Wenn einem die Welt um einen herum zu viel wird, muss man hin und wieder jede Beschleunigung rausnehmen und schweigen. In einem Schweigekloster zum Beispiel. Anfang dieses Jahres habe ich diesen Ausflug gemacht, fünf Tage in den österreichischen Bergen. Eine Zen-Kloster-Erfahrung, die mein Leben um vieles bereichert hat. Hier möchte ich vom täglichen Ablauf in dieser über vierhundert Jahre alten Hütte sprechen, die ohne Elektrizität, nur von Kerzenlicht beleuchtet, am Fuß eines Berges aus Holz und Stein gebaut und in Richtung Tal ausgerichtet stand. Ein beruhigendes und einladendes Bild. Als ich mich informierte über dieses Kloster, hieß es, es sei ein Schweige-Wander-Kloster. Ich dachte, okay, dann laufen wir am Tag bestimmt ein paar Meter weg, womöglich eine betonierte, ebene Straße entlang, um uns nicht allzu sehr anzustrengen. Falsch.
Das Wandern ist des Barteks Lust
Schon die letzten achthundert Meter vom Parkplatz zur Zen-Hütte hatte man zu Fuß zurückzulegen, mitsamt Gepäck, da sämtliche Straßen ab hier eingeschneit waren und kein Streufahrzeug sich dieser Gegend jemals zu nähern schien. Alle drei Meter sank ich bis zum Knie in den Schnee ein und bereute bereits zu diesem Zeitpunkt, nur normale Straßenkleidung und Jeans eingepackt zu haben, anstatt wasserfeste Wanderhosen und Stiefel. Ich hatte atmungsaktive Wanderschuhe dabei, die auf beiden Seiten kleine Löcher hatten, wie von Zahnstochern durchbohrt. Das hilft sicher im Sommer bei Wanderungen gegen Schweißfüße, im Winter jedoch, in den österreichischen Bergen, ließen diese kleinen Löcher meine Socken sofort durchnässt im Stiefel, kurz vor vor Gefriertemperatur. Das würden fünf interessante Tage werden.
…und täglich grüßt das Trommeltier
Zu acht waren jeweils Frauen und Männer in einem Schlafraum untergebracht. Im oberen Stockwerk befand sich dann ein großer Gemeinschaftsraum, in dem alle zusammen meditieren würden. Für mich, der ich sonst gut und gerne der Lauteste in einem Raum bin und viel Bohei um alles mache, war es sehr neu, einmal in vollkommener Stille zu leben, sich Gags zu verkneifen, Fragen nicht zu stellen oder Dinge zu kommentieren. Aber auch sehr befreiend von der ersten Minute an.
Am Anreisetag gab es abends einführende Unterweisungen vom extrem netten und zuvorkommenden Zen-Meister für die kommenden Tage, schließlich dann auch die erste Meditationsrunde, nachdem man sein Handy ausgeschaltet, seinen Schrank eingeräumt und sein Bett bezogen hatte.
Meditation, Wanderung, Schlaf – und von vorn
Der Ablauf, für jede:n der oder die sich für den Besuch eines Zen-Klosters in den österreichischen Bergen interessiert, war jeden Tag der folgender:
5:50 Uhr: Man wird von lautem Trommelschlagen geweckt. Mit so vielen anderen in einem Raum zu schlafen, das erinnerte mich sehr an Nightliner-Nächte auf Tour. Nur, dass man sich hier nicht mit Rotwein müde saufen konnte und ohne Handy oder andere Ablenkung gezwungen war, an die Decke zu starren, bis man gedankenentleert eingeschlafen war.
Zehn vor sechs fand ich mich also nach einer nicht sehr erholsamen Nacht in absoluter Dunkelheit wieder, geweckt von Trommeln. Ohne zu wissen, wer ich überhaupt war und wo oben und unten ist, hatte ich nun bis 6.30 Uhr Zeit, mich im Meditationsraum einzufinden.
Der frühe Vogel fängt das Zen
6.30 Uhr: Zu sechzehnt saßen wir im Schneidersitz im Raum verteilt auf Meditationskissen. 90 Minuten ging eine Sitzung, bei der abwechselnd 25 Minuten sitzend, dann fünf Minuten im Kreis gehend, meditiert wurde. Neu und interessant war für mich vor allem die Tatsache, dass man nicht zur Raummitte geschaut hat, sondern jede:r gegen die Wand gerichtet saß, laut Zen-Meister am besten mit geöffneten Augen. Neues Level der inneren Ruhe auf jeden Fall.
8 Uhr: arbeiten im und am Haus. Reinigen der Toiletten, in den Flur hineingeschleppten Schnee entfernen, Tisch decken, Frühstück vorbereiten.
9 Uhr: Frühstück. Niemand redet, man gestikuliert und verständigt sich mit Blicken, was wirklich wundervoll funktioniert. Eine homogene Gruppendynamik entwickelt sich.
10 Uhr: Abwasch und Vorbereitung des Lunchpakets für die Wanderung.
11 Uhr: Vier Stunden wandern in Stille. Man musste nicht die volle Zeit wandern, aber es empfahl sich wohl, so viel Zeit wie möglich in der Natur zu verbringen und in Stille eine Wanderroute zu gehen. Das war für mich das anstrengendste und gleichzeitig schönste Erlebnis jeden Tag. Der Berg war jeden Tag anders. Mal hatte das Wetter Neuschnee gebracht, der mich hunderte Male auf dem Weg zum Gipfel einsinken ließ, ein anderes Mal wiederum hatte die Sonne vom wolkenlosen Himmel aus den Schnee fest und hart werden lassen, sodass ich „nur“ noch mit der Steigung zu kämpfen hatte.
15.30 Uhr: Kaffee und Kuchen (und krass ausruhen vom Wandern).
16.30 Uhr: anderthalb Stunden Meditation.
18 Uhr: Abendessen.
19.30 Uhr: nochmal anderthalb Stunden Meditation (puh).
21.15 Uhr: Bettruhe.
Stille aushalten will gelernt sein
Meditation steht hier so einfach da. Doch welche Höhen und Tiefen man beim Absitzen der Meditationszeit erreicht, lässt sich gar nicht in Worte fassen. Ohne jegliche Ablenkung auf sich gestellt, in sich gekehrt. Einfach bewusst im Hier und Jetzt sein. Es klingt so leicht, hat aber zwei Tage gedauert, bis ich mich an den Schmerz der Schneidersitzhaltung und an die Stille gewöhnt hatte. Dann war es aber ein reines Aufladen der inneren Batterien. Ein Durchlüften von Geist und Seele.
Die Frage am Ende war nicht, ob ich dieses Kloster in Puregg, am Hochkönig in Österreich, wieder besuchen würde, sondern, ob ich das nächste Mal lieber meiner Kleidung entsprechend im Frühjahr absolvieren würde. Dann ohne die im Stillen ausgerufenen „Fuuuck“-Schreie beim erneuten Einsinken in die feucht-kalte Schneedecke.
Ein absolutes Muss für jede:n, der oder die die eigene innere Unruhe mal überwinden möchte. Zur Ruhe kommen in den österreichischen Bergen. Bestes Life!