Oscar-Paret-Schule in Freiberg 81-Millionen-Euro-Neubau setzt Maßstäbe

Im Moment noch Großbaustelle, aber zwischen Pfingst- und Sommerferien steht der Umzug an: die neue Schule. Foto: Simon Granville

Gemeinsames und digitales Lernen in neuen Dimensionen: Dafür steht der Neubau der Oscar-Paret-Schule in Freiberg am Neckar. In wenigen Monaten zieht die Schulgemeinschaft um und arbeitet dann in einer Ausstattung, von der andere Schulen nur träumen können.

Freiberg am Neckar - Auch wenn er fast auf dem Zahnfleisch daherkommt nach Jahren der Organisation des laufenden Schulbetriebs plus Begleitung eines gigantischen Neubauprojekts plus Corona: Wie er da so zwischen Kabelrollen, verpackten Möbeln, Staub und Baulärm steht, strahlt René Coels, Chef der Freiberger Oscar-Paret-Schule, immer noch Energie und Enthusiasmus aus. In wenigen Monaten ist die OPS – mit rund 81 Millionen Euro einer der kostspieligsten Schulneubauten weit und breit – fertig. „Es hat sich gelohnt, dass wir uns so viele Gedanken darüber gemacht haben“, sagt Coels, der selbst privat im Urlaub noch Schulen im In- und Ausland besichtigte: „Das wird richtig gut.“

 

Schon bei ihrer Gründung vor fast 50 Jahren war diese Modellschule ein bisschen anders als andere. Mit Gemeinschaftsschule, Realschule und Gymnasium unter einem Dach und dem Motto „Getrennt, wo es nötig, vereint, wo es möglich ist“ schrieb sie sich auf die Fahnen, ein Schul- und Lernleben mit möglichst vielen gemeinsamen Nennern zu ermöglichen. Der Neubau, geplant vom Kölner Architekturbüro mvm+Starke, trägt diese Haltung konsequent in die Zukunft.

„Für Heterogenität braucht man Platz“

Die Schülerinnen und Schüler haben jahrgangsstufenweise gemeinsame Lernhäuser, sozusagen kleine, eigenständige Schulen in der großen: Alle Gemeinschafts-, Real- und Gymnasialschüler einer Stufe beziehen ein solches Lernhaus für jeweils ein Schuljahr. Mit eigenen Klassenräumen zwar, aber gemeinsamen „Marktplätzen“ – großen, bunt möblierten Aufenthalts- und Präsentationsflächen –, mit Jahrgangsbibliotheken, Sanitäranlagen, Lehrerzimmern und Differenzierungsräumen, in denen Raum ist für „rücksichtsvolles Lernen in kleineren Gruppen“, so Coels. Jede Stufe – rund 200 Schülerinnen und Schüler – ist in ihrem Lernhaus autark.

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Ausgegliedert sind die auf den Erdgeschossflächen angelegten Fachtrakte mit Räumen für naturwissenschaftliche, musisch-künstlerische oder technische Fächer samt ihnen zugeordneter eigener Innenhöfe. „Da kann man für Bio zum Beispiel Hochbeete anpflanzen, an der frischen Luft malen oder nach dem Backen in der Schulküche draußen etwas abkühlen lassen“, erzählt der Schulleiter. „Und jeder Schultyp kann alles nutzen, auch wenn zum Beispiel im Gymnasium Kochen nicht auf dem Lehrplan steht. Wir haben ja alles da.“ So trage die Schule ihrem Leitgedanken, aber auch den Bildungsplänen an sich Rechnung: „Die verlangen schon lange Dinge, die mit den meisten heutigen Schulgebäuden nichts mehr zu tun haben und in ihnen schwer umsetzbar sind. Wenn man Individualität bei Stärken und Schwächen unterstützen soll, braucht man für diese Heterogenität Platz“, sagt Coels.

Pilotschule für autarkes Amok-Alarmierungssytem

Es geht treppauf und treppab in der noch labyrinthisch wirkenden Großbaustelle, in der an allen Ecken gefräst, gesägt, geschraubt, gehämmert wird. Wenn die Schule fertig ist, wird ein Farb-Leitsystem bei der Orientierung helfen. „Das Gebäude ist sehr klar strukturiert, auch wenn man es noch nicht merkt“, meint Coels lachend. Er zeigt ein weiteres Plus der neuen Bildungsstätte: In großen themenspezifischen Werkstatträumen können die Schüler Lacke herstellen, programmieren oder nachexerzieren, wie automatische Fertigungsanlagen funktionieren – mit einer Ausstattung, die man eher an beruflichen Schulen verorten würde.

