Im November 1998 finden die Bewohner eines Hauses in Stuttgart ein Neugeborenes vor ihrer Tür. Wie ging es mit dem Jungen weiter? Ein Treffen mit dem einstigen Findelkind, bei dem der junge Mann erzählt, warum er seinen leiblichen Eltern dankbar ist.
Am 11. November 1998, gegen 7.10 Uhr, klingelt es an einer Erdgeschosswohnung im Stuttgarter Süden. Durch den Türspion sieht das junge Paar, das dort lebt, nichts als Herbstmorgendunkel. Erst als ein Baby schreit, öffnen sie. Zu ihren Füßen, auf dem Abstreifer in drei Grad Kälte, liegt ein Bündel. Ein winziges Kind, in Tücher gewickelt. Als sie es aufnehmen, startet ein Auto in die Dämmerung. Martin werden die Helfer den Jungen später nennen, nach dem barmherzigen Heiligen, dessen Namenstag am 11. November gefeiert wird.
Ein Vierteljahrhundert später steht das einstige Findelkind vor dem Mehrfamilienhaus Im Unteren Kienle und blickt auf ein Foto von damals. Kaum etwas hat sich verändert. Nicht das eiserne Gartentor, nicht der kurze Steinplattenweg zum Haus, nicht die weiße Tür mit den geometrischen Glaseinsätzen. Auch nicht die ein wenig saturierte Ruhe, die dieses gutbürgerliche Gründerzeitviertel mit seinen Buchenhecken und Zierbäumen umfängt. Dennoch scheint die Szenerie von damals unwirklich weit weg. Im Frühling sind die Novembermorgen nur noch eine kalte Ahnung.
Die ganze Stadt nimmt Anteil
Wie verläuft eine Biografie mit diesem Start? Wie lebt ein Mensch damit, dass die leiblichen Eltern ihn nicht haben wollten oder konnten? Dass sie keine Spur zu sich legten, damit das Kind fragen kann: Warum? Damit es erfährt, mit wem alles begann.
Im Herbst 1998 nimmt die ganze Stadt Anteil an Martins Geschichte. Der junge Mann trägt heute einen anderen Namen, aber in diesem Text möchte er zum Schutz seiner Familie wie damals heißen. Der Martin steckt ja immer noch in ihm.
Dass ein Neugeborenes ausgesetzt wurde, geht durch die Presse, auch unsere Zeitung schreibt darüber. Als er abgelegt wird, ist Martin zwischen 12 und 24 Stunden alt. 1730 Gramm wiegt er, 42 Zentimeter ist er kurz. Die Ärzte des Olgahospitals, wo das Kind aufgepäppelt wird, rekonstruieren, dass es in der 35. Schwangerschaftswoche auf die Welt kam. An seiner Nabelschnur klebt noch der Bindfaden, mit dem es laienhaft von der Mutter getrennt wurde. In seinem Körper gibt es keine Spuren von Drogen oder Alkohol. „Dem Butzelchen geht’s gut“, sagt damals der Ärztliche Direktor des Olgahospitals unserer Zeitung und dass Martin in einem „sehr guten, gepflegten Zustand“ war.
Sein Kind auszusetzen ist eine Straftat
Die Polizei sucht mit Flugblättern und Aushängen nach der Mutter, befragt Autofahrer und Fußgänger in der Umgebung, ruft Menschen, die die Frau kennen, auf, ihr gut zuzureden, sich zu melden. Sein Kind auszusetzen kann zwar mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden. Meist könnten die Frauen auf Strafmilde hoffen, wird die Polizei zitiert. Heute ist die Tat verjährt.
Aber nichts! Niemand hat eine Gestalt gesehen, die etwas vor die Tür legte, im ersten Stock klingelte, wartete und dann, als keiner öffnete, erneut im Erdgeschoss. Wurde Martin aus dem nahen Waldstück in die Straße getragen? Lag er in dem Auto, das die Finder aufheulen hörten? Hielt die Mutter ihn? Der Vater? Jemand anderes? Wer wusste, dass es ihn gab? Diese Fragen bleiben durch die Jahre ohne Antwort – obschon es Spuren gab. Martin war in zwei Baumwolltücher gewickelt. Eines gelblich, das andere beige. Blutspuren kleben an ihnen. Ein türkisblaues T-Shirt in Kinderkleidergröße 156 der Marke „Petit Bateau“ sollte den Winzling dazu schützen. Für die Polizei könnte seine Teenagergröße ein Hinweis sein, dass die Mutter selbst noch ein halbes Kind war. Auch das bleibt Spekulation.
