Zum Tod von Felix Huby Der Autor fürs Schwäbische
Er hat den Winzer Eugen erfunden und den Kommissar Bienzle: Der TV- und Buchautor Felix Huby schuf einprägsame Querköpfe. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.
Er hat den Winzer Eugen erfunden und den Kommissar Bienzle: Der TV- und Buchautor Felix Huby schuf einprägsame Querköpfe. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.
Er war gar nicht angetreten, das Schwabentum zu retten, auch wenn der Geschichtenerfinder Felix Huby manchmal wie der Schutzpatron jenes etwas knurrigen, verstockten und doch sehr gewieften südwestdeutschen Menschenschlags wirkte, den man im Rest der Republik gerne belächelt.
Der nun im Alter von 83 Jahren gestorbene Buch- und Drehbuchautor hat den Schwaben als Fels in der Brandung der Moderne gezeigt, als wunderlichen, wertefesten, verschmitzten, hinter gelegentlicher Cholerik und häufiger Verdrossenheit die Empfindsamkeit des Herzens verbergenden, erzkonservativen Anarchisten mit Hang zu festem Regelwerk. Gelegentlich auch, Huby schrieb schließlich gerne Krimis, als gefährlichen Dreckskerl, meist aber als einen, in den man sich einfühlen konnte, auch wenn man ihm nicht verzeihen wollte.
Und so hat Huby, der eigentlich Eberhard Hungerbühler hieß, den Stuttgarter Kommissar Ernst Bienzle erfunden. Der trat 1977 in „Der Atomkrieg von Weihersbronn“ erstmals vor Leser und ermittelte von 1992 bis 2007 in 25 „Tatort“-Folgen, verkörpert von Dietz-Werner Steck. Bienzles Fälle betrachtet man derzeit noch als Krimireihe, aber künftige Generationen werden das vielleicht als schwäbisches Nationalepos sehen, als Saga eines so widerwilligen wie unbeirrbaren Drachentöters, der seinen zu jagenden Ungeheuern lieber ins Gewissen redete, als ihnen wehzutun.
Der am 21. Dezember 1938 in Dettenhausen bei Tübingen geborene Huby hat allerdings noch viel mehr erfunden, die Serie „Der Eugen“ mit Walter Schultheiß etwa, schnurrige Minidramen rund ums Weingut Eisele, und den „König von Bärenbach“, auch „Oh Gott, Herr Pfarrer“ und „Ein Bayer auf Rügen“. Er hat sogar Drehbücher für den Ruhrpott-Rabiator Schimanski geliefert, der einen ganz anderen Ton in den „Tatort“ brachte als der Ernst Bienzle.
Missverständnisse, Fehleinschätzungen, vielleicht auch Unterschätzungen konnten nicht ausbleiben bei so einem umtriebigen Figuren- und Konfliktproduzenten. Nein, Huby war kein Heimatdichter, sondern ein hochprofessioneller Kultur- und Medienarbeiter. Aber er war kein cooler Produktlieferant für eine hungrige TV-Maschine, sondern immer auch ein Querkopf. Die Redaktionen der Sender hatten es nicht immer leicht mit ihm. Aber sie hatten viel an ihm.
Die Missverständnisse, teils vorsätzlich geschürte, setzten gleich mit seinem erfolgreichen Debüt ein, das in der damals unter Krimifreunden sehr renommierten Thriller-Reihe bei Rororo erschien. Der Krimi hatte sich in gewissen Kreisen endlich ersten Respekt erobert, weil er als gesellschaftskritische Aufklärungsliteratur gedeutet wurde. Das Verbrechen sollte im deutschen Soziokrimi entweder als Versagen der Gesellschaft oder als Gewalt von oben nach unten gezeigt werden.
