Es ist eine der guten Nachrichten der Woche, bei der man sich gleichzeitig die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Der Altenpflegehelfer Sedia Kijera wird vielleicht doch nicht abgeschoben. Wenn alles funktioniert, wie es sich seine Unterstützer vorstellen, kann der Gambier zu seinen Freunden und Kollegen in seine Wahlheimat Kirchheim am Neckar (Kreis Ludwigsburg) zurückkehren. Der Fall zeigt: Abschiebungen „im großen Stil“, wie sie der SPD-Kanzler Olaf Scholz und große Teile der Bevölkerungen fordern, schießen nicht selten über das Ziel hinaus und gefährden damit jegliche Integrationsbemühungen.
Das ist bisher passiert: Am 30. November wird der 28-Jährige aus seiner Frühschicht in einem Altenheim in Kirchheim herausgerissen und noch am selben Tag in ein Flugzeug gesetzt. Er hatte 2017 mit Drogen gehandelt, das wird ihm jetzt zum Verhängnis. Seitdem sitzt der junge Gambier in Abschiebegewahrsam fest. Die Kirchheimer Ortsgruppe Seebrücke und seine Kollegen vom Pflegeheim am Mühlbach sammeln im November und Dezember Unterschriften. Der Petitionsausschuss des Landtags lehnt den Stopp der Abschiebung mit knapper Mehrheit ab. Doch jetzt gibt es neue Hoffnung: Kijera kann wohl freiwillig ausreisen, sich ein Arbeitsvisum besorgen und nach Kirchheim zurückkehren. Ob das klappt, ist offen.
Völlig übertriebener Aufwand
Es zeigt sich die Tragik, aber auch der behördliche Übereifer rund um die Migration. Für Einzelfallentscheidungen, Flexibilität und Reflexion sind im Abschiebesystem kein Platz. Urteile werden kalt nach bloßer Aktenlage gefällt, die individuelle Geschichte scheint irrelevant. Der Aufwand um die Abschiebung eines Mannes, der vor sieben Jahren mit Drogen hantiert hat, entbehrt jeder Verhältnismäßigkeit.
Dass unbelehrbare, kriminelle Integrationsverweigerer nach mehreren vertanen Chancen abgeschoben werden sollten, bestreiten wenige. In diesem Fall wird jedoch ein Mann abgeschoben, der wohl Probleme hatte anzukommen, dann aber seinen Weg gefunden hat und zu einem wichtigen Teil unserer Gesellschaft geworden ist. Eine Erfolgsgeschichte wird bestraft. Das ist absurd und nicht nur für die Geflüchteten problematisch, sondern für die gesamte Gesellschaft. Denn die Botschaft der Behörden, dass Schutzsuchende immer mit der Abschiebung rechnen müssen, alte Fehltritte, falsche Papiere und verpasste Behördengänge schwerwiegende Folgen haben, ist ein fatales Zeichen und Gift für jedwede Integration. Warum sollten Schutzsuchende sesshaft werden, wenn sie dadurch auf dem Radar der Behörden landen? Warum sollten sie Arbeit nachgehen, wenn sich dadurch keine Bleibeperspektive auftut? Warum sollten sie sich integrieren, wenn ihnen Deutschland immer wieder zeigt, dass sie nicht gewollt sind? Der Fall Sedia Kijera zeigt: Wenn die Politik laut polternd Integration einfordert, sollte sie diese auch wirklich ermöglichen.