Oliver Koblenzer (rechts) plaudert mit Moderator Steffen Volkmer (schwarzes T-Shirt) über die Geschichte der von ihm mitbegründeten Kraftbierwerkstatt. Koblenzer war schon bei der Böblinger Premiere des Talkformats „Comics & Bier“ im Mai 2018 zu Gast. Foto: Rebecca Haar
Zehn Jahre waren ihm genug: Bei der Böblinger Kraftbierwerkstatt bleiben die Sudkessel kalt. Beim Talkformat „Comics & Bier“ erklärt Oliver Koblenzer, warum seine Craft-Beer-Tage vorbei sind.
Eddie Langner
09.01.2024 - 20:02 Uhr
Einen großen Schluck aus der Nostalgiepulle gab es zuletzt bei dem Pop- und Trinkkultur-Talkformat „Comics & Bier“ im Kulturnetzwerk Blaues Haus. Der Grund dafür ist das Aus für die Kraftbierwerkstatt. So heißt das Projekt, mit dem zwei Craft-Beer-Fans vor rund zehn Jahren angetreten waren, um in Böblingens Brauereigeschichte ein neues Kapitel aufzuschlagen.
Zwei unwahrscheinliche Helden
Im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen mit Oliver „Olly“ Koblenzer und Rasmus Muttscheller zwei eher unwahrscheinliche Helden, die als Radio- und Fernsehmacher mit dem Lokalsender Radio BB und dem Fernsehsender RTV in Böblingen Pionierarbeit geleistet haben. Noch heute sind Koblenzer und Muttscheller bei RTV tätig. Die Firma hat sich auf Filmproduktionen spezialisiert – unter anderem für Autobauer wie Porsche und Audi. Zuletzt hatte Koblenzer zum 200-Jahr-Jubiläum der Böblinger Schönbuch-Brauerei im vergangenen Jahr einen Dokumentarfilm gedreht.
Wie eine Rockband auf Tour
„Wir waren wie eine Rockband, die auf Tour gegangen ist“, erinnert sich Koblenzer an die Anfangszeiten der Kraftbierwerkstatt, als man anfangs noch im Neubulacher Brauhaus „Rössle“ den allersten Sud produzierte und dann später bei Schönbuch Bräu eine Brut- und Braustätte für so experimentelle Bierkreationen wie „Urban Wheat Ale“, „Red Indian Ale“ und das „Awesome Amber Ale“ fand, dieses auf Koblenzers Pick-up-Truck lud und auf Bierfestivals vorstellte.
Böblinger Craft-Beer-Pioniere: Oliver Koblenzer (l.) und Rasmus Muttscheller /Thomas Bischof/Archiv
Jetzt, zehn Jahre nachdem die Kraftbierwerkstatt 2014 mit dem ober- und zugleich untergärigen „Toxic Harvest Ale“ ihr Craft-Beer-Debüt gab, geht dieses Stück Braugeschichte zu Ende. Die Gründe dafür erklärte Koblenzer bei dem lokalen Gesprächs- und Bierverkostungsformat „Comics & Bier“. Die trinkfreudige Popkulturvariante des „Literarischen Quartetts“ – charmant musikalisch begleitet von einer aus der Vocal AG des Böblinger Max-Planck-Gymnasiums hervorgegangen Mädchenband – bildete am Montagabend den passenden Rahmen, um das letzte Kapitel aus dieser Geschichte zu erzählen.
Das Ende ist schnell erklärt
Anders als in den Comics, die Moderator Steffen Volkmer zusammen mit Heiko Volz (bekannt als Texter und Synchronsprecher bei „Äffle & Pferdle“), Carsten Girke (Journalist und Radiomoderator) sowie der Comic-Redakteurin Dinah Goebel vorstellte, endet die Böblinger Kraftbier-Geschichte nicht mit einem spannenden Cliffhanger oder einem „Fortsetzung folgt . . .“-Hinweis. Stattdessen lieferte Olly Koblenzer eine eher schlichte Erklärung: „Zehn Jahre sind genug“.
