Es ist ein düsterer Stuttgarter Wintermorgen, in dessen Halbdunkel sich schon ein durch und durch grauer Dienstag abzeichnet. In Feuerbach wirkt dieser Tag für viele, die gerade aus der S-Bahn steigen, noch ein bisschen ungemütlicher. Zumindest, wenn sie gerade auf dem kurzen Weg zu ihrem Arbeitsplatz bei Bosch sind.
Der Standort Feuerbach mit seinen rund 15 000 Beschäftigten ist plötzlich in den bundesweiten Fokus gerückt. Auslöser war die Nachricht, dass Bosch dort und im Werk im nur wenige Kilometer entfernten Schwieberdingen im Kreis Ludwigsburg insgesamt 1500 Stellen abbauen will. Ohne dabei gegen die bis zum Jahr 2027 geltende Vereinbarung zu verstoßen, die betriebsbedingte Kündigung an den beiden Standorten ausschließt. Die begleitende Bosch-Ansage, einen sozial verträglichen Weg beim Stellenabbau einschlagen zu wollen, hellt die Stimmung an Werkstor 1 allerdings nicht entscheidend auf.
Wenn Feuerbach das Herz von Bosch als Autozulieferer ist, dann übernimmt in diesem Bild Tor 1 die Funktion der Aorta. Dort strömen die vielen Ingenieure an den Arbeitsplatz. Feuerbach ist in erster Linie ein Entwicklungsstandort. Und dieser Bereich steht auf der Stellenstreichliste ganz weit oben.
Die Sorge um die Perspektive der Kinder
„Keine Frage, es geht um meinen Job“, sagt ein Mann, der eigentlich gleich durch das Drehkreuz gehen will. Auf den letzten Metern befindet sich auch seine berufliche Karriere. Es sei ja bei ihm nicht mehr so lange bis zur Rente, sagt der Entwicklungsingenieur für die in Feuerbach im Mittelpunkt stehenden Dieselmotoren. „Eine Kombination, die bei mir wohl auf eine Altersteilzeit herausläuft“, meint er. Schließlich rückt das Ende des Diesels auch immer näher. Den Antriebsspezialisten belaste die eigene berufliche Perspektive weniger, sagt er, Sorgen mache er sich um die nachfolgende Generation. Der Plan, dass seine beiden Kinder auch Karriere bei Bosch machen, sieht er immer stärker in Gefahr: „Die 10-3-1-Rechnung trifft es wohl: Zehn Leute arbeiten an einem Dieselmotor, drei an einem Benziner, und nur noch eine Person brauchst du für den Elektroantrieb.“
Ein 10-3-1-Verhältnis trifft es dann auch vor dem Bosch-Werkstor ganz gut. Zehn zu ihrer Stimmungslage Befragte laufen nur kopfschüttelnd weiter, drei bleiben stehen, um zu sagen, nichts sagen zu wollen, und nur einer gibt Auskunft. Aber nur, wenn der Name in der Zeitung nicht genannt wird. So wie ein Mann Ende 40, der sagt, in einem Bereich tätig zu sein, der vermutlich nicht vom Stellenabbau in der Entwicklung und in der Produktion betroffen sei. „Es gibt aber überall gerade nur dieses eine Thema“, sagt er und beschreibt die Stimmung so: „Es herrscht keine Betroffenheit, aber viel Unsicherheit.“ Ein Sticker weist ihn als Gewerkschafter aus – der es jetzt aber noch für zu früh hielte, in den Kampfmodus zu schalten.
Mit dieser Zurückhaltung liegt er auf einer Linie mit dem Bosch-Betriebsratschef Frank Sell, der den Konfrontationskurs im Moment nicht als geeignetes Mittel sieht, wie zu hören ist. Harte Ansagen hält er nicht für zielführend, weil sie eine Belastung für zwei noch im Dezember stattfindende Verhandlungsrunden und eine weitere im Januar darstellen könnten. „Danach kann man aber sicher mehr sagen.“ Weitergehend will sich Sell jetzt aber nicht äußern. Weil das Thema Stellenabbau sehr sensibel sei und viele Facetten habe.
Der Ursprung des Problems in der Politik verortet
Bosch will den Streichplan auch über eine Arbeitszeitreduzierung managen. 40-Stunden-Verträge, die vor allem mit Feuerbacher Entwicklern bestehen, sollen mit Verweis auf die tariflich geltende 35-Stunden-Woche heruntergefahren werden. Was für die Betroffenen eine entsprechende Gehaltskürzung zur Folge hätte. Das würde auch den Produktionsingenieur betreffen, der auch noch vor Tor 1 Rede und Antwort steht. Seine persönliche Situation möchte er dabei ausklammern. Der Stellenabbau bei Bosch müsse schließlich im großen Zusammenhang gesehen werden. Auch wenn sein Arbeitsbereich, in dem Dieseleinspritzpumpen entstehen, in den Streichplänen eine Rolle spiele. Der Mittvierziger bringt Verständnis ebenso für den Betriebsrat wie für die Geschäftsführung von Bosch auf. Vielmehr sieht er den Ursprung des Problems in der Politik: „Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit von Klimaschutz – die Weichen wurden zu schnell und zu unverrückbar in Richtung Elektroantrieb gestellt. Der Alternativforschung wurde so der Wind aus den Segeln genommen.“