Die fünfte Etappe führt an diesem Mittwoch über elf Kopfsteinpflasterabschnitte. Während viele Radprofis sich große Sorgen machen, wird John Degenkolb von seinem Team ausnahmsweise freie Fahrt erhalten – weil er einer der Pavé-Spezialisten ist.

Noch nie ist die Tour de France an einem Tag gewonnen worden. Doch schon oft wurde sie auf nur einer Etappe verloren. Auch deshalb ist der Respekt vor den elf Kopfsteinpflasterabschnitten an diesem Mittwoch groß. „Es könnte ein unglaubliches Feuerwerk geben“, sagt John Degenkolb vor dem fünften Teilstück nach Arenberg, „einigen Leuten schlottern schon die Beine.“ Der deutsche Profi gehört nicht dazu.

Degenkolb ist ein Spezialist auf den Pavés, eines in der Nähe des Weilers Wandignies-Hamage wurde nach seinem Sieg 2015 beim Klassiker Paris-Roubaix sogar nach ihm benannt. Und noch einen weiteren Triumph feierte Degenkolb in der Hölle des Nordens: Am 15. Juli 2018 gewann er dank seiner Fertigkeiten auf Kopfsteinpflaster die Tour-Etappe nach Roubaix – am Tag, als die Equipe Tricolore in Russland durch ein 4:2 im Finale gegen Kroatien Fußball-Weltmeister wurde und der damals 19-jährige Kylian Mbappé die Auszeichnung als bester Spieler des Turniers erhielt. Auch an diesem Mittwoch könnte wieder Geschichte geschrieben werden.

Gesucht ist der komplette Rennfahrer

An der Spitze der Gesamtwertung ist noch nicht viel passiert, die Favoriten trennen nur ein paar Sekunden. Nun droht erstmals ein größerer Zeitverlust – und die Ansichten darüber gehen auseinander. Während Tour-Chef Christian Prudhomme davon spricht, dass eine solche Etappe dem Rennen „die Würze“ verleihen würde, sagt Ralph Denk, der Boss im Team Bora-hansgrohe: „Für mich hat Kopfsteinpflaster in einer Grand Tour nichts verloren. Den Klassiker Paris-Roubaix finde ich mega, aber alles zu seiner Zeit. Es darf nicht sein, dass man sich monatelang auf ein solches Rennen vorbereitet und dann wegen eines Reifenschadens womöglich alles vorbei ist.“ John Degenkolb? Hat ebenfalls eine klare Haltung zu diesem Teil der Tour de Tortur.

Wer die Frankreich-Rundfahrt gewinnen wolle, meint der 33-Jährige, müsse den kompletten Rennfahrer verkörpern. In den Bergen. Im Zeitfahren. Und halt, wenn gefordert, auch auf Kopfsteinpflaster. Allerdings, das räumt Degenkolb ein, sei diese Sicht der Dinge nicht ganz uneigennützig. Denn natürlich hat auch er selbst die fünfte Etappe im Blick.

Der letzte große Coup liegt vier Jahre zurück

Degenkolb ist nicht mehr der Siegfahrer früherer Tage. Sein Triumph 2018 war nicht nur enorm emotional, weil ihn zwei Jahre zuvor im Training eine Autofahrerin erfasst und er lange unter den Folgen des schweren Unfalls gelitten hatte. Es war auch sein bislang letzter großer Coup. Mittlerweile hat Degenkolb im Team DSM eine neue Rolle, er ist der „Road Captain“, der während der Etappen das Bindeglied zwischen Fahren und den Sportlichern Leitern in den Autos ist, die Taktik anpassen kann, das Rennen steuert. „Das ist eine große Herausforderung, der ich mich gerne stelle“, sagt John Degenkolb, „aber die Aufgabe ist zugleich so fordernd, dass ich keinen Druck mehr habe, eigene gute Platzierungen einzufahren.“ Von einem Tag abgesehen.

Denn an diesem Mittwoch wird Degenkolb freie Fahrt erhalten. Diesmal ist er der Etappenjäger seines Teams. Dabei könnte er davon profitieren, dass andere Kopfsteinpflasterspezialisten die Aufgabe haben werden, ihre Kapitäne ohne Zeitverlust ins Ziel zu eskortieren. „Auf dieser Etappe werden alle vor jedem Pavé um eine gute Position kämpfen“, sagt Degenkolb, der große Hektik erwartet: „Man wird vielleicht nicht mal Zeit zum Pinkeln haben.“

Noch wichtiger allerdings wird sein, es auf dem Rad laufen zu lassen. Degenkolb hat sich das fest vorgenommen. Auch weil er weiß, wie es sich anfühlt, wenn aus der Hölle des Nordens der Himmel auf Erden wird.