Ortswechsel mit Martin in ein Café in der Nähe seines Fundortes. Hinter der Kaffeetasse sitzt ein 25-Jähriger in Jeans, Pulli und weißen Adidas-Turnschuhen mit unverstelltem Blick. Typ akademischer Großstädter. Er erzählt ruhig und überlegt, er hat einen Lebensplan. Nach seinem Masterstudium will er für ein junges Unternehmen arbeiten, das die Welt nachhaltiger macht.
Martin vor dem Haus, das sein Fundort war. Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko
Unwillkürlich versucht man, aus dem länglichen Gesicht, den hellen Augen, dem lockigen Haar die Konturen seiner Eltern zu formen. Tut er das auch? Er habe sich manchmal ein Bild gemacht, sagt Martin. Zuerst fühlte es sich richtig an. Aber gleich waren ihm die Gesichter wieder fremd.
Auf dem Laptop hat er die Akten zu seinem Fall immer bei sich, er blättert sie auf wie ein Familienalbum. Polizeiberichte sind darunter, die Zeitungsartikel, das Flugblatt, Protokolle des Jugendamtes, Fotos von den Tüchern und dem T-Shirt, den einzigen Dingen, die er von seiner Ursprungsfamilie besitzt. Das sind die losen Fäden, die er hat. Sie verspinnen sich zu einem Fragezeichen in ihm. „Ich weiß, wer ich bin. Und ich weiß nicht, wer ich bin“, sagt Martin.
Er ist nicht wütend, sondern dankbar
Er sei nicht bitter, nicht wütend oder enttäuscht. Stattdessen: dankbar. Dafür, dass ihm seine leiblichen Eltern, von denen er immer im Plural spricht, ein besseres Leben ermöglichen wollten, als sie es wohl geben konnten. Dass sie in einer Zeit, als es noch keine Babyklappe in Stuttgart gab, den Ort, wo sie ihn ablegten, mit Bedacht wählten. Sich um ihn sorgten. So deutet er es.
Sie hätten ihn ja auch in dem kalten Wald, 200 Meter weiter, zurücklassen können, sagt Martin. Stattdessen warteten sie in seiner Vorstellung, bis diese weiße Tür für ihn aufging. Er habe ein glückliches Leben, sagt Martin, ein „fantastisches“ sogar. Das klingt nicht trotzig, eher nach dem ungebrochenen Optimismus eines 25-Jährigen, der weiß, dass noch mehr Weg vor als hinter ihm liegt.
Am 1. Dezember 1998 besuchen seine späteren Adoptiveltern den Säugling das erste Mal im Olgäle. Sie sind ein Paar Ende 30, das keine Kinder bekommen kann. Seit drei Jahren stehen sie auf der Adoptionsliste des Stuttgarter Jugendamtes. Sie sind an der Reihe, dennoch prüft die Behörde, ob sie zu einem Findelkind passen. Jeden Tag kommen sie ins Krankenhaus, bald fühlt es sich an wie ihr Wunschkind. Noch vor Weihnachten können sie den Jungen heimholen.
Eine „Bilderbuchkindheit“
Ein Jahr müssen sie warten, ob sich die leiblichen Eltern melden. Dann wird die Adoption offiziell. Die frühen Bindungen, die Kinder brauchen, um Vertrauen in sich und die Welt zu bekommen – Martin hat sie gehabt. Heute feiern die drei den 1. Dezember als Geburtstag ihrer Familie.
In ihrer Wohnung in Stuttgart, eingebettet in eine schwäbische Verwandtschaft und ein intaktes Mittelschichtsmilieu, habe er eine „Bilderbuchkindheit“ gehabt, sagt Martin. Urlaube an der Adria. Würschtlegrillen mit selbst geschnitzten Stecken. Grundschule, Gymnasium, Freundeskreis, kleine Pubertätsreibereien daheim. Alles verläuft ohne große Ausschläge. „Ganz der Papa“, sagen Fremde manchmal, dabei überragt Martin den Vater um einen halben Kopf. Er ist einer der Ersten in der Verwandtschaft, der studiert. „Die Intelligenz hast du nicht von uns“, sagen die Eltern manchmal im Spaß.
