegene Deutsche Knabenschule gebracht. In einem Brief schildert er später, wie seine Begleiterin ihn auf dem kurzen Weg damit quälte, dem Lehrer erzählen zu wollen, wie unartig er zu Hause gewesen sei. In dem stillen engen Gässchen zwischen der dunkel aufragenden Teinkirche lässt sich etwas von der Angst ahnen, mit der hier ein Kind einmal verzweifelt versucht hat, sich an Portalen und Ecksteinen festzuklammern, um nicht einem angedrohten Strafgericht ausgeliefert zu werden.

Eine Szene aus der frühen Erzählung „Beschreibung eines Kampfes“ hat das Kafka-Denkmal von Jaroslav Rónas inspiriert. Foto: Stefan Kister

Ohne Vorstellungskraft geht es nicht, auch wenn einem links und rechts immer neue Kafka-Orte entgegenspringen. Im Erdgeschoss des stattlich herausgeputzten neubarocken Oppelthauses, das die Familie ab 1913 bewohnte, werden heute sündhaft teure Galanteriewaren von Cartier angeboten. Im Schaufenster des Hauses zu den Drei Königen, wo den jungen Kafka die unmittelbare Nachbarschaft der Teinkirche zu der Dom-Szene seines „Prozess“-Romans inspiriert haben soll, wirbt ein Schriftzug für Fotosouvenirs. Und in dem Büro der Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt, in dem Kafka über der Eintrittswahrscheinlichkeit drohender Gefahren brütete, schlummern heute betuchte Reisende. Zimmer 214 ist die Kafka-Suite des Hotels Century Old Town Prague.

Stolpersteine pflastern den Weg

Kafkas Prag ist all der Gedächtnisorte zum Trotz versunken, so gegenwärtig sein Werk bleibt. Aber wer würde sich ernsthaft zurückwünschen, im Wissen, was über diese Welt zehn Jahre nach dem Tod des in vieler Hinsicht prophetischen Dichters hereinbrechen würde. Von den knapp 50 000 Juden, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs in der Stadt wohnten, überlebten nur etwa 7500 die Shoah, Kafkas Schwestern wurden in Konzentrationslagern ermordet. Nicht nur Dichter-Stätten, sondern auch Stolpersteine pflastern den Weg durch die Stadt. An dem Barockpalast der jüdischen Gemeindeverwaltung hängt eine israelische Flagge, hier hielt Kafka 1912 anlässlich eines Rezitationsabends seines Freundes Jizchak Löwy einen Vortrag über den „Jargon“, wie er das Jiddische bezeichnete. Heute leben noch rund 1500 Juden in der Stadt.

Früher Versicherungsanstalt heute Luxushotel: hier ging Kafka ein und aus. Foto: Stefan Kister

Im Kommunismus stand der Fantast absurder Unterwerfungsbürokratien unter Verdacht. Mittlerweile ist er zum zentralen Werbeträger geworden und zum Passepartout für Wirklichkeitsverrückungen aller Art. Schräg gegenüber des Geburtshauses raunt eine Lautsprecher-Stimme „Open your Mind“, um Passanten in das Kellergeschoss eines schmucklosen Gebäudes zu locken, wo zwischen freigelegten mittelalterlichen Fundamenten ein Fantasyparcours eingerichtet wurde: „Enter the World of Franz Kafka“. Die beiden kurzbehosten deutschen Besucher, die aus dem grummelnden Untergrund wieder hervorsteigen, wirken eher ernüchtert. Das wird sich geben, sie verschwinden schnurstracks in der Bierkneipe U Kata – Zum Henker –, die so heißt, weil an dieser Stelle nach dem Prager Fenstersturz 24 Protestanten um einen Kopf kürzer gemacht wurden. Hier liegt alles nah beieinander, ums Eck die Synagoge, wo der jüdische Gelehrte Rabbi Löw den sagenhaften Golem erweckt haben soll, ein aus Lehm geformter Prototyp Künstlicher Intelligenz, der Gustav Meyrink zu seinem gleichnamigen Roman inspiriert hat. Er erschien 1915, im selben Jahr wie Kafkas „Verwandlung“.

Das namhafteste Adjektiv der Welt

An der Stelle des Hauses zum Schiff nahe der Moldau, wo neben dem „Urteil“ auch diese Erzählung entstand, dröhnt heute eine Großbaustelle. Das brutalistische Hotel Intercontinental aus den späten 60er Jahren wird gerade saniert. In einer frühen Ausgabe der Erzählung über den in einen Käfer verwandelten Gregor Samsa heißt es: „Der Schein der elektrischen Straßenbahn lag bleich hier und da auf der Zimmerdecke.“ Die Elektrische verkehrt hier immer noch. Und wer sich über das leichtfertige Klischee des vielleicht namhaftesten Adjektivs der Welt hinausführen lassen möchte, sollte in die Linie 27 steigen. Sie fährt zu einem ehemaligen Fabrikgelände im dynamisch gentrifizierten Nordosten, wo das Zentrum für zeitgenössische Kunst Dox seinen Sitz hat und in einer sehenswerten Ausstellung gerade erkundet, was „kafkaesk“ im Spiegel gegenwärtiger Kunstpraxis bedeutet.

