Bei seiner ersten großen Reise ist Albin Trotter knapp vier Jahre alt. Tagelang schippert er an Bord eines Ozeandampfers, an dessen Namen sich niemand mehr erinnert, über den Atlantik. Seine Mutter Maria hatte ihn und seinen drei Jahre älteren Bruder eingepackt, um Bad Cannstatt hinter sich zu lassen.
Die Trotters verlassen ein Land in Chaos und Armut
Es sind gerade keine gute Zeiten in Deutschland in diesem Jahr 1923. Die Ruhr-Besetzung, später Hitlers Putschversuch, den meisten Leuten macht aber vermutlich vor allem die horrende Inflation zu schaffen. Als der kleine Albin Trotter mit Mutter und Bruder auf dem Schiff unterwegs in ein neues Leben ist, lässt er ein Land zurück, das von Armut und Chaos zerrüttet ist. Das ist auch an den Trotters nicht vorbeigegangen. Ihr Ziel ist Chile, wo Albins Vater bereits auf sie wartet.
Albin Trotter ist heute 104 Jahre alt. Er hat in Santiago de Chile vor einem Laptop Platz genommen, die Kamera ist an. Es war ihm wichtig, noch mal aus seinem Leben zu erzählen, von Chile, neue Heimat seit genau einem Jahrhundert, von Stuttgart, genauso lange eine alte Liebe, obwohl er sich an die Kindheit hier kaum erinnern kann. Eineinhalb Stunden lang erzählt er mithilfe seiner Familie von dem Familienimperium, das er von seinem Vater übernommen und weiter aufgebaut hat. Von dem Teil der Familie, den sie damals in der Region Stuttgart zurückgelassen und erst Jahrzehnte später wiederentdeckt haben.
Der Vater lässt die Familie erst mal zurück
Die Geschichte der Trotters beginnt eigentlich mit Albins Vater, Eugen Trotter. Er wird 1892 in Oberndorf am Neckar geboren. Aber Eugen Trotter entwickelt einen abenteuerlichen Geist, schon 1913 zieht es ihn in die USA, ein Jahr lang lebt er dort, mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldet er sich aber zum Militärdienst in Deutschland. Er wird schwer verletzt.
Noch während des Kriegs übersiedelt Eugen Trotter von Oberndorf nach Stuttgart, ebenso wie sein Bruder, der später der Kopf des in der Region verbleibenden Familienzweigs sein wird. 1916 heiratet Eugen in Bad Cannstatt seine Frau Maria, im selben Jahr kommt Sohn Ursus zur Welt, 1919 dann Albin. In der Zwischenzeit macht Eugen Trotter eine Ausbildung zum Schlosser und Feinmechaniker. Die Familie wohnt erst in der heutigen Jagststraße, dann in der Waiblinger Straße.
Wie genau es der Familie damals ging, lässt sich nicht genau rekonstruieren, weder Eugen Trotter noch sein Bruder haben mit ihrer Familie viel über diese Zeit gesprochen. Aber man kann davon ausgehen, dass es harte Zeiten waren. 1920 macht sich Eugen Trotter erneut auf den Weg, da ist Sohn Albin noch kein Jahr alt.
Chilenisches Unternehmen, schwäbische Philosophie
Eugen Trotter kauft ein Ticket für die SS Oropesa, ein stattliches Dampfschiff, 160 Meter lang, 14 Knoten schnell. Über Großbritannien fährt Trotter nach Südamerika. Eigentlich wollte er in die damals hauptsächlich von Deutschen bewohnte Stadt Blumenau in Brasilien. Aber noch am Dampfer überredet ihn ein Kriegskamerad, nach Valdivia in Chile zu gehen – damals ebenfalls eine bei deutschen Auswanderinnen und Auswanderern beliebte Stadt. Er fährt vermutlich mit einem anderen Schiff dorthin weiter, wohl über die kalte und raue Magellanstraße kurz vom Südzipfel des Kontinents – noch mal eine Reise über mehrere Tausend Kilometer. Er gründet in Valdivia 1923 ein erstes Unternehmen, im selben Jahr, als seine Frau und die Söhne Ursus und Albin nachkommen.
