Herr Dietterle, haben Sie schon Entzugserscheinungen in Sachen Trainertätigkeit?
(lacht) Mit 72 Jahren? Nein, ich hatte nach meiner letzten Tätigkeit bei den SF Dorfmerkingen einen wunderschönen Sommer, halte mich mit Radfahren und Tennis fit. Alles passt für mich.
Ausgeschlossen, dass Sie noch einmal einsteigen?
Man soll nie etwas ausschließen, im Sport schon gar nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null.
„VfR Aalen wesentlich stabiler“
Es steht eine spannende Woche an mit interessanten Spielen von Clubs, für die Sie alle schon einmal tätig waren.
Stimmt, mir wird es nicht langweilig. Los geht es am Samstag mit dem bestimmt interessanten Regionalligaspiel VfR Aalen gegen die U21 der VfB Stuttgart, das ich vorhabe zu besuchen.
Wie schätzen Sie den VfR ein?
Wenn die Aalener dieses Heimspiel gewinnen sind sie punktgleich mit dem VfB II und sehr gut mit dabei. Sie spielen einen gut strukturierten, schnellen Fußball und wirken wesentlich stabiler.
Was muss das mittelfristige Ziel sein?
Auf alle Fälle die dritte Liga. Da fängt der professionelle Fußball erst so richtig an, vor allem auch wegen der Fernsehgelder. Auf Dauer kannst du in der Regionalliga nicht überleben. Zum Glück sind in dieser Saison die Stuttgarter Kickers in dieser Spielklasse mit dabei, sie werten schon allein wegen ihrer tollen Fans die Liga auf.
Weiter dürfte es für Sie am Mittwoch, 1. November, mit dem WFV-Pokal-Achtelfinalspiel ihres letzten Clubs SF Dorfmerkingen gegen den VfR Aalen gehen?
Da bin ich definitiv dabei. Das wird ein heißer Tanz. Die Sportfreunde sind in diesem K.-o.-Spiel nicht chancenlos. Sie haben nach dem Abstieg aus der Oberliga eine stabile Mannschaft, die in der Verbandsliga auf Platz zwei steht. Aalen ist klarer Favorit, aber gegen eklige, hart attackierende Teams tut sich der VfR schwer.
„Das ist fantastisch“
Höhepunkt der Region wird dann das Duell 1. FC Heidenheim gegen VfB Stuttgart am 5. November in der Voith-Arena.
Wahnsinn, dass es dieses Spiel jetzt in der Bundesliga gibt. Das ist fantastisch. Es elektrisiert nicht nur in Heidenheim, sondern die gesamt Ostalb fiebert mit. Da kommt jetzt auch ein ganz anderer VfB Stuttgart, als das noch bei den Derbys in der zweiten Liga der Fall war.
Was zeichnet den VfB aus?
Die Mannschaft hat mit Alexander Nübel einen starken Keeper, sie steht hinten stabil, spielt mit viel Tempo nach vorne, und Serhou Guirassy macht fast jede Chance rein. Leider hat er sich nun verletzt. Ein bisschen spielte dem VfB auch der günstige Spielplan in die Karten. Die Mannschaft hat sich durch die Erfolge, wie moderne Menschen sagen, in einen Flow gespielt. Plötzlich hat sie Selbstvertrauen und alle im Verein haben gute Laune.
Wie beurteilen Sie den Trainer?
Sebastian Hoeneß machte einen top Job, er trifft den richtigen Ton, überzieht nie.
Sie haben mit seinem Vater Dieter beim VfR Aalen und beim VfB Stuttgart zusammengespielt. Ähneln sie sich?
Dieter und ich hatten gemeinsam eine super Zeit in beiden Vereinen. Ich denke, sein Sohn ist ein anderer Typ als er. Dieter war, auch nach außen hin sichtbar, extrem ehrgeizig und willensstark. Sebastian wirkt nachdenklicher. Er macht seine Sache mit mehr Ruhe, aber garantiert nicht weniger fokussiert und akribisch.
Wo landet der VfB am Ende?
Es wäre ja blöd von mir, den VfB jetzt unter Druck zu setzen, mit Gedanken an die Königsklasse oder gar die deutsche Meisterschaft. Grundsätzlich ist aber vieles möglich, das zeigte ja auch in der vergangenen Saison Platz vier und die Champions-League-Qualifikation von Union Berlin. Man sieht einfach, wie positiv es sich auswirkt, wenn der Druck des Abstiegskampfes weg ist, wenn die Bremse einmal gelöst ist. Der VfB muss einfach ruhig bleiben, hart weiterarbeiten, dann ist auch ein Spitzenplatz möglich.
Und der 1. FC Heidenheim?
Wird in der Liga bleiben. Das 2:5 gegen den FC Augsburg war ein Schuss vor den Bug. Trainer Frank Schmidt wird dieses Alarmzeichen nutzen und die richtigen Schlüsse ziehen.
Was macht Sie so sicher, dass der Klassenverbleib geschafft wird?
Die positive Sturheit von Frank Schmidt. Die hatte er schon als Spieler unter mir beim damaligen Heidenheimer SB. Aber auch die Beständigkeit im Verein mit Holger Sanwald an der Spitze. Hinzu kommen die Fitness der Mannschaft und auch die Zuschauer, die selbst nach Misserfolgen wie ein Mann hinter dem Team und dem Club stehen. Da kommt so schnell keine Nervosität auf. Dann hat der FCH mit Jan Niklas Beste auch noch mit den besten Standardspezialisten der Liga. Und dass Tim Kleindienst weiß, wo das Tor steht, ist hinlänglich bekannt.
Wie geht das Spiel aus? Bitte ein Ergebnistipp.
Realistisch wäre ein Sieg des Favoriten, also 2:0 für den VfB.
Zur Person
Karriere
Helmut Dieterle wurde am 2. Juni 1951 in Neuler geboren. Er spielte zunächst für den VfR Aalen. Von 1974 bis 1980 war er beim VfB Stuttgart aktiv. Insgesamt kam der Mittelfeldakteur auf 42 Spiele in der Bundesliga und 26 Einsätze in der zweiten Bundesliga. Er hatte 14 Einsätze in der deutschen Amateurnationalmannschaft.
Direkt nach seinem Karriereende 1980 fungierte er beim VfB Stuttgart als Trainerassistent und unterstützte das Trainerteam von Jürgen Sundermann. Als Cheftrainer arbeitete er für Viktoria Wasseralfingen, die TSG Hofherrnweiler, den VfR Aalen, Normannia Gmünd, den Heidenheimer SB, den TSV Crailsheim, den TSV Essingen und die SF Dorfmerkingen.
Persönliches
Dietterle ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Aalen-Wasseralfingen. Seine Hobbys sind Sport allgemein, Radfahren und Tennis. (jüf)