Zum Wesen des Kunden Ich scanne, also bin ich?
Nein! Es ist keine Fortschrittsverweigerung, wenn man einfach nur mal Kundin sein und nicht alles selber machen möchte, sagt StZ-Autorin Hilke Lorenz.
Nein! Es ist keine Fortschrittsverweigerung, wenn man einfach nur mal Kundin sein und nicht alles selber machen möchte, sagt StZ-Autorin Hilke Lorenz.
Stuttgart - Das ganze Leben ist ein einziges großes Outsourcing-Projekt. Oder sagen wir es eine Nummer kleiner: Wir müssen immer mehr Fertigkeiten an den Tag legen, wenn wir zum Beispiel den ja nicht sehr abwegigen Wunsch haben, etwas einzukaufen. Der Einkauf von Lebensmitteln ist nichts Kapriziöses. Er gilt der reinen Daseinsvorsorge. Es geht um die simple Kausalität beim Thema Hunger, Kochen und zu diesem Zwecke Zutaten kaufen. Vulgo: Der Kühlschrank ist mal wieder mehr leer als voll. Also los!
Und dann ist da dieser Scanner an der Kasse des Supermarkts. Wir tüten ja seit Jahren klaglos das Obst und Gemüse selber ein und – wenn wir den Überblick zwischen den unterschiedlichen Strategien der verschiedenen Discounter behalten –, wiegen es auch artig selbst ab und kleben ein Preisetikett drauf. Machen wir alles. Widerspruchslos. Und trotzdem: Ich wäre so gerne manchmal mal wieder einfach nur Kundin. Jemand, der auch gar nicht übermäßig umsorgt sein will, aber gerne ein Gegenüber hat und nicht immer nur als Hipster mit einer App für jede Eventualität unterwegs sein will. Davon profitieren ja beide Seiten. Hier Kundin, dort die Menschen, die im besten Sinn selbstbewusst und mit Engagement ihren Job machen. An der Käsetheke, beim Bäcker und auch bei der Wurst und beim Fleisch. Ja, die Rahmenbedingungen sind dazu nicht immer förderlich. Ist leider so.
Aber wenn’s dann, wie in immer noch vielen Fällen, eine erfreuliche Begegnung ist, dann ist es auch nicht zu viel verlangt, wenn man als zufriedene Kundin mal sagt: „Sie sind immer so freundlich. Das ist schön, weil es nicht mehr selbstverständlich ist. Danke!“ Das zufriedene Aufblitzen im Gesicht des Gegenübers rettet den Tag – für alle Beteiligten.
Und nun das. Wir kennen es ja bereits aus einzelnen Baumärkten und natürlich aus dem großen schwedischen Möbelhaus. Der Kunde wird zum Dienstleister in eigener Sache, nimmt den Scanner in die Hand und erfasst seine Einkäufe, jeden einzeln. Dann zückt er seine EC-Karte, steckt sie in den Schlund der Zahlungsapparatur, macht eine Kreuz auf dem Touchpad, unterschreibt völlig unleserlich, weil man mit diesem Schreibgerät überhaupt nicht in normaler Schrift unterschreiben kann. Im Idealfall klappt das alles. Perfekte neue Welt. Auf seine Art ist es faszinierend – an Tagen, an denen man keine Lust auf menschliche Begegnung hat. Aber es gibt auch andere Tage mit der Sehnsucht, etwa ganz analog zur Friseurin des Vertrauens zu gehen, Kaffee, Keks und ein Glas Wasser und einen analogen Haarschnitt zu bekommen. Herrlich!