Abbruchhaus im Steckfeld Der Leerstand wird zum „Raumwunder“

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Eine Wohnung in einem Haus, das abgerissen werden soll, wird zu Kunstprojekt und Rückzugsort für Flüchtlinge gleichzeitig.

Aus einer leer stehenden Wohnung wurde  ein gemütlicher Rückzugsort, der zugleich als Kunstraum dient. Foto: Sabine Schwieder
Aus einer leer stehenden Wohnung wurde ein gemütlicher Rückzugsort, der zugleich als Kunstraum dient. Foto: Sabine Schwieder

Plieningen - Steckfeld - Ein bisschen Chaos gehört zum Renovieren dazu. Werkzeug, das im Weg liegt, Menschen, die Wände bemalen und mit viel Lärm Regalbretter anbringen. Sind, wie im Fall des Kulturprojekts „Raumwunder“, möglichst viele Menschen an der Neugestaltung beteiligt, ist das Chaos ganz und gar nicht zu vermeiden. Und doch ist beeindruckend, was in kürzester Zeit aus einer leer stehenden Wohnung an der Karlshofstraße geworden ist. Ein „Raumwunder“, das noch für Überraschungen sorgen könnte.

„Wir haben uns zeitlich sehr unter Druck gesetzt“, sagt Projektleiterin Martina Geiger-Gerlach. Die Plieninger Künstlerin macht Medien- und Konzeptkunst und setzt sich in ihren performativen Installationen und Videos mit gesellschaftspolitischen Themen auseinander. Für das „Raumwunder“ bleibt ihr nicht viel Zeit: Das Haus Karlshofstraße 42 soll in naher Zukunft abgerissen werden. Die Künstlerin erfuhr von dem geplanten Abriss und wandte sich mit ihrer Idee an den Eigentümer, das Siedlungswerk Stuttgart. Dort fand man ihr Konzept spannend und gab ihr die Gelegenheit, aus einer leer stehenden, etwas heruntergekommenen Vier-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss von Nummer 42 eine „Soziale Plastik“ zu machen.

Viele Hände haben mitgeholfen

An diesem „Raumwunder“ sind neben der Initiatorin viele Interessenten beteiligt: der Freundeskreis Flüchtlinge Plieningen-Birkach, der Bürgerverein Plieningen und Bewohner des Flüchtlingswohnheims Im Wolfer, die tatkräftig mitgeholfen haben. Das Liegenschaftsamt konnte die Wohnung für ein Jahr kostenfrei mieten, das Sozialamt, übernimmt die Stromkosten. Ein ortsansässiger Maler hat die Farbe gestiftet, viele Helfer haben mit Möbeln und Teppichen aus dem eigenen Keller weitergeholfen. „Das Projekt ist ein richtiger Smoothie“, kommentiert Martina Geiger-Gerlach zufrieden das harmonische Miteinander der Beteiligten.

In dem überwiegend leer stehenden Abrisshaus wird eine Wohnung so eingerichtet, dass sie als eine Art Ferienwohnung, als Rückzugsort für Flüchtlinge dienen kann. Auf der anderen Seite sorgen Künstler wie die Fotografin Daniela Wolf, Mitglied beim Kunstverein Kultur am Kelterberg in Vaihingen, dafür, dass die Wohnung selbst zum Kunstobjekt wird. Zur Einweihung am Freitagabend wird der Iraner Saeed Karimi Gitarre spielen. Im September wird dann eine weitere Künstlerin für eine neue Ausgestaltung sorgen.

Bei den Vorbereitungen war es nicht immer leicht, eine gemeinsame Sprache zu finden: einige der Teilnehmer stammen aus Syrien, Gambia, Afghanistan, China oder Pakistan. „Dabei ist das Projekt schon auf Deutsch nicht leicht zu vermitteln“, gibt die Initiatorin zu. Das „Raumwunder“ von Martina Geiger-Gerlach wird sich immer wieder verändern, und auch die Bewohner werden nicht länger als ein, zwei Wochen hier leben.

Die Kunst als Brückenschlag

„Wer geholfen hat, wird als erstes gefragt. Wir vermieten aber keine Wohnung, es ist ein Rückzugsort, der zugleich öffentlich ist“, betont Martina Geiger-Gerlach, „das kann widersprüchlicher eigentlich nicht sein.“ Die Veranstaltungen finden zwar ausschließlich zwischen dem Ein- und Auszug der jeweiligen Bewohner statt, doch die Bilder an der Wand sind nicht die eigenen. „Das muss man natürlich mögen“, sagt die Projektleiterin.

Seit dem Beginn der Renovierungsarbeiten Mitte Juni ist aus der leer stehenden Wohnung ein kleines Schmuckstück, ein „Raumwunder“ geworden. „Es passte alles zusammen“, freut sich Geiger-Gerlach, dass ihr Farbkonzept funktioniert: Wände und gespendete Möbel harmonieren gut. Fotografin Daniela Wolf hat auf ihr Archiv zurückgegriffen und das Apartment mit ihren Arbeiten geschmückt. Es sind vorwiegend inszenierte Bilder: junge Menschen, die in Marokko ein Picknick veranstalten, Models im Seejungfrauenkostüm, die wunderbar ins Badezimmer passen. „Bei der Auswahl musste man natürlich die künftigen Bewohner im Blick haben“, sagt Daniela Wolf. „Aber vielleicht kann Kunst eine Brücke sein“, fügt Martina Geiger-Gerlach hinzu, „dann hätte sie tatsächlich eine Aufgabe. Das Raumwunder ist größer, als man denkt.“

Das „Raumwunder“, Karlshofstraße 42, im Steckfeld wird am Freitag, 8. Juli, um 19 Uhr eröffnet. Projektleiterin Martina ­Geiger-Gerlach und Fotografin Daniela Wolf stehen für Gespräche zur Verfügung. Für die musikalische Gestaltung wurde der iranische Gitarrist Saeed Karimi gewonnen. Weitere Informationen gibt es auf www.freundeskreis70599.de

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