Zum Tod von Peter Eötvös Ein Menschenfreund
Der Ungar Peter Eötvös war Komponist, Dirigent, Lehrender. Und ein ebenso begeisterter wie begeisternder Weltbürger.
Der Ungar Peter Eötvös war Komponist, Dirigent, Lehrender. Und ein ebenso begeisterter wie begeisternder Weltbürger.
Auf der Werkstattbühne der Frankfurter Oper 2014. Alles dunkel. Dann: ein lauter Schlag, es wird hell, vorne klopfen gut zwanzig Menschen mit Löffeln, Messern und Stäben auf alles ein, was da herumliegt: Töpfe, Bretter, Bleche, Eimer. Jeder schlägt für sich, und doch fügt sich das Ganze in dieser ungewöhnlichen Ouvertüre zu einem Klangteppich. Den hätte sich auch ein anderer Komponist ausgedacht haben können, als es der Ungar Peter Eötvös für die Uraufführung seiner Oper „Der goldene Drache“ tat. Aber gibt es einen Komponisten, der so viel Fantasie für das Reich der süffigen, unmittelbar berührenden Zwischentöne hat wie er? Eötvös, der am Sonntag 80-jährig nach schwerer Krankheit in Budapest gestorben ist, hat zwar bei Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez gelernt, schrieb eine stets prachtvoll schillernde Musik von packender Sinnlichkeit. Und genau so hat er auch dirigiert.
Peter Eötvös hat den Menschen gesehen. Als Komponist hat er sich um die Zuhörenden bemüht, die er mitnehmen und unterhalten wollte.
Als Dirigent hat er die Individuen im Orchesterkollektiv beim Namen genannt. Den Taktstock weggelassen! Im alltäglichen Umgang war Eötvös überaus höflich, zuhörend, zugewandt. So war er auch als Lehrender: offen, fördernd, stärkend.
Diese Konzilianz mag etwas mit dem Vielvölkerstaat zu tun haben, dem Eötvös entstammt. Dessen Buntheit prägt Eötvös‘ Werke, die sich sinnlich aufspreizen zwischen seriellen Ideen und Einflüssen ungarischer Volksmusik, die ihm sein erster großer Kompositionslehrer Zoltán Kodály ans Herz legte. Zahlreiche Orchesterwerke, die Eötvös mit Vorliebe selbst leitete, leben von den Reibungen zwischen diesen Stilen. Sein ureigenes Terrain fand der vielsprachige Künstler auf der Opernbühne. Ein Kommunikator wie er blüht auf im dort herrschenden Miteinander unterschiedlicher Menschen und Gewerke, und seit seinem ersten großen Musiktheater-Erfolg 1998 mit „Drei Schwestern“ entzündete sich seine musikalische Fantasie besonders überzeugend. Derart undogmatische und fantasievolle Menschenfreunde gibt es unter Künstlern nicht oft. Peter Eötvös wird uns fehlen.