60 Jahre Gloria-Kino in Stuttgart Als die Töne fliegen lernten

Karin Fritz im renovierten Gloria 1, dem größten Kinosaal der Stadt Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Karin Fritz im renovierten Gloria 1, dem größten Kinosaal der Stadt Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Im 60. Jahr seines Bestehens ist das Gloria im Marquardt-Bau für einen Millionenbetrag renoviert worden. Auch die Technik ist jetzt mit Dolby Atmos auf dem neuesten Stand.

Lokales: Matthias Ring (mri)
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Stuttgart - Mit der Kinolandschaft verhält es sich wie mit den Badelandschaften: Um im Wettbewerb mithalten zu können, müssen immer wieder neue Attraktionen geboten werden. Oder wie es Karin Fritz, die Geschäftsführerin der EM-Filmtheater-Betriebe Mertz GmbH & Co. KG sagt: „Stehen zu bleiben kann man sich nicht leisten.“ Zehn Kinosäle gehören zum Familienunternehmen, das Fritz in dritter Generation führt, darunter mit dem Gloria 1 der größte Saal der Stadt.

Dessen Bestehen im 60. Jahr kann nun gefeiert werden, und bei so einer Vergangenheit muss man auch mal eine Investition in die Zukunft tätigen: Zum Jubiläum sind beide Säle dieser „Innenstadtkinos“, so die gemeinsame Vermarktung von Gloria 1 und 2, EM 1 bis 4, Metropol 1 bis 3 und Cinema, rundum erneuert worden – laut Karin Fritz für einen siebenstelligen Betrag.

Wenn am Mittwoch der „neue Glanz im Gloria“ 150 Branchenvertretern und Kooperationspartnern vorgestellt wird, sind wohl auch die letzten kosmetischen Arbeiten in der Gloria-Passage abgeschlossen. Im Inneren aber wurden seit dem Sommer grundlegende chirurgische Eingriffe vorgenommen. Oder wie Karin Fritz sagt: „Keine Schraube ist mehr dort, wo sie einmal war.“ Im umgestalteten Foyer befindet sich nun ein Selbstbedienungs-Court für Getränke, Nachos und Popcorn.

Für größere Beinfreiheit wurde auf viele Sitze verzichtet

Und die Kinos in den oberen Etagen: Böden, Wandbespannung, Sitze, Leinwände, Vorhänge und Technik – alles neu. In beiden Sälen hat man für größeren Sitzkomfort auf 65 beziehungsweise 21 Plätze verzichtet. Trotzdem gibt es im Gloria 1 immer noch 459 Kinosessel, 70 davon sind sogenannte Premiumplätze, Kosten pro Stück mehr als 300 Euro. Im Gloria 2 kommen insgesamt 379 Zuschauer unter.

Ein „großer Brocken“ war die Technik, und damit sind jetzt nicht die Lichtwannen an den Seitenwänden gemeint, die sich in allen Farben bespielen lassen und die aus dem Gloria 1 ein Raumschiff Enterprise machen. Nachdem Dolby Surround, THX und 3D längst zum Standard geworden sind, gibt es nun Sony High Contrast Doppelprojektion und im Gloria 2 als erstes Kino in Stuttgart Dolby Atmos. „Hear the whole picture“ heißt es im Werbetrailer. Nun befinden sich auch in der Decke ein Dutzend Lautsprecher, die sich einzeln steuern lassen und dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, als säße er mitten im Geschehen, als höre er die Fliege aus dem Trailer um seinen Kopf kreisen.

Die Liebe zum Kino wurde Karin Fritz in die Wiege gelegt

Keine Frage: Trotz Streaming-Diensten wie Netflix & Co. und besserer Technik fürs Zuhause glaubt Karin Fritz an die Zukunft des Kinos. „Es ist zwar kein Selbstläufer mehr, aber wenn die Ware stimmt, werden sich die Menschen immer für Filme begeistern – und dafür gibt es nichts Besseres als Kino.“ Mit „attraktiven Zusatzangeboten“ könne man saisonbedingte Schwankungen ausgleichen und zudem als Spielstätte für Trickfilm, Indisches und Fantasy Festival ein fester Bestandteil des Kulturlebens sein.

Die Liebe zum Kino wurde Fritz in die Wiege gelegt, obwohl sie ihr Vater Eberhard Mertz nicht dazu gedrängt habe, ins Familienunternehmen einzusteigen. Aber nach ihrem Doktor in Medizin und einer Zeit als praktizierende Ärztin hat es sie irgendwann doch gepackt. Seit 1996 ist sie die Chefin, und das nicht nur vom Kinobetrieb. Denn ihr Großvater, der Architekt und Stadtplaner Eugen Mertz, hatte die Ruine des Marquardt-Baus gekauft und wieder aufgebaut.

