50 Jahre Carus-Verlag Damit Chöre den richtigen Ton treffen

Chöre singen viel mit Noten in der Hand: Aber welche sind die richtigen? Foto: LG/Leif Piechowski/Leif Piechowski

Ein Verlag aus der Region pflegt auch die Künstler der Region: Seit 50 Jahren hat sich der Carus-Verlag auf die Herausgabe von Noten für Gesang spezialisiert. Gegründet in Stuttgart-Heslach, hat er heute seinen Sitz in Leinfelden-Echterdingen.

Lokales: Armin Friedl (dl)

Das klassische Musiker Noten benötigen für ihre Aufführungen, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber welche Noten sind die richtigen? – Wer da nicht gerade vom Fach ist, hat kaum eine Vorstellung davon, welch unterschiedliche Noten es geben kann von einem und demselben Werk. Das liegt auch daran, dass manche Komponisten selbst mehrere Fassungen publiziert haben. Von seiner Johannes-Passion hat Johann Sebastian Bach beispielsweise vier Versionen hinterlassen. Und bei den Aufführungen erklingt heute meist eine Version, die sich aus diesen zusammensetzt.

 

Der Klang der Entstehungszeit

Doch wie hat das Werk wohl zur Uraufführung geklungen, mit welcher Lösung war der Komponist am zufriedensten, wie lässt sich das Klangbild von einst am besten ins Heute übertragen? – Zumindest was Noten und Besetzung betrifft, haben Wissenschaftler vom musischen Fach nach wie vor immer wieder Neues mitzuteilen. Und dann gibt dazu seit mittlerweile 50 Jahren den Carus-Verlag, gegründet in Stuttgart-Heslach, inzwischen seit 1992 mit Geschäftssitz in Leinfelden-Echterdingen. Der hat sich von Anfang an auf Noten für Gesang konzentriert.

Der Stuttgarter Motetten-Chor als Prüfstein

Und da fügte sich vieles gut zusammen. Günter Graulich gründete und leitete in jenen Jahren den Stuttgarter Motetten-Chor, war damit also zuständig für die Notenlieferungen. Doch für Chöre war kaum etwas geboten – üblicherweise gab es Klavierausgaben, die dann für Chöre umgeschrieben werden mussten. Doch auch da war die Auswahl nicht groß. So war Graulich bei der Zusammenstellung eines Vivaldi-Programms für seinen Motetten-Chor lange vergeblich auf der Suche nach dessen Gloria. Die damals existierende Ausgabe war aber stark bearbeitet von einem anderen Komponisten, wie Graulich beim Vergleich mit den Originalnoten von Vivaldi herausfand. An der Herausgabe einer Edition, die dies berücksichtigt, hatten andere Verlage kein Interesse. Also gründete Graulich eben selbst einen Verlag.

Lieb, wert und teuer

Carus ist lateinisch und steht für lieb, wert und teuer. Und das betrifft sowohl die verlegerische wie die dirigentische Arbeit von Graulich. Musikalisch konnte er seinem besonderen Interesse an der Chormusik der Romantik nachgehen, die in den 1970er und 1980er Jahren wenig interessierte. Dazu konnte er publizieren und forschen und gleichzeitig ganz praktisch mit seinem Chor ausprobieren, wie praktikabel die selbst herausgegebenen Noten zum Aufführen sind und wie das Ganze klingt.

Altersbedingt hat Günter Graulich die Verlagsleitung in die Hände seines Sohnes Johannes übergeben, auch der Motetten-Chor wird heute von anderen geleitet. Generell ist die Arbeit auch mit Noten für Gesang heute viel internationaler geworden. Graulich junior leitet heute auch nicht mehr einen Chor vor Ort zur Qualitätskontrolle. Dafür pflegt er den Austausch mit hunderten von Chorleitern aus der ganzen Welt. Da gibt es Konferenzen in der Firmenzentrale in Leinfelden-Echterdingen, da gibt es aber auch die vielen Begegnungen auf internationalen Kongressen und Messen.

Dem Digitalen gehört die Zukunft

45 000 Werke für Chormusik sind bei Carus seit den Tagen mit Vivaldis Gloria erschienen, vom ganz großen Werk bis zum a-cappella-Volksliedsatz. Das allein ist heute freilich kein Erfolgsgarant. All diese Werke müssen digital abruf- und versendbar sein, dem Absingen vom digitalen Notenblatt gehört die Zukunft, und es muss digitale Übehilfen, die Apps geben, die vor allem in der Coronazeit sehr wichtig waren für die Sängerinnen und Sänger. Schon länger gehört zum Selbstverständnis von Carus, dass es zu den Noten auch das klingende Ereignis auf CD gibt. „Es wird erwartet, dass wir die Musik auch gleich dazu liefern“, so Graulich, „das hat einen sehr hohen Stellenwert bei unseren Kunden“. Auch da wird Kompetenz aus Stuttgart groß geschrieben: Frieder Bernius hat mit seinen Ensembles mit vielen Carus-Einspielungen internationale Preise eingeheimst, zuletzt wurde die Gesamteinspielung der Werke von Heinrich Schütz herausgegeben mit maßgeblicher Beteiligung von Hans-Christoph Rademann, jetzt Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart.

Das geistliche Vokalwerk von Johann Sebastian Bach

Ein Meilenstein war das Projekt „Bach Vocal“, die Gesamtedition von Johann Sebastian Bachs geistlichen Vokalwerks, abgeschlossen im Jahre 2017. Das ist der aktuellste Forschungsstand, der zu diesen Werken aktuell erhältlich ist. So ein Verlag muss aber auch den Nachwuchs pflegen. Dem Singen mit Kindern ist die komplette Reihe „Chorissimo!“ verpflichtet. Das beginnt mit der frühkindlichen Bildung und geht bis zu den Kinder- und Jugendchören. Einige dieser Bücher werden auch als Schulbücher verwendet. Auch dies ist natürlich alles digital aufbereitet. Neues muss erprobt werden, etwa die Zusammenarbeit mit Peter Schindler, der gerade hier in Stuttgart viele Chor- und Musicalstücke für Kinder und Jugendliche geschrieben hat. Längst nicht alles ist von Erfolg gekrönt, gibt auch Graulich zu: „Aber es gibt auch doch immer wieder Editionen, welche die Verluste der anderen ausgleichen.“

Vom Notenblatt zur App

Werke
Der Carus-Katalog umfasst derzeit etwa 45 000 überwiegend vokal besetzte Werke. Dazu gehört das gesamte geistliche Chorwerk von Bach, Mendelssohn, Mozart, Rheinberger, Schütz und weiteren. Dazu gehören 750 Klavierauszüge.

Übehilfen
Von mehr als 100 Meisterwerken der Chormusik gibt es Übehilfen als App oder als Audioaufnahmen. Etwa 150 Chorbücher und Sammelbände gibt es zu diversen Themen und Besetzungen.

Digitalisierung
Mehr als 4000 Notenausgaben – Partituren, Einzelausgaben aus Chorbüchern und Leihmaterial-Stimmen – sind digital erhältlich, ebenso Zusatzmaterialien wie Sing- und Einführungstexte.

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