Überhaupt, die Ausstattung: Unterrichtet wird künftig an digitalen, touchfähigen Activeboards, die man auch ab- und an anderer Stelle aufhängen kann. Im ganzen Schulhaus sind Elektro- und Medien-Bodentanks eingelassen, um stabiles digitales Arbeiten zu gewährleisten. „Wir werden auch die erste Schule mit einem autarken Amok-Alarmierungssystem sein“ erklärt Coels. Von jedem Raum aus kann man direkt Kontakt mit der Polizei aufnehmen. In Sachen Haustechnik und Belüftung wurden – lange, bevor Corona ausbrach – ebenfalls Maßstäbe gesetzt. Regelmäßiger Luftaustausch wird den CO2-Gehalt niedrig halten, aus der angesaugten Frischluft werden Schadstoffe und Pollen herausgefiltert. „Kühlen können wir mit der Anlage außerdem“, so Coels.

Schüler- und Lehrerschaft haben von Anfang an mitgeredet

Schüler- und Lehrerschaft konzipierten beim Neubau aktiv mit. Es beteiligten sich selbst Schüler, die gar nicht mehr mit einziehen werden. „Es war ihnen aber trotzdem wichtig, es für die Nachkommenden so schön wie möglich zu machen.“ Im Außengelände wird es ein eigenes Vesperverkaufshaus und ein Häuschen mit Spielgeräteverleih, Bolder- und Graffitiwand geben, zudem nach Altersinteressen gestaltete Pausenbereiche und ein kleines Amphitheater. Es gibt mehrere Räume für SMV, Schulsozialarbeit und Konflikthilfe.

Das Kollegium erhält beim riesigen Lehrerzimmer auch Ruheräume und Duschen – „etliche kommen mit dem Rad“, so Coels. „Und auch für unsere Engel vom Sekretariat wird es ein ganz anderes Arbeiten.“ Ein Warteraum, damit es mit dem Schlangestehen vor dem Sekretariat ein Ende hat, nimmt schon Formen an, zwei Arztzimmer, damit Schüler „nicht auf einer Liege zwischen zwei Schränken aufs Abholen warten müssen“, ebenfalls. Für Pakete und Briefe gibt es einen von außen durch eine Luke andienbaren Postraum. Im ganzen Haus symbolisieren viel Glas und Licht die Durchsichtigkeit und Transparenz, die im Schulalltag gelebt werden sollen.

Ein Jahrhundertprojekt für Freiberg

„Vor dem Umzug haben wir schon noch großen Respekt“, räumt René Coels ein, als er im Herzstück der Schule steht – der Aula, die Mensa wird, aber auch eine Bühne bekommt und hinter einer Rückwand neun Bildschirme, an denen sich die Schüler Ankündigungen oder Präsentationen anschauen können.

Anfang Juni soll es etappenweise losgehen. Für 16. Juli, an dem die Schulgemeinschaft vom Altbau, der abgerissen wird, Abschied nimmt, haben sich schon jetzt mehr als 30 ehemalige Jahrgänge angemeldet. „Es ist ein Jahrhundertprojekt für Freiberg“, sagt der Schulchef. „Und ein hervorragendes Invest.“

Das Jahrhundertprojekt

Die Dimensionen
Die neue Schule hat unter anderem 64 Klassenzimmer, 24 Differenzierungsräume, sechs Jahrgangsbibliotheken, 23 Verwaltungsräume, 41 Fachräume und elf Räume für SMV, Schulsozialarbeit und Beratung. Sie hat rund 17 000 Quadratmeter Nettonutzfläche, die Sporthalle, die später noch gebaut wird, rund 2600 Quadratmeter

Die Kosten
Die Schule mit der noch dazukommenden Tiefgarage, Schulpark und Sportanlagen kostet rund 87 Millionen Euro. Die Landesfördermittel betragen knapp 23 Millionen; Nachbarkommunen beteiligen sich mit rund 7,5 Millionen Euro

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