Das „Stadtpalais“ mit seinen 20 000 Quadratmetern Geschäftsfläche in 1A-Lage ist also im Besitz der Eugen Mertz OHG – Karin Fritz ist Gesellschafterin und Hausverwalterin. Mehr als zwanzig Einzelhändler befinden sich im Haus und dessen Passage, zu den Mietern zählen das Café Le Théâtre ebenso wie die Komödie im Marquardt. Und repräsentative Geschäftsräume gibt es auch: Vom Büro der OHG hat man besten Blick auf Königstraße und Schlossplatz.

Schon 1956 hatte das Gloria eine Klimaanlage

Als das Gloria eröffnet wurde, war Karin Fritz noch gar nicht geboren, denn sie ist Jahrgang 1961. Vor der Einweihung im August 1956 war in der „Stuttgarter Zeitung“ zu lesen: „Es wird die zur Zeit bei uns größte Bildwand erhalten: 15 Meter breit und 8 Meter hoch. Es wird außerdem in ihm die modernste Spielanlage für alle Systeme eingerichtet werden. Und es wird eine ganz neuartige Klimaanlage mit einer Kältemaschine eingebaut werden.“

1800 Zuschauer fanden damals Platz. Karin Fritz erinnert sich, wie sie auf der Empore beim „Dschungelbuch“ mitgefiebert habe. Nicht so gerne erinnert sie sich daran, dass sie als kleines Mädchen bei der Premiere eines „Winnetou“-Films, zu der Pierre Brice und Lex Barker anreisten, nicht dabei sein durfte.

Der „Gloria-Palast“ wurde erst 1972 in zwei Säle unterteilt, von dem der größere immer noch 1250 Zuschauer fasste. Inzwischen geht der Trend zu vielen kleineren Sälen. Vorbei die Zeiten, als „Sissi“ tausendfach besuchte Vorstellungen viermal hintereinander füllte. Dennoch dürfe Karin Fritz nicht klagen, zumal ihr Betrieb mit unterschiedlich großen Kinos für insgesamt 2500 Zuschauer flexibel auf die Nachfrage reagieren können. Nur die jüngeren Zuschauer, vor allem die männlichen, würden immer mehr wegbrechen. Heute muss der Marquardt-Bau nicht mehr abgesperrt werden wie 1957, als Gina Lollobrigida zur Premiere von „der Glöckner von Nôtre Dame“ kam. Aber hin und wieder gebe es doch noch Kreischalarm – wenn irgendein YouTube-Star anrückt, den kaum ein Cineast kennt.

Marquardt-Bau: 1857 gründete Wilhelm Marquardt zwischen Schlossplatz und altem Bahnhofsgebäude das Hotel Marquardt, das sich zu einem der besten Häuser in Deutschland entwickelte. Robert Bosch höchstpersönlich soll eine moderne Klingelanlage eingebaut haben. Zu den illustren Gästen zählten unter anderen Richard Wagner, Otto von Bismarck und Karl May. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bau fast vollständig zerstört, nur die Außenmauern, die heute unter Denkmalschutz stehen, blieben unversehrt. 1947 kaufte Eugen Mertz die Ruine und baute sie wieder auf.

Kinogeschichte: Als Erstes nahm im Marquardt-Bau 1950 das EM (wie Eugen Mertz) den Betrieb auf, 1952 folgte das Cinema. Nebenan im alten Bahnhofs-gebäude gab es schon 1926 den Ufa-Palast als Großkino mit 1400 Plätzen, das 1971 in fünf kleine Palast-Kinos aufgeteilt wurde. Seit dem Jahr 2000 bespielen die Mertz-Betriebe in den umgebauten und gepachteten Räumlichkeiten die drei Metropol-Kinos. Das älteste Kino ist das Delphi in der Tübinger Straße, das 1912 seinen Betrieb als Union-Theater aufnahm.

Wettbewerb: In den vergangenen Jahrzehnten wurden in Stuttgart viele Kinos geschlossen, zuletzt das Ambo am Hauptbahnhof und das Kommunale Kino im Filmhaus. Derzeit gibt es 44 Kinosäle mit an die 11 000 Plätzen. Allein 25 Säle befinden sich in den beiden Cinemaxx-Kinos im Bosch-Areal und im SI-Centrum sowie im Ufa-Palast am Nordbahnhof. Laut Filmförderungsanstalt in Berlin ist die Zahl der Besucher seit Jahren relativ konstant (2015: 2 165 000). Im Schnitt geht demnach jeder Stuttgarter 3,6-mal im Jahr ins Kino. (mri)




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