Zwischennutzung des ehemaligen IBM-Areals Starts-ups, Ateliers und ein Sandstrand

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Die ehemalige IBM-Zentrale in Vaihingen soll sich in den nächsten Jahren in einen neuen Stadtteil verwandeln. Bis es so weit ist, wird die riesige Brache ab jetzt aber erst einmal kulturell bespielt – für mindestens zwei Jahre.

Ein fast 20 Hektar großes Gesamtareal: In einer Luftaufnahme lässt sich die unvorstellbare Größe der Ex-IBM-Zentrale am Rande von Vaihingen am besten verdeutlichen. Foto: Max Leitner 9 Bilder
Ein fast 20 Hektar großes Gesamtareal: In einer Luftaufnahme lässt sich die unvorstellbare Größe der Ex-IBM-Zentrale am Rande von Vaihingen am besten verdeutlichen. Foto: Max Leitner

Stuttgart - Wer auf dem Eiermann-Campus im Stuttgarter Stadtteil Vaihingen herumstreunert, hat das Gefühl, in einem begehbaren Museum der Industriegeschichte zu wandeln. Die riesige, 20 Hektar große und seit acht Jahren leer stehende Fläche wirkt wie eine Geisterstadt mit einem eigenen kleinen See, an dessen Ufer man Meeresrauschen zu hören glaubt, das aber dann doch leider nur ein Brummen von der angrenzenden Autobahn ist. Wäre das Areal Gegenstand eines Films, würden hier die Außerirdischen mit ihren Ufos landen, um sich zum Beispiel die Geschichte von Egon Eiermann, dem Architekten des deutschen Wirtschaftswunders, erklären zu lassen.

Wer die Gebäude erkundet, verläuft sich mehr als einmal. Hilfreicher Wegweiser: Im untersten Stockwerk in einem der Gebäude steht ein Elefant am Fenster. Ein Requisitenfundus hat hier sein Lager. Das ehemalige Büro des Werkschutzes sieht so aus, als hätte hier der Elefant im Porzellanladen gewirkt – die Spuren eines Einbruchs sind noch nicht ganz beseitigt.

Mittlerweile bricht keiner mehr in das Areal ein. Das ist das Verdienst von Frank Borrmann und Thorsten Brose. Die beiden haben sich auf die Instandhaltung von leer stehenden Gebäuden in Stuttgart spezialisiert. Die Zwischennutzung des Azenberg- Areals hatten sie zum Beispiel begleitet. Dieselbe Aufgabe übernehmen sie nun für den Besitzer der ehemaligen IBM-Zentrale, den Investor Mathias Düsterdick, und seine Gerch Group. Der Düsseldorfer ist in Stuttgart kein Unbekannter, seit er sich mit der Stadt einen unterhaltsamen Schlagabtausch um die Villa Berg geliefert hat.

Pawlow’scher Reflex bei der Automobilindustrie

Das Kleinod im Stuttgarter Osten hatte Düsterdick von Rudi Häussler erworben. Später hat ihn die Stadt dazu gedrängt, das Kulturdenkmal wieder zu veräußern – und zwar an die Stadt. Dass sich seitdem bei der Villa Berg nicht mehr viel getan hat, verwundert den Investor, der sechs Jahre lang in Stuttgart gelebt hat und in ganz Deutschland Immobilien entwickelt. „Da sind wir mit der Ex-IBM-Zentrale weiter.“

Düsterdick will auf dem Areal einen neuen Stadtteil errichten, den Garden Campus, entstanden in einem Wechselspiel aus Bürgerbeteiligung und Architekturwettbewerb. Baubeginn soll voraussichtlich im Jahr 2020 sein. „Damit das Gelände nicht weiter brach liegt, wollen wir es ab jetzt für mindestens zwei Jahre für Zwischennutzungen öffnen“, sagt Düsterdick. Die vielen freie Parkplätze auf dem weitläufigen Areal haben bei der Autoindustrie offenbar einen Pawlow’schen Reflex ausgelöst. Laut Düsterdick ist man sich mit einigen Automarken über eine zeitnahe Teilnutzung des Areals einig – als Verkaufs- oder Präsentationsfläche.

Eine ausschließliche Nutzung durch die Autobranche wäre aber Verschwendung. Für Interimsnutzungen stehen rund 50 000 Quadratmeter Bürofläche zur Verfügung. Dem Investor schwebt ein Mix durch Nutzer aus zwei Bereichen vor. „Zum einen wollen wir Start-ups anlocken und Atelierräume für Künstler anbieten. Zum anderen wollen wir das Areal durch Kultur im weitesten Sinne, durch eine Gastronomie und einen Club beleben und das möglichst bald, damit die jungen Menschen, die eines Tages hier leben sollen, das Areal jetzt schon erleben können.“

Neuer Treffpunkt für die Generation Festival

Für die Club- und Gastrothematik sind Brose und Borrmann zuständig. Sie würden gerne mit dem Club Kowalski, der seinen Stammsitz in der Stuttgarter Innenstadt hat, einen Clubbetrieb samt Bühne und Sandstrand am See etablieren. Nach dem Vorbild der Bar 25 in Berlin könnte hier ein Ausflugslokal entstehen, das auf anspruchsvolle elektronische Musik, Foodtrucks und das Lebensgefühl der Generation Festival setzt statt auf schlechte Schnitzel und schlechte Musik. „Außerdem haben wir eine Halle für Einzelveranstaltungen und kleinere Messen im Angebot“, sagt Borrmann. Vom 50. Geburtstag bis zur Hochzeitsmesse sei da alles möglich.

Am Anfang der kulturellen Bespielung des Eiermann-Areals steht das Stück „How to sell a murder house – ein getanztes Immobilienportfolio“ aus der Feder der Autorin Sibylle Berg, inszeniert durch das Theater Rampe. Am Montag beginnen die Proben unter der Leitung der Regisseurin Marie Bues und der Choreografin Nicki Liszta. Die Premiere findet am 24. März statt.

Martina Grohmann, die Intendantin des Theaters Rampe, freut sich auf die Inszenierung, die man als Bergfest auf verschiedenen Ebenen verstehen kann: als Sibylle-Berg-Fest, als Bergfest am Kesselrand und metaphorisch als erster kultureller Festakt auf halbem Weg zum neuen Stadtteil. „Wir wollen die Stuttgarter animieren, mal aus dem Kessel herauszukommen, um diese Sehenswürdigkeit zu erkunden, die in Stuttgart die wenigsten wirklich kennen.“

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