Uli Mülbe wird 80 Zum Bühnenabschied schließt sich der Kreis

Als König der Kakerlaken ein letztes Mal die Bühne gerockt: Bei den „Kitchen Stories“ des Sindelfinger Teatro Cosmokult gab Uli Mülbe seine Abschiedsvorstellung. Foto: Ensemble

Als Lehrer, Regisseur und Darsteller hat Ulrich von der Mülbe in und um Sindelfingen ganze Theatergenerationen geprägt. Jetzt verabschiedet er sich von der Bühne – und feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Der vergangene Sonntagabend im Pavillon: Ein letztes Mal steht Ulrich von der Mülbe auf der Bühne, ein letztes Mal ergießt sich ein von Herzen kommender Applaus über ihn. Der Beifall gilt dabei nicht nur seiner kleinen, aber feinen Rolle in der Inszenierung „Kitchen Stories“ des Ensembles Teatro Cosmokult. Dieser Beifall gilt der gesamten Lebensleistung eines Mannes, der an diesem Sonntag 80 Jahre alt wird.

 

Schließlich hat Uli Mülbe in und um Sindelfingen ganze Theatergenerationen geprägt. Der ehemalige Deutsch- und Französischlehrer am Goldberggymnasium Sindelfingen (GGS) hat, kurz nachdem er dort 1975 seinen Dienst angetreten hat, die Theater AG gegründet. Es war die erste überhaupt im Kreis Böblingen. Manchen Widerständen zum Trotz machte Mülbe die Theater-AG zum Aushängeschild der Schule.

Berührender Dank an seine Frau Christiane

Mülbe kam 1943 als Sohn eines Gutsverwalters in Striche im Kreis Schwerin an der Warthe im heutigen Polen zur Welt. Mit eineinhalb Jahren wurde das Kind nur wenige Monate vor Kriegsende in den Wirren der Flucht von seiner Mutter getrennt. Erst zwei Jahre später fanden Mutter und Sohn über das Rote Kreuz wieder zusammen.

Mülbe wuchs in Marburg auf, wo er sein Abitur machte und als 16-Jähriger seine heutige Frau Christiane kennenlernte. Wie wichtig sie für ihn selbst und seine Theaterarbeit war, machte Uli Mülbe bei seiner Abschiedsvorstellung im Pavillon noch einmal deutlich, als sie in einem berührenden Moment mit ihm auf die Bühne kam.

Seit 1978 lebt das Ehepaar auf dem Goldberg. Weil dort für Jugendliche Angebote fehlten, trieb er zusammen mit der katholischen Kirchengemeinde die Gründung des Jugendhauses Süd voran. Die Arbeit mit Jugendlichen, der Einsatz für Nächstenliebe, Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Kulturen waren ihm in vier Jahrzehnten als Lehrer stets wichtiger als die Karriere.

„Ich bin schon immer wieder mal ein bisschen angeeckt in meinem Leben“, sagt Uli Mülbe rückblickend – wobei ihm dasselbe schalkhafte Lächeln übers Gesicht huscht, wie zuletzt in seiner Rolle als Kakerlakenkönig. In der Amtszeit von Gerhard Mayer-Vorfelder als Kultusminister hatte Mülbe sich einigen Ärger eingefangen, weil er gegen Einstellungsstopps für Nachwuchslehrer protestiert hatte. „Mir war das egal, ich war eh nie der Beförderungstyp“, winkt er ab.

Stolzer Blick auf Werdegang ehemaliger Schützlinge

Wichtig war für ihn etwas ganz anderes, nämlich wie viele junge Menschen er mit seiner Leidenschaft fürs Unterrichten, seiner Begeisterung fürs Theater, seiner menschlichen Wärme und seinem Humor fördern und voranbringen konnte. Mit Stolz hat der Pädagoge beobachtet, welche Entwicklungen ehemalige Schützlinge genommen haben. Zum Beispiel der international anerkannte Künstler Tino Sehgal, der Opernsänger Johannes Held, die beim Landeskriminalamt tätige Kriminalhauptkommissarin Türkan Karakus oder der ambitionierte Theatermacher Ingo Sika.

Im Jahr 2007 ging er als Lehrer in Pension. Von Ruhestand konnte aber keine Rede sein: Es folgten das Stadt-Musical „Sirenen der Heimat“ zum Sindelfinger 750-Jahr-Jubiläum, das preisgekrönte Migrantenstück „Alte Koffer – Neue Träume“ der Sindelfinger Bürgerstiftung, anspruchsvolle Inszenierungen mit dem Theater in der Galerie, der jährliche Einsatz beim Erasmus+-Projekt „Jugend in Aktion“ und noch einiges mehr.

Gerade bei den „Jugend in Aktion“-Projekten in Zusammenarbeit mit der Initiative Städtepartnerschaften Sindelfingen (ISPAS) trat zunehmend seine Tochter Annette von der Mülbe in den Vordergrund, die den Völker verbindenden Gedanken ganz im Sinne ihres Vaters kongenial weiterführt und ausbaut. Gemeinsam mit ihrer Regiekollegin Anke Marx inszeniert Annette von der Mülbe erst mit dem Teatro Esperanto und später mit dem daraus hervorgegangenen Teatro Cosmokult Bühnenstücke über die „Vergessenen der Gesellschaft“, wie sie es selbst formuliert. Gemeint sind damit Geflüchtete, Migranten, Gastarbeiter sowie deren Nachkommen, die zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, aufgrund ihrer Namen oder ihres Aussehens weiterhin als Nicht-Deutsche angesehen werden.

Das Feuer brennt weiter

Dieses Thema findet sich auch in der zuletzt aufgeführten Biennale-Produktion „Kitchen Stories“ wieder, ebenso wie die Wissbegierde und die – zumindest aus Erwachsenensicht – oft verblüffende Weisheit der Kinder. In gewisser Weise schließt sich damit der Kreis für den Sindelfinger Theater-Vater, der sich mit diesem Stück kurz vor seinem 80. Geburtstag an diesem Sonntag endgültig von der Bühne verabschieden will.

Besonders deutlich wird das in zwei Szenen: In der einen spielt er zusammen mit Türkan Karakus ein türkisches Großelternpaar, in der anderen steht er mit der neunjährigen Lia-Su Karakus auf der Bühne, die ihn in seiner Rolle als wuseliger Kalerlakenkönig mit sanfter Klugheit zur Räson bringt. Das Mädchen ist die Nichte von Türkan Karakus. Damit ist klar: Das Feuer, das Uli Mülbe als Lehrer vor mehr als 30 Jahren in seiner ehemaligen GGS-Schülerin angezündet hat, brennt nicht nur in ihr und so vielen anderen weiter, es geht auch auf die kommenden Generationen über.

Ein schöneres Geburtstagsgeschenk kann es wohl kaum geben.

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