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InterviewA Story of Sahel Sounds Wenn die Tuareg mit der E-Gitarre ...

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Drei Stuttgarter Filmemacher zeigen ihre Doku „A Story of Sahel Sounds“ erstmals in Stuttgart. Der Film dokumentiert eindrucksvoll die westafrikanische Musikkultur zwischen Nomadenbeat und Rock’n’Roll. Eine Kinoleinwand fand sich dafür in Stuttgart allerdings nicht.

Rock’n’Roll wird in Westafrika unter prekären Bedingungen gemacht – aber im Film „A Story of Sahel Sounds“ geht es um die Musik und nicht um die Umstände. Weitere Eindrücke zeigt die Bilderstrecke. Foto: Neopan Kollektiv 7 Bilder
Rock’n’Roll wird in Westafrika unter prekären Bedingungen gemacht – aber im Film „A Story of Sahel Sounds“ geht es um die Musik und nicht um die Umstände. Weitere Eindrücke zeigt die Bilderstrecke. Foto: Neopan Kollektiv

Stuttgart - Vor bald drei Jahren sammelten drei junge Stuttgarter Filmemacher Geld für eine Doku zur Arbeit des Labelbetreibers Christopher Kirkley. Der erschließt mit seinem Laben Sahel Sounds westafrikanischen Fusion zwischen Tuareg-Musik und Bluesrock für ein westliches Publikum – eine Nische, die in den vergangenen Jahren etliche neue Fans gewonnen hat. Bekanntere Vertreter wie Bombino, Tamikrest, Mdou Moctar und Tinariwen touren mittlerweile regelmäßig durch Europa und den Rest der westlichen Welt. Sie machten und machen auch in Stuttgart Station (siehe unten).

Der Film feierte im Oktober Premiere bei den Hofer Filmtagen, Ende Dezember gab’s im Theater Rampe eine Vorführung für die Crowdfunder – am 11. April folgt die öffentliche Vorführung wiederum im Theater Rampe. Im Interview verraten Markus Milcke und Florian Kläger unter anderem, warum der Film nicht im Kino läuft.

Markus und Florian, gibt es in Stuttgart denn keine Kinos für euren Film?
„Wir haben den Film ja unabhängig und ohne Verwertungs-Deal produziert, das macht es nicht einfach ein Kino zu finden. Aber es hat auch mit der Stuttgarter Kino-Infrastruktur zu tun: es gibt kaum Arthaus-Kinos, kein echtes Kommunales Kino. In anderen Städten war und ist das einfacher. Letztlich haben wir in Stuttgart mit dem Theater Rampe einen akzeptablen Rahmen für die Vorführung vereinbaren können. Aber die Location passt, das hat auch schon die Vorführung für die Crowdfunder gezeigt.“
Der Film hat ja ein sehr spezielles Thema. Für welche Zuschauer ist er geeignet?
„Es gibt natürlich einige Insider, die Chris Kirkley beziehungsweise sein Label Sahel Sounds schon kennen. Für die ist der Film ein schöner Rundumblick zu seiner Arbeit. Andere, die das alles davor nicht kannten, lernen eine ganz neue Welt kennen. Wir sind selbst überrascht, wie positiv deren Feedback ist.“
Wie gehen die Tuareg denn mit Kulturimporten wie der E-Gitarre und Rock’n’Roll um?
„Das Wort Remix beschreibt das ziemlich gut. Es gibt in Westafrika eine extrem fruchtbare Musikkultur die sich mit westlicher Popkultur durchmischt und Neues hervorbringt. Anders als bei uns im Westen müssen diese Musiker auch nicht zeigen, dass sie beim Musizieren irgendwie authentisch sind. Diese Musik ist ihre Musik.“

Die Umstände, unter denen sie diese Musik machen, würde man hierzulande als prekär bezeichnen.
„Ja vermutlich, aber eigentlich sollte darauf nicht den Fokus legen. Unser Film ist ja nicht nur fürs westliche Publikum gemacht – er soll für alle funktionieren. Dieser Exotismus, der oft in Filmen über fremde Kulturen herauskommt, ist nicht nur Christopher Kirkley fremd. Die Musik und die Musiker sollen gleichrangig behandelt werden.“
Geht es letztlich nicht vor allem um Vermarktung?
„Der Weltmusikmarkt funktioniert bestens. Aber was Chris Kirkley macht, ist das positive Gegenbeispiel, ohne zwischengeschaltete Industrie. Klar, erfolgreiche Künstler wie Mdou Moctar absolvieren mittlerweile jedes Jahr mehrere Tourneen durch Europa, USA, Australien – das macht schon was mit einem Künstler. Zum Teil sind die Musiker sich dieser Mechanismen auch bewusst. Bei Konzerten kokettieren sie mit ihren Kostümen, nutzen die Begeisterung des westlichen Publikums. Und sie werden zu Profis, klar.“
Ist das nicht ein riesiger Anreiz für westafrikanische Künstler, sich bei Agenten wir Kirkley sozusagen zu bewerben?
„Es gab einen Abend während des Drehs im Haus von Mdou Moctar, da kam jede halbe Stunde jemand dazu und hat mit- beziehungsweise vorgespielt. Aber man darf das aber nicht größer machen als es ist. Klar gibt es inzwischen einige Labels und Agenten, aber es ist nicht so, dass Musiker im ganzen Land warten, bis wieder ein Westler kommt und dann spielt man dem vor. Die Leute haben auch Wichtigeres zu tun als das und es gibt ein durchaus begründetes Misstrauen gegenüber Westlern. Zumal sie auch im Niger selbst von der Musik leben können – zum Beispiel, wenn sie auf vielen Hochzeiten spielen.“
Wird die Musik, die man dann hierzulande kaufen kann, wirklich wie im Film zu sehen vor Ort, unter freiem Himmel aufgenommen?
„Oftmals ja. Studios sind in Niger rar und teuer. Also setzt man schon aus rein praktischen Erwägungen auf Field-Recording – neben der ästhetischen Komponente, die aber eben auch genau die Magie der Aufnahmen ausmacht.“
Könnte ich selbst nach Agadez fahren und mir das anschauen oder ist das zu gefährlich?
„Wir hatten das Gefühl, dass es sehr sicher ist. Aber wir waren natürlich immer mit Einheimischen unterwegs. Agadez zum Beispiel war schon immer eine Transitstadt, direkt unterhalb der Sahara gelegen. Wir wurden dort sogar auf Deutsch angesprochen, weil dort bis in die Neunzigerjahre viele Touristen hinkamen, auch aus Deutschland. Seit der Tuareg-Rebellion im Niger und auch im Nachbarland Mali ist das alles zusammengebrochen. Die politische Lage ist seither angespannt.“

„A Story of Sahel Sounds“ wird am 11. April (Einlass 20 Uhr) im Theater Rampe in der Filderstraße 47 in Stuttgart-Süd gezeigt. Und zum Abschluss noch zwei Konzertempfehlungen: am 3. Mai ist die Band Tamikrest in der Manufaktur Schorndorf zu sehen, am 3. August Tinariwen ebenfalls in der Manufaktur.

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