„Der Atomkrieg von Weihersbronn“ mit seiner Geschichte um einen Atommüllskandal dockte nicht nur an der damals starken Anti-AKW-Bewegung an. Der Roman wurde von einer Art Whistleblower-Aura umflackert. Denn Huby war „Spiegel“-Reporter, er hatte über einen Atommüllskandal recherchiert. Lag es da nicht nahe, dass er in Romanform das vortrug, was er beim „Spiegel“ nicht mehr in seine Artikel packen durfte? Sollte man nicht jeden künftigen Huby-Roman als Kassiber voller Geheimwissen lesen?
Tatsächlich hatte Bienzle einen anderen Kern. Zwar hatte Missbilligung des „Spiegel“-Chefs Rudolf Augstein für die Krimigelüste seines Baden-Württemberg-Korrespondenten Hungerbühler zum Pseudonym Huby geführt. Aber Bienzle, der Georges Simenons Pariser Menschenversteher Kommissar Maigret in seiner Ahnenlinie hat, war nicht als Verteilagent subversiver Gegeninformation erfunden worden. „Der Atomkrieg von Weihersbronn“ war auch gar nicht sein erster Einsatz.
Der gesundheitlich angeschlagene Huby hatte eine Kur absolvieren müssen, ihm war sehr langweilig geworden, eine Reiseschreibmaschine war zur Hand – und so schrieb er zunächst den Bienzle-Krimi „Tod im Tauerntunnel“. Als er den Rowohlt anbot und gleich von seiner Idee für einen zweiten Bienzle-Auftritt erzählte, beschloss der Verlag nachgerade schwäbisch pfiffig, den zweiten Roman zuerst zu veröffentlichen. Atommüll war ein kaum zu toppender Aufreger.
Dass Felix Huby, bei allem Gespür für den Markt, für Zuschaueransprüche und Grenzen, aber auch fürs platzierbar Unerwartete, zur eigenen Unterhaltung schrieb, sollte man angesichts der Anfänge von Bienzle nicht aus dem Auge verlieren. Huby hat das einmal so beschrieben: „Ich setze mich hin, habe den Anfang einer Geschichte, eines Films, eines Theaterstücks oder eines Hörspiels, und dann fangen die Figuren an zu agieren. Ich muss nur nachkommen mit dem Schreiben. Es ist oft so, dass ich an den Schreibtisch gehe, um überhaupt zu erfahren, wie es weitergeht. Für mich ist Schreiben ein bisschen wie lesen. Ich bin dann in einer Art Trancezustand, lebe mit meinen Figuren, die handeln, und ich schreibe es auf. Da kommt es schon mal vor, dass ich 30 oder 35 Seiten am Tag schreibe, ohne Mühe, ohne irgendwelche Nöte.“
Gerade darum fand Huby als Autor vielleicht erst ganz zu sich, als er recht spät von sich selbst zu erzählen begann, als ihn erfundene Figuren nicht mehr davonzogen. In einer Folge von launischen, anekdotischen, autobiografischen Romanen untersuchte er, was für ein Kind und junger Kerl er gewesen war, in welchen Welten er gelebt und gearbeitet hatte, wie diese sich verändert hatten. Da wollte er über sich schmunzeln und von sich selbst lernen. Auch er selbst hielt „Heimatjahre“, „Lehrjahre“ und „Spiegeljahre“ für wesentlich anders als das Vorangegangene. In Hubys Welt durfte man bei Kleinigkeiten maßlos bruddelig sein und bei großen Dramen schmallippig untertreiben. So hat er das Schwabentum gültig umrissen. Wenn etwas richtig in die Grütze ging, sagte Bienzle bloß: „Oh, du liabs Herrgöttle von Biberbach, wia hent di d’Mucka verschissa!“ Um einen Tod macht man da kein allzu großes Aufheben, gerade wenn man weiß, dass man den Abgetretenen nicht vergessen wird.
Man muss also abwarten, was passiert, über Nachrufe und Trauerreden hinaus. Aber man ahnt doch: Ein Kapitel schwäbischer Geschichte ist nun zu Ende gegangen.