Eine atemberaubend zierliche Taille, lange Beine, viel Busen und viel Po, lasziver Augenaufschlag und ein sinnlicher Mund: Vor gar nicht allzu langer Zeit wurden weibliche Film-Darstellerinnen auf eher profane Attribute reduziert. Die fast hysterisch inszenierte Weiblichkeit beinahe überirdisch schöner Frauen begründete den Ruhm von Leinwand-Diven wie Sofia Loren, Claudia Cardinale, Elizabeth Taylor oder Marilyn Monroe.
Als „schönste Frau der Welt“ bezeichneten Verehrer in den 50er- und 60er-Jahren auch die Römerin Gina Lollobrigida, die nun im stattlichen Alter von 95 Jahren verstorben ist. Humphrey Bogart sagte über ihr außergewöhnliches Äußeres, neben ihr wirke Marilyn Monroe wie (der Kinderstar) Shirley Temple.
Heute schämt man sich solch eines eindimensionalen, teils lüsternen, unverhohlen körperfixierten Frauenbildes. Und auch die alten Filme, in denen die von ihren Fans liebevoll als „La Lollo“ gehuldigte Gina Lollobrigida spielte, geraten inzwischen in Vergessenheit. Zu Unrecht, denn wie manche ihrer berühmten Kolleginnen hatte auch die 1927 in zunächst bürgerlichen, nach dem Krieg jedoch in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Mimin weit mehr zu bieten als bloß einen hübschen Derrière (französisch: Hintern) und volle Lippen.
Blickt man auf Lollobrigidas Lebenswerk, erstaunt die Vielseitigkeit der Talente und Interessen der Frau, die als Schauspielerin bald von der jüngeren, nicht minder schönen Italienerin Sofia Loren in den Schatten gestellt wurde. Als ihre Filmkarriere abflaute, erfand sich Gina Lollobrigida als Fotografin und Bildhauerin neu, drehte später einen beachteten Dokumentarfilm über Fidel Castro, war politisch und sozial engagiert – und weit entfernt davon, sich auf die Rolle einer Diva mit perfekt gerundetem Körperbau reduzieren zu lassen. Dabei fiel sie schon als Kind wegen ihres Aussehens auf und wurde als Dreijährige in einem Wettbewerb zum schönsten Kleinkind gekürt. 1947 belegte sie den zweiten Platz beim Wettbewerb zur „Miss Roma“ und den dritten bei der Wahl zur „Miss Italia“.
Zum Film kam die Tochter eines nach dem Krieg verarmten Möbelfabrikanten durch Zufall. Zunächst hatte sie ein Studium der Bildhauerei aufgenommen, arbeitete nebenher jedoch als Model und Sängerin, um sich über Wasser zu halten. 1947 erhält sie ihre erste Rolle in Mario Costas Film „Opernrausch“, nachdem man sie von der Straße gecastet hatte. „Vanity Fair“ erzählte Lollobrigida 2015, wie sie Ende der 40er Jahre die Filmproduzenten frech um den Finger wickelte. Zuerst habe sie abgelehnt, in einem Film mitzuspielen, aber die Produzenten hätten nicht locker gelassen. „Also habe ich ihnen gesagt, dass mein Preis bei einer Million Lire liegt – und dachte, das würde der Sache ein Ende bereiten. Aber sie sagten ja.“
Durchbruch im Film als schöne und kluge Wahrsagerin
Im Laufe ihrer Karriere mit mehr als 6o Filmen sollte sie dann mit zahlreichen Hollywood-Größen wie Burt Lancaster, Errol Flynn und Rock Hudson vor der Kamera stehen. Ihren ersten Hit „Schach dem Teufel“ dreht sie an der Seite von Humphrey Bogart.
Im romantischen Mantel-und-Degen-Film „Fanfan – der Husar“ (1952) schaffte die Lollobrigida ihren Durchbruch als ebenso schöne wie kluge Wahrsagerin Adaline, die sich im Frankreich des 18. Jahrhunderts in einen Soldaten verliebt. Die Geschichte ist voll von wilden Abenteuern, witzigen Dialogen und sanftem Thrill – Fanfan soll am Galgen sterben und muss durch einen gewitzten Plan gerettet werden – der Film besticht aber noch heute durch ein ungetrübtes, märchenhaft-naives Happy End. Abenteuerlich geht es auch im farbenprächtigen Melodram „Trapez“ (1956) von Carol Reed zu, in dem Gina Lollobrigida als Zirkusartistin zwischen zwei befreundete Trapezkünstler gerät.
