Zum Tod von Bruno Epple Eine Urgestalt des Bodensees

Der Dichter und Maler Bruno Epple (1931-2023) Foto: Ulrich Fricker

Der Bodensee stand im Zentrum des künstlerischen Schaffens von Bruno Epple. Der Dichter und Maler war zeitlebens dem Zauber des Dreiländersees auf der Spur – und hat ihn uns näher gebracht.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Der Bodensee ohne Bruno Epple ist eigentlich nicht vorstellbar. Er war ein Teil der Landschaft, der Kulturlandschaft, mindestens der Halbinsel Höri, auf der er seit 1965 lebte. Bruno Epple: verwoben mit dem See, verwachsen mit der Sprache – dem Alemannischen –, vertraut mit den Leuten. Hier fühlte er sich „dehomm“ (daheim). Er hat den See in Prosa beschrieben, in Mundart-Gedichten besungen und in Bildern festgehalten. Entstanden sind wunderbare Lautmalereien in Wort und Farbe, in Breite und Tiefe.

 

Epple war im besten Sinne ein Naiver. Und zugleich das, was man auf Englisch „native“ nennt, ein Eingeborener, der seine Aufgabe darin sah, der Landschaft, in die er hineingeboren war, einen künstlerischen Ausdruck zu geben.

Feinster Pinselstrich und „dahinstastendes Schreiben“

1931 kam Bruno Epple in Rielasingen im Hegau zur Welt. Nach dem Gymnasium und Studienjahren in Freiburg, München und Rouen arbeitete er als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Französisch in Radolfzell, später dann, bis zu seinem Lebensende, als freischaffender Künstler in Wangen auf der Höri, die bis heute und lange vor ihm zahlreiche Schriftsteller und Maler beheimatet hat, darunter so bekannte wie Hermann Hesse und Otto Dix.

Warum die Höri? Diese Frage hat er in seinem Buch „Seegefilde“ beantwortet: „Die Höri-Landschaft ist für den guten Maler, der seinen Blick nicht trüben lässt von Tendenzen, nicht nur eine Verlockung, sondern eine Herausforderung, und wenn er sich ihr stellt, wird er erregend Neues sichtbar machen können und uns die Augen öffnen.“ Bruno Epple war ein solcher Augenöffner. Seine mit feinstem Pinselstrich gearbeiteten naiven Bilder, seine aus „dahintastendem Schreiben“ hervorgehenden Gedichte, vermitteln den Zauber des Sees, den Gehalt der Landschaft. Sie sind eine variantenreiche Antwort auf die vom ihm selbst gestellte Frage: „Wie einem Fremden den Bodensee erklären, seine Vielgestalt überschaubar, seine Besonderheit merkbar machen?“

Mit Martin Walser freundschaftlich verbunden

Epples Haus auf einer Anhöhe über dem See bot einen großartigen Ausblick auf den von ihm verehrten See: „Ich schau von Osten nach Westen – mit der Bahn der Sonne, auch mit der Strömung des Rheins durch den See“, schreibt er in „Seegefilde“: „Ich habe also jenseits des Wassers die Schweiz vor Augen und Deutschland im Rücken. Auch das ist eine Position.“ Für ihn war Schweiz nicht Ausland: „Nachbarlich und sprachlich bin ich ja halb Schweizer, drüben fast ebenso zuhause wie hier.“ Und so begegnete man ihm auch dort ganz selbstverständlich, etwa bei einer Lesung von Peter Bichsel in Gottlieben, mit dem er die Liebe zur feinsinnigen Sprache teilte. Mit dem jüngst verstorbenen Martin Walser, einer anderen Urgestalt des Bodensees, war er freundschaftlich verbunden.

Ein kreatives Gespann mit seiner Frau Doris

„Wer am See wohnt, wohnt an der Grenze, am Rand, am Ende des Weges, am Wasserglück“, notierte der für seine Poesie und Malkunst preisgekrönte Epple: „Die Landschaft, bei aller Offenheit ist raumhaft. Mitunter kommt mir vor, als wohnte ich darin wie in einem großen, erweiterten Zimmer.“

Bis vor drei Jahren teilte er sich dieses Zimmer mit seiner Frau Doris, die es mit Scherenschnitten, Malereien und kaligrafischen Arbeiten zu kunsthandwerklicher Meisterschaft brachte. Ein kreatives Gespann, das die Arbeit des jeweils anderen wertschätzte und weit über den See hinaus sozial wirkte. Aus einer Begegnung mit den Ärmsten der Armen in den Hinterhöfen von St. Petersburg entstand die Doris-Epple-Stiftung Armenhilfe für Russland, für die sich die Gründerin unermüdlich einsetzte.

Doris Epple starb 2020. Ihre karitative Arbeit wird von der Caritas Osnabrück fortgesetzt, auch wenn dies angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine inopportun erscheint. Nun ist ihr Bruno Epple gefolgt. Am Freitag starb er 92-jährig in Allensbach. Natürlich am Bodensee.

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