So fragt sich der Vater eines Abiturienten der privaten Waldschule in Degerloch jetzt, „weshalb unbedarfte Schüler mit polizeilicher Akribie verfolgt werden, die bei anderen Situationen angebracht wäre“. Seiner Schilderung zufolge haben sich am vergangenen Freitag nach dem Abitur im Prüfungsfach Wirtschaft die Schüler vor der Schule getroffen, um sich „noch kurz“ auszutauschen. Da sei die Polizei eingeschritten, „die sich vor der Schule bereits positioniert hatte“. Die Beamten hätten die Personalien der Schüler aufgenommen und ihnen „empfohlen, sich nicht öffentlich sichtbar zu treffen“, berichtet der Vater des Abiturienten.
Der Rektor mahnt: „Ihr kennt die Regeln...!“
Daraufhin hätten sich die Gruppen zerstreut und wenige Schüler sich nochmals im nahe gelegenen Wald zusammengefunden, samt einer Kiste Bier. Dort seien sie von der Polizei aufgegriffen worden, die erneut ihre Personalien aufgenommen habe, berichtet der Vater weiter. Aber es sei für die Schüler und auch für ihn „unverständlich, warum in der gleichen Stadt Demonstranten, die die AHA-Regeln, Gebote und Verordnungen und Verbote verhöhnen, unbehelligt bleiben“. An der Waldschule hingegen verhielten sich „Schulleitung, Lehrer, Elternbeiräte und vor allem die Schüler seit Beginn der Pandemie vorbildlich, engagiert und eigenverantwortlich“, betont der Vater.
Kai Buschmann, der Schulleiter der Waldschule, berichtete, die Schüler hätten sich außerhalb vom Schulgelände getroffen. Von seinen insgesamt 42 Abiturienten habe am Freitag rund die Hälfte Prüfung geschrieben. Er habe sie noch gewarnt: „Seid schlau, ihr kennt die Regeln, ich will keinen Lärm haben vor dem Schulhaus.“ Denn bereits vor einem Jahr habe die Polizei nach den Prüfungen an den Schulen vorbeigeschaut. Allerdings habe nicht er die Polizei gerufen, sagt der Schulleiter.
Polizisten erscheinen in der Kaufmännischen Schule
Am Montag habe er sich bei den Abiturienten nach den Vorfällen vom Freitag erkundigt: Deren Aussagen zufolge sei die Polizei sehr freundlich und verständnisvoll gewesen und habe gesagt, sie sei von einem Jogger angerufen worden und müsse dann auch kommen. Im übrigen, so Schulleiter Buschmann, sei er sehr stolz auf seine Schüler: „Wir haben eine Testquote von 93 Prozent gehabt.“ Auch am Vortag der Prüfung hätten bis auf drei alle Prüflinge mitgemacht – „kein einziger war positiv“, so Buschmann.
Auch an der Kaufmännischen Schule Nord war die Polizei wegen der Prüfungen präsent, sogar an mehreren Tagen, wie Schulleiter Rainer Denz berichtete. Er selber habe die Beamten informiert, da es der Schule praktisch unmöglich sei, mehr als 600 Prüflinge, die gleichzeitig Prüfungspausen oder Prüfungsende hätten, vor dem Schulhaus coronaverordnungskonform zu separieren. Die Polizei sei kurz da gewesen und habe „ein freundliches Gespräch mit den Schülern gesucht“, berichtet Denz. Es sei seitens der Polizei bei Ermahnungen geblieben, die Schüler hätten sich friedlich verhalten, so Denz.
Kleine Party auf dem Trimm-dich-Pfad
Tatsächlich hat die Polizei in allen Fällen nicht die große Keule ausgepackt. „Es gab belehrende Gespräche und Ermahnungen“, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Stephan Widmann, „dazu waren im Fall der Kaufmännischen Schule auch Jugendsachbearbeiter des Reviers dabei.“ Personalienfeststellungen oder gar Anzeigen habe es nicht gegeben, so Widmann. Das sei in der Situation auch nicht als sinnvoll erachtet worden.
Auch den Vorfall auf der Waldau in Degerloch bestätigt der Polizeisprecher. Der spielte sich laut Einsatzprotokoll aber erst kurz nach 17 Uhr ab – somit Stunden nach Ende der Prüfung. Die von einem Zeugen alarmierte Streife habe etwa 20 Abiturienten mit einer Kiste Bier am Königsträßle im Bereich des Trimm-dich-Pfads angetroffen. Man habe die jungen Leute ermahnt, der Platz sei dann mitsamt der Hinterlassenschaften klaglos geräumt worden. Personalien seien nicht erhoben worden, so Widmann: „Der Einsatz endete ohne Probleme.“