Er weiß früh, dass er adoptiert ist
Nie habe er sich fremd gefühlt, gar unbehaust. Auch nicht, als er erfährt, dass er adoptiert wurde. Auf einer Autofahrt war das. Martin, vielleicht drei oder vier Jahre alt, fragt unvermittelt von der Rückbank „Mama, war ich auch bei dir im Bauch?“ – „Nein“, sagt die. Später setzen sie sich zusammen und sprechen darüber. Nichts scheint ihm als Kind außergewöhnlich daran. Über das Jugendamt treffen sie regelmäßig andere Adoptiveltern und -kinder.
Dass er ein Findelkind ist, erzählen ihm die Eltern mit 12 oder 13 Jahren. Martin nimmt das als selbstverständlichen Teil von sich an – auch wenn die Familie behutsam mit diesem Detail umgeht. Bis heute weiß nur das engste Umfeld der Eltern, dass der Sohn dieser Fall aus der Zeitung ist. Seine Freundin ist die Erste, der es Martin vor ein paar Jahren erzählt.
Tatsächlich rumort das Fragezeichen erst seit einiger Zeit stärker in ihm. Dieses mächtige Bedürfnis zu wissen, woher man kam. In einem Uniseminar hat er seine Geschichte erzählt, enge Freunde eingeweiht. Dem jungen Paar, das ihn vor der Türe fand, schrieb er vor Kurzem über das Jugendamt einen Brief. „Danke“ steht darin.
Martin möchte auf die Suche gehen. Er will mit der Polizei sprechen, ob das Blut an der Decke eine Spur sein könnte, die sich heute verfolgen lässt. Vielleicht bringe auch dieser Artikel einen Hinweis, nehme seinen leiblichen Eltern die Scheu und Scham, sich zu melden. Was würde er ihnen sagen? „Es geht mir gut. Ihr habt alles richtig gemacht.“ Und: „Danke, dass ihr mir ein gutes Leben ermöglicht habt.“ Was erhofft er sich? „Gewissheit. Auch wenn sie keinen Kontakt wollen, weiß ich, woran ich bin.“ Vielleicht wird er feststellen, dass das manchmal schon reicht, um weitergehen zu können.
Sie passen aufeinander auf
Die Adoptiveltern unterstützen seinen Wunsch. „Wir machen diese Schritte zusammen und passen aufeinander auf“, sagt Martin. Kürzlich standen sie zu dritt vor dem Haus im Stuttgarter Süden, vor dem sich nun die Blüten des robusten Kleinen Immergrüns aus dem Winterboden gearbeitet haben. Plötzlich kam für Martin alles zusammen. Trauer und Glück. Sehnen und Zufriedenheit. Neugier und Vorsicht. Leerstellen und Lebensfülle. Die losen Enden seiner ersten und die unversehrten Bande seiner zweiten Familie. Zusammen bilden sie das Geflecht, das ihn trägt.
Kontakt zu Martin vermittelt das Jugendamt oder unsere Zeitung: familie@stzn.de
Findelkinder
Zahlen in Stuttgart Seit 2002 gibt es die Babyklappe im Weraheim in Stuttgart, wo Babys anonym abgelegt werden können. Etwa zwei bis drei Kinder werden dort jährlich gefunden. Dass Kinder seither anderswo abgelegt werden, ist laut Jugendamt selten. 2007 wurde ein Baby in einer Kirche im Stuttgarter Osten ausgesetzt, die Eltern meldeten sich nach einem halben Jahr und holten das Kind zu sich zurück. In Fellbach wurde 1998 ein Säugling in einem Sonnenstudio abgelegt, 2010 im Innenhof eines Wohnkomplexes in der Fellbacher Innenstadt. Manche Kinder überleben es nicht: Im August 2009 wurde ein Baby tot in einer Plastiktüte in Stuttgart-Möhringen abgelegt, im Februar des selben Jahres wurde ein Säugling im Plochinger Hafen tot gefunden.
Rechtliche Lage Nach Paragraf 221 des Strafgesetzbuches droht für die Aussetzung eines eigenen Kindes eine Freiheitsstrafe von bis zu 10 Jahren. Das Gericht bewertet allerdings die Gesamtsituation und verhängt in minder schweren Fällen mildere Strafen. Können die Eltern nicht ermittelt werden, werden die Kinder vom Jugendamt in Adoptionsfamilien vermittelt.