Viel näher an sozialen Realitäten war ihre Rolle in Luigi Comencinis am dörflichen Nachkriegsalltag interessierte Komödie „Brot, Liebe und Fantasie“ (1953). Darin tritt die Diva als verarmtes, aber keck-freches Dorfmädchen in Lumpen auf und nimmt mit ihrer Schauspielkunst auch strengere Kritiker für sich ein. In Jean Delannoys berühmtem Kassenschlager „Der Glöckner von Notre Dame“ (1956) spielt sie an der Seite des damaligen Frauenschwarms Anthony Quinn.
So vielseitig sie sich in vielen ihrer Rollen auch zeigt, ausziehen wollte sich Gina Lollobrigida vor der Kamera allerdings nie. Diese Prinzipientreue schadete ihrer Leinwand-Karriere – im wirklichen Leben hat „Gina Nazionale“ jedoch durchaus für Skandale gesorgt.
In der Liebe klappt es nicht so richtig
So kam 2007 ans Licht, dass Lollobrigida bereits in den 1970er Jahren ein sexuelles Verhältnis mit ihrem späteren, rund 34 Jahre jüngeren Lebensgefährten Javier Rigau Rifols unterhielt. Lollobrigida selbst hatte behauptet, Rigau Rifols erst um 1982 getroffen zu haben. In Wahrheit lernten sich beide kennen, als der Spanier gerade einmal fünfzehn Jahre alt war. Die Beziehung zwischen der Erwachsenen und dem Minderjährigen war in den Siebzigern in Spanien legal, weshalb das Paar später keine juristische Folgen befürchten musste. Die geplante Hochzeit mit Rigau Rifols scheiterte jedoch, weil sich der Bräutigam als Heiratsschwindler entpuppte. Lollobrigida beschuldigte ihn, er habe sie dazu gebracht, Dokumente zu unterschreiben, mit denen er sie in Abwesenheit in Spanien heiraten konnte. 2019 wurde die Ehe vom Vatikan annulliert.
Auch Lollobrigidas erste Ehe mit dem slowenischen Arzt und späteren Manager Milko Skofic scheiterte. Nach der Scheidung im Jahr 1971 sagte man Lollobrigida zahlreiche Affären mit prominenten Männern nach, darunter sollen der Milliardär Howard Hughes und der amerikanische Politiker Henry Kissinger gewesen sein. Die große Liebe fürs ganze Leben hat Lollobrigida nie gefunden, wie sie 2015 „Vanity Fair“ sagte: „Hatte ich den Richtigen gefunden, lief er vor mir weg“, sagte sie. „Ich bin zu stark, zu beliebt.“
Zu ihrem 1957 geborenen Sohn Andreas Milko jr. brach Gino Lollobrigida zuletzt den Kontakt ab, weil dieser einen Finanzvormund für seine Mutter bestellt hatte. Wohl aus Sorge, weil sich die alte Dame ein weiteres Mal mit einem wesentlichen jüngeren Mann, ihrem Assistenten Andrea Piazolla, eingelassen hatte. Nicht ganz zu Unrecht, schließlich bekannte Lollobrigida im Jahr 2000: „Ich hatte viele Liebhaber, und ich habe immer noch Romanzen. Ich bin sehr verrucht.“ Dennoch wehrte sie sich gegen die Bevormundung und brach mit ihrem Sohn. In einem TV-Interview aus dem Jahr 2021 sagte sie: „Ich habe das Recht in Frieden zu leben, aber auch in Frieden zu sterben.“
In einem Twitter-Statement hat sich nun am Montag der italienische Kulturminister Gennaro Sangiuliano von Lollobrigida verabschiedet: „Lebewohl an eine Diva der Leinwand, Protagonistin von mehr als einem halben Jahrhundert italienischer Kino-Geschichte. Ihr Charme wird für immer bleiben.“