Was ist kafkaesk? Zum Beispiel dieser Hirsch des britischen Künstlers Matt Collishaw im Zentrum für zeitgenössische Kunst Dox. Foto: Marion Bremm

Neben einer düsteren grafischen Serie des amerikanischen Regisseurs David Lynch, der in dem Prager Autor einen Bruder im Geiste sieht, neben Überwachungsinstallationen und bildgebenden Vater-Sohn-Konflikten findet sich dort das metallische Skelett eines Hirsches des britischen Künstlers Matt Collishaw. Sein Bewegungsapparat ist angeschlossen an den Reizmechanismus, der heute im digitalen Raum auf Entfremdungserfahrungen und Modernitätsüberforderungen reagiert. Hassattacken, die in sozialen Medien einlaufen, setzen ihn in Bewegung. Gerade senkt er wieder den Kopf und scharrt mit den Hufen. Das kommt der Atmosphäre, die sich mit jenem Adjektiv verbindet, schon ziemlich nahe.

Schweres Fallen und Steigen

Auf dem mit einer kleinen Eiffelturm-Kopie bekrönten Laurenziberg ist der 19-Jährige zu einer Weltsicht gelangt, „in der das Leben zwar sein natürliches schweres Fallen und Steigen bewahre aber gleichzeitig mit nicht minderer Deutlichkeit als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt werde“. So steht es im Tagebuch. Je nachdem, ob man die alte Standseilbahn benutzt oder angesichts der sich davor drängenden Ausflüglerschlangen zu Fuß geht, lässt sich das Schweben oder Steigen körperlich nachvollziehen. Man könnte natürlich auch mit „ungewohnter Geschicklichkeit“ jemand auf die Schultern springen, wie es der Erzähler in „Beschreibung eines Kampfes“ an ebendieser Stelle getan hat. Aber wer weiß, wie Kafka-fest die Leute sind, die es an diesem Tag nach oben zieht.

In diesem Häuschen in der Alchimistengasse, das die jüngere Schwester Ottla gemietet hatte, arbeite Kafka nachmittags und abends. Foto: Richard Horak

Über die Prager Burg, den Hradschin, führt der Weg vorbei an dem geduckten Haus in der Alchimistengasse, wo im Winter 1916 die meisten Stücke der Erzählungssammlung „Ein Landarzt“ entstanden. Nicht weit davon liegt das Schönborn-Palais, in dem sich in einer Augustnacht 1917 mit einem Blutsturz die Lungentuberkulose ankündigte. Es beherbergt heute die amerikanische Botschaft. Hier steht nun tatsächlich ein Torwächter, der grimmige Blicke auf fotografische Souvenirjäger wirft.

Nach einem Tag auf Kafkas Spuren würde es einen nicht weiter wundern, in einem Treppenhaus von einer Zwirnspule mit Stützbein angesprochen zu werden. Der Odradek aus der Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“, den man sich genauso vorstellen muss, ist das wohl seltsamste Wesen aus dem Kosmos des Autors. Stattdessen steht man irgendwann vor dem Café Arco. Wo einst die Luft flirrte vom intellektuellen Austausch der Prager Künstler-Boheme, wo Kafka zum ersten Mal der tschechischen Journalistin Milena Jesenska begegnete, brummt heute nur noch der Verkehr. Fototapeten der einstigen Kaffeehaus-Herrlichkeit verhängen die Schaufenster. Ein Lost Space, dessen Verklingen urbane Graffiti signieren.

Die letzte Ruhestätte auf dem Neuen Jüdischen Friedhof Foto: Stefan Kister

Auf dem von lauschigen Bäumen beschatteten Neuen Jüdischen Friedhof im Südosten der Stadt begegnet man vielen, die hier einmal verkehrten, wieder. Eine schlichte kubistische Stele weist auf das Grab von Dr. Franz Kafka. Draußen rumort der Alltag, hinter der Mauer ist es still. Und doch wird hier wie nirgends sonst vernehmlich, was der Satz „Ich bin Ende oder Anfang“ bedeuten könnte.

Info

Ausstellung
Die Ausstellung „Kafkaesque“, mit Auseinandersetzungen von mehr als 30 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, darunter Arbeiten des US-amerikanischen Filmemachers David Lynch, ist bis September im Zentrum für zeitgenössische Kunst Dox zu sehen. Weitere Informationen für Reisen auf Kafkas Spuren in die tschechische Hauptstadt gibt es bei www.visitczechia.com und www.prague.eu.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Franz Kafka Prag Spuren Infografik