Ludwigsburg Wie das „Blühende Bankrott“ zur Erfolgsgeschichte wurde

„Knusper, knusper, knäusle“ – wer kennt es nicht, das Knusperhäuschen im Blüba-Märchengarten? Hier warten Kinder im Jahr 1959 gespannt auf die Hexe. Oben rechts: eine Mitgliedskarte des Historischen Vereins für 1918/1919. Foto: Blühendes Barock (2), Stadtarchiv Ludwigsburg (1)

Fehleinschätzungen, Weitsichtigkeiten, Glücksmomente: Der Historische Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg feiert 125. Geburtstag. Diverse Festredner liefern dazu spannende Schlaglichter – auch auf die anfängliche Skepsis bezüglich des Blühenden Barocks.

Mit der Weitsicht weit her war es bei den Ludwigsburgern nicht immer. Als Albert Schöchle, Direktor der sogenannten Staatlichen Anlagen und Gärten, den verwilderten, teils zugewucherten Ludwigsburger Schlossgarten 1951 mittels einer Gartenschau zum Blühenden Barock (Blüba) verwandeln und dieses später mit dem neuartigen Märchengarten touristisch aufmöbeln wollte, schallten ihm Skepsis, Hohn und Ablehnung entgegen. „Blühendes Bankrott“, „Blühender Wahnsinn“ und „Blühender Blödsinn“, ätzten Leserbriefschreiber.

 

US-Army hilft beim Bau des Blüba

„Was Schöchle damals angefangen hat, war ein Höllenritt“, sagt Volker Kugel, langjähriger Blüba-Chef mit Leib und Seele. Doch mit „Bauernschläue, Schlitzohrigkeit und Hartnäckigkeit“ habe Schöchle das vermeintlich Unmögliche geschafft und überzeugte den damaligen Finanzminister Karl Frank sowie den Ludwigsburger OB Elmar Doch. Erst im März 1953, zwei Jahre nach der Idee, gab es endgültig grünes Licht aus Stuttgart für die Gartenschau. „Da waren dann noch 13 Monate bis zur Eröffnung im April 1954 übrig“, erzählt Kugel. Beim Bewegen von 100 000 Kubikmetern Erde habe auch die anderweitig nicht mehr sehr beschäftigte US-Army mitgeholfen: „Rostbraten und Trollinger waren die Währung.“

Anlass für Volker Kugels humoristischen Einblick in die Blüba-Entstehungsgeschichte ist ein runder Geburtstag mit Seltenheitswert. Der Historische Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg habe „mit 125 Jahren ein Alter, das wir Menschen nie und Vereine nur selten feiern können“, sagt Landrat Dietmar Allgaier in seiner Laudatio. Der Verein bewies, im Gegensatz zu manchen Ludwigsburgern beim Blüba, von Anfang an Weitblick: Er startete am 13. November 1897 dezidiert als „Historischer Verein für Ludwigsburg und Umgegend“, sah die Geschichte der Stadt und des Kreises also gleich im Kontext.

Jubiläum wird an besonderem Ort gefeiert

Sinnfällig der Ort des Festabends: Fand die Gründungsversammlung vor 125 Jahren im Dichtersaal des Bahnhotels statt, wird das Jubiläum jetzt in der Musikhalle gefeiert – in unmittelbarer Nachbarschaft des 1989 abgerissenen Bahnhotels. Und unter der Gästeschar sitzen sogar Nachfahren der Gründerväter: Hermann Aigner etwa, dessen gleichnamiger Großvater zusammen mit Präzeptor Christian Belschner und Hofrat Joseph Giefel, Leiter des Staatsfilialarchivs, einst zum Vereinsauftakt eingeladen hatte.

Der Historische Verein mit seinen von bürgerlich-aufklärerischem Impuls beseelten, für die geschichtlichen Zusammenhänge in der nächsten Umgebung brennenden Mitgliedern spielt für die Lokalhistorie seither eine relevante Rolle. Seine ambitionierte Forschungs- und Sammlungstätigkeit bildete den Grundstock für das Ludwigsburger Museum – 1942 hatte der Verein seine Sammlung der Stadt übergeben.

Das Interesse an Lokalgeschichte wachse an

Mit seinen Geschichtsblättern entriss der Verein manches Thema dem Vergessen: Briefe der Ludwigsburger Dichtergrößen Mörike und Vischer, vergessene Denkmäler, Auswanderergeschichten, römische Weihesteine, Militär- und Wirtschaftshistorisches und Themen aus Nachbarkommunen haben die Autoren recherchiert und aufgeschrieben. Da gibt es etwa Beiträge zu Markgröningen im Bauernkrieg, Gefangenentagebücher vom Hohenasperg oder Geschichten zu den Spielplatzhallen aus der Weimarer Republik in Erdmannhausen, Marbach und Steinheim. Gemeinsam machen sie die Schriftenreihe zu einem Schatz für die Regionalgeschichte. Passend zum Jubiläum habe der Verein nun die ersten 70 Exemplare digitalisieren lassen und die Frakturschrift der ersten Blätter in Antiqua umgewandelt, verrät der Vorsitzende Klaus Herrmann. „Viele Beiträge sind heute noch sehr lesenswert“, sagt Herrmann, „und erfreulicherweise wächst das Interesse an Lokalgeschichte wieder merklich an.“

Schlaglichter auf die Historie wirft am Festabend auch Ingrid Hönlinger, die berichtet, dass die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen zu einem Ort des Erinnerns, Lernens und Begegnens werden soll, an dem die wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit ausgeweitet wird. „Spannend bleibt nur, ob der Aktenbestand und die Zentralkartei in Ludwigsburg bleiben werden“, meint Hönlinger.

Aufklärung über deutsch-französische Freundschaft

Der frühere Landeskirchenmusikdirektor Siegfried Bauer spricht über „Militär, Kasernen und Musik“. Und Frank Baasner, Leiter des Deutsch-Französischen Instituts, erhellt die Beziehungen zwischen Ludwigsburg und Frankreich und räumt erst einmal mit der Sage auf, die Freundschaft habe mit der Begegnung de Gaulles und Adenauers bei der Rede an die deutsche Jugend in Ludwigsburg begonnen. „Glauben Sie das nicht“, sagt Baasner, „die Geschichte geht anders.“ Bereits im Herbst 1945 habe der Pariser Jesuitenpater Jean du Riveau deutsche und französische Jugendliche am Bodensee zusammengebracht. „Den müssen wir einfach bei unseren Säulenheiligen einreihen“, sagt Baasner.

Mit der Kür der Archivare Wolfgang Läpple und Thomas Schulz zu Ehrenmitgliedern sowie Elfriede Krüger zur Ehrenvorsitzenden hat der Historische Verein seit Freitag zudem ein Trio mehr in seiner Verdiente-Mitglieder-Galerie. Und das einst mit so viel Skepsis betrachtete Blühende Barock? Das zählt heute zu den bekanntesten Besuchermagneten in ganz Baden-Württemberg.

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