Zwischennutzung in Stuttgart Entsteht im Gebäude von Galeria Kaufhof ein neues Fluxus?

Hannes Steim, Felix Klenk und Saeed Kakavand (von links) wollen mit „Euphoria“ einen temporären Ort für Kunst, Kultur, Einzelhandel und Begegnungen schaffen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Was nach der Schließung von Galeria Kaufhof mit dem Gebäude passieren wird, ist noch unklar. Ein Team aus Stuttgarter Machern hat eine Idee – und das Zwischennutzungskonzept „Euphoria“ vorgelegt.

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Ende Januar werden sich die Türen des Galeria Kaufhof in der Stuttgarter Innenstadt für immer schließen. Damit steht dem siebenstöckigen Kaufhaus-Gebäude samt zugehörigem Parkhaus erst mal Leerstand bevor, denn es gibt noch keinen Plan, was nach der Schließung mit beidem passieren soll.

 

Für das Parkhaus haben die Grünen kürzlich mit einem Antrag an die Stadtverwaltung ihren Vorstellungen von einem urbanen Pocket-Park auf dem Parkhausdach Ausdruck verliehen. Und auch für das Galeria-Kaufhof-Gebäude selbst wurde nun Gemeinderat, Stadträten und dem Oberbürgermeister ein Zwischennutzungskonzept vorgelegt – und zwar von keinen Geringeren als von Saeed Kakavand, der hinter dem Kreativnetzwerk Hotel Central sowie dem 1. Stock steht, Hannes Steim, der vielen als der Kopf hinter der Calwer-Passagen-Zwischennutzung „Fluxus“ in Erinnerung geblieben ist, Abdullah Budik, unter anderem Inhaber der Bar Transit/Bergamo und von Stuttgarts erstem rein veganen Döner-Laden Doen Doen, sowie Felix Klenk, seines Zeichens Suessholz-Bar-Chef und ein Teil des Kreativ-Duos, das unter anderem für den mittlerweile geschlossenen Freund und Kupferstecher Club verantwortlich war.

Kunst, Kultur und Einzelhandel

Die vier Macher haben das Potenzial des zentral in der Innenstadt liegenden Gebäudes erkannt und möchten dort ein „ein temporäres Flaggschiff der Kreativwirtschaft, das verschiedene kulturelle Spielarten unter einem Dach bündelt, Synergien erzeugt, Kommunikation fördert und damit nachhaltig die Kultur und Kreativwirtschaft der Stadt Stuttgart stärkt“, realisieren. Konkret: Bezahlbare Flächen für Start-ups, Kunst, (Sub-)Kultur, Musik, kleine lokale Shops und Labels sowie Gastronomie. Ein Ort, der als Experimentierfeld für Kreative und Gründer sowie als Begegnungsstätte für eine vielfältige Stadtgesellschaft fungiert. „Euphoria“ soll er heißen.

Im Erdgeschoss sieht das Konzept einen Mix aus Einzelhandel, Präsentationsflächen und Café vor, im ersten Stock sollen Ausstellungsflächen für Kunst unterschiedlichster Couleur entstehen, der zweite Stock beherbergt den „Makers Floor“ mit Studios und Werkstätten, Stockwerk drei widmet sich mit Büroflächen und Co-Working-Spaces der Stuttgarter Start-up-Branche, im vierten Stock würde eine Event-Fläche für Flohmärkte, Messen und Co. eingerichtet werden und der fünfte Stock soll im „Rooftop Café“ mit einem bunten gastronomischen Angebot vom Frühstück bis zum Dinner bespielt werden.

Leuchtturm-Projekt für Stuttgart

„Es ist ein Ensemble aus unterschiedlichen Inhalten, von denen wir uns sehr gut vorstellen können, dass sie sich gegenseitig befruchten“, sagt Saeed Kakavand. „Wir sind, was das Konzept angeht, aber keinesfalls auf irgendeine feste Form festgelegt, das sind erst mal nur unsere Ideen. Sie sollen als Diskussionsgrundlage dienen.“ Dem Vierer-Team ist durchaus bewusst, wie ambitioniert ihr Plan ist und dass nicht alle ihre Ideen umsetzbar sein werden. Denn neben der finanziellen Frage, die wahrscheinlich nur mit einer gewissen Förderung zu beantworten ist, ist „Euphoria“ auch in puncto Kapazitäten ein Großprojekt, bei dem mehrere tausend Quadratmeter bespielt werden können.

Kaufhof-Gebäude nicht dem Leerstand überlassen

Deswegen sieht das Konzept auch eine Zusammenarbeit mit unterschiedlichen lokalen Initiativen und Akteuren vor, zum Beispiel aus den Bereichen Off-Kultur und Nachhaltigkeit, sowie Kooperationen mit Hochschulen und verschiedenen Kulturhäusern der Stadt. Auch wäre denkbar, nicht alle Stockwerke des riesigen Ex-Kaufhauses zu bespielen. „Aber bevor das Gebäude nachher länger leer steht und das viele Potenzial, das drinsteckt, verpufft, wollten wir uns gemeinsam etwas überlegen und zeigen, was alles möglich wäre“, erklärt Klenk. Wenn am Ende nur ein Teil davon umsetzbar ist, ist es immer noch besser als nichts, findet er.

In München und Hamburg hat’s schon geklappt

Vorreiter-Modelle in anderen deutschen Großstädten gibt es bereits: Etwa das ehemalige Karstadt-Gebäude in Hamburg, das mit dem Projekt „Artstadt“ zwischengenutzt wurde oder das Zwischennutzungsprojekt „Lovecraft“, das im ehemaligen Kaufhof am Stachus in München realisiert wurde. Bei einem niedrigschwelligen Angebot aus Ausstellungen, Workshops, Buchvorstellungen, Kunstmärkten und Rollerskate-Discos kam eine vielfältige Hamburger und Münchner Stadtgesellschaft zusammen und hauchte den alten Kaufhäusern wieder Leben ein.

Bei einem Termin Ende Januar wollen Budik, Kakavand, Klenk und Steim ihr Konzept ausführlich und in Person vorstellen und mit den Entscheidungsträgern ins Gespräch kommen. Ein Statement von Oberbürgermeister Nopper lässt hoffen, dass zumindest die Idee des Kreativ-Quartetts, das ehemalige Kaufhof-Gebäude zwischen zu nutzen, auf fruchtbaren Boden gefallen ist: „Bis zum 31. Januar 2024 wird die Fläche von Galeria Kaufhof an der Eberhardstraße 28 als Einzelhandelsfläche genutzt. Ab dem 1. Februar 2024 ist eine interimistische Nutzung möglich. Denkbar wäre unter anderem eine Übergangsnutzung wie sie in der Calwer Passage stattfand.“

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