Aber 1930 zwingt sie die Weltwirtschaftskrise, nach Santiago de Chile weiterzuziehen. Dort gründet er das Instituto Médico Mecánico Eugen Trotter, einen Betrieb für Kücheninstallationen, Feinmechanik und Schlosserarbeiten. Es ist der Grundstein für den Familienbetrieb. Auf seine Kostenvoranschläge schreibt er: „Für erstklassige solide Arbeit und tadelloses Funktionieren wird garantiert.“ In der Familie sieht man das heute als Nachweis für die schwäbische Philosophie, die er nach Chile mitbrachte.
Jahrzehntelang gibt es keinen Kontakt
Schon 1939 stirbt Eugen Trotter. Albin und Ursus übernehmen den Betrieb und benennen ihn in Trotter Hermanos, also Gebrüder Trotter um. Albin ist damals 20 Jahre alt. Die Trotters spezialisieren sich auf Kühlschränke, Küchen, Warmwasserbereiter und Ähnliches. In den Jahrzehnten danach werden die Geräte in fast jedem chilenischen Haushalt zu finden sein. Und, noch eine Reminiszenz an die alte Heimat: Auf den Geräten prangt ein Logo, das stark an den deutschen Bundesadler erinnert, mit einem T für Trotter in der Mitte. Aber Kontakt zum deutschen Teil der Familie gibt es damals schon seit Langem keinen mehr.
Der Bruder des Auswanderers Eugen Trotter hieß Franz. Nachdem Eugen und dessen Familie Deutschland verlassen hatten, blieb Franz Trotter Anfang der 1920er Jahre in Bad Cannstatt. Wenig später baute er in Böblingen ein Haus und machte sich dort als Schlosser selbstständig. Anfangs plagen ihn Existenzsorgen, aber nach und nach wächst er ins Geschäftsleben der Stadt. Er etabliert sich, gründet eine eigene Familie.
Plötzlich klingelt Verwandtschaft aus Chile an der Haustür
An einem Sonntagmorgen im Jahr 1962 klingelt es an der Tür der Trotters in Böblingen. Vor Franz Trotter steht Ursus, neben Albin einer der beiden Neffen aus Chile, die er zuletzt vor ihrer Ausreise als kleine Jungen gesehen haben musste. Schon 1960 hatte Albin die Familie im Raum Stuttgart gesucht, war aber auf keine Verwandten gestoßen. 1965 holt Albin den Besuch nach. Es ist der Beginn neuer Familienbeziehungen, die Trotters aus Chile und aus Stuttgart besuchen sich ab da immer wieder gegenseitig.
„Für mich war es immer eine große Freude, meine Geburtsstadt zu besuchen. Ich fühle mich sehr glücklich, in Stuttgart geboren zu sein“, sagt Albin Trotter heute. Was ihn mit Stuttgart verbindet, ist auch die Liebe zur Technik, der Erfindergeist, die Arbeitsethik, die tüchtigen Schwaben. Er war im Betrieb vor allem für die Technik verantwortlich, und er ist Fan der Industrie in Deutschland, kaufte mehrere Maschinen aus Baden-Württemberg.
Auch mit 104 Jahren tickt Albin Trotter wie ein Unternehmer
Als sich Anfang der 2000er Jahre das Unternehmen Trotter von den Küchengeräten verabschiedet und sich auf die Industrie ausrichtet, entscheidet Albin Trotter – damals über 80 – das gemeinsam mit seinem Sohn Klaus. „Haushaltsgeräte, das ist heute kein Geschäft mehr. Die kommen alle aus China“, sagt Albin Trotter heute. Er spricht darüber, warum die Wasserspeicher seines Betriebs besser sind (das aggressive chilenische Wasser halten sonst keine aus), redet darüber, welche Industrien beliefert werden (Kupferbergbau unter anderem), noch ganz Unternehmer. Bei all dem bleibt die Liebe zur alten Heimat: „Stuttgart ist für mich eine wunderbare Stadt“, sagt Albin Trotter.