Organisiert und moderiert wird „Comics & Bier“ seit 2017 von Steffen Volkmer. Der Böblinger arbeitet in Stuttgart als PR-Manager beim Comic-Verlag Panini. Vor Jahren hatte er eine eigene Sendung über Comics bei Radio BB. Seine zweite größte Leidenschaft gilt dem Biergenuss – vorzugsweise in seiner geschmacksintensivsten Form, wie das bei Craft Beer über den Einsatz von Aromahopfen der Fall ist. Damit er über IPAs, Stouts oder Rauchbiere ebenso fachkundig parlieren kann wie über Comics, hat er zuletzt eine Ausbildung zum Diplom-Biersommelier absolviert.
Anfangs wurde noch jedes Bier von Hand in die Kästen gesteckt
Entsprechend wortgewandt kann der studierte Rhetoriker beschreiben, was ihm da an so einem Abend alles die Kehle hinunterrinnt. „Hopfig“, „malzig“, „fruchtig“ und „sauer“ sind nur ein paar der Geschmacksnoten, die Volkmer und seine „Bier-Buddies“ für die drei ausgeschenkten Sorten aus der Kraftbierwerkstatt und ein weiteres „Hopfenmonster“ aus der Craft-Beer-Brauerei „Sudden Death“ verwendeten.
Im Gegensatz zu diesen Kleinunternehmern mit Sitz am Timmendorfer Strand ist das Bierbrauen für Koblenzer immer nur ein Hobby gewesen – wenn auch ein sehr arbeitsintensives. Mit Grausen erinnert er sich an die Anfangszeit, als er zusammen mit seinem Team, zu dem noch Oliver Bauss und Vathana Thorn gehören, Tausende Flaschen von Hand in Bierkästen stecken musste. Mit dem Wechsel zu Schönbuch Bräu fiel diese Plackerei zwar weg, die Arbeit ging den Kraftbiermachern aber nicht aus.
Koblenzer, der seine Liebe zu Craft Beer Ende der 90er-Jahre ausgerechnet auf Hawaii entdeckte, nahm mit der Kraftbierwerkstatt an zahlreichen Festivals und Wettbewerben teil. „Gewonnen haben wir nie was“, gibt er freimütig zu. Zumindest gilt das für die Biere. Für die originellen Etiketten habe man dagegen sehr wohl ein paar Preise abgestaubt. Und auch sein ganz persönlicher amerikanischer Traum ist für den Böblinger Bierbrauer in Erfüllung gegangen, „Ich wollte immer, dass mein Bier auch in den USA getrunken wird“, erzählt der 59-Jährige. Über einen österreichischen Hersteller von Bier-Adventskalendern sei ihm das schließlich gelungen: Sein mit Roggenmalz gebrauter „Schwarzer Bock“ beglückte auf diese Weise Bierfans in Amerika, Japan und Südkorea.
Niemand muss entlassen werden
„Wir machen das ja alle ehrenamtlich. Es gibt also niemanden, den ich entlassen müsste“, sagt der Geschäftsführer der Kraftbierwerkstatt. Aus diesem Grund sei jetzt auch niemand böse, wenn man den Betrieb ganz allmählich auslaufen und die verbleibenden rund 2000 von einstmals 6000 Bierkästen einschmelzen lasse.
Soll heißen: Die Sudkessel bleiben kalt. Es wird kein neues Kraftbier mehr gebraut und die verbliebenen Flaschen werden verkauft. Laut Koblenzer sind neben ein paar im Getränkehandel von Schönbuch Bräu erhältlichen Restbeständen nur noch drei Paletten übrig. „Aber die werde ich selber wegtrinken“, sagt Koblenzer mit breitem Grinsen.
Von Craft Beer und Kraftbier
Alles Handwerk Die moderne Craft-Beer-Bewegung hat ihren Ursprung in den USA, wo „Micro Breweries“ genannte Kleinstbetriebe in den 70ern auf Handwerk (Craft) setzten und mit experimentellen Biersorten eine Gegenbewegung zum Einheitseinerlei der großen Braukonzernen starteten.
Böblinger Braukunst Die Kraftbierwerkstatt Böblingen wurde 2014 von Olly Koblenzer gegründet. Mehr als 20 Biersorten brachte das Kleinunternehmen auf den Markt und präsentierte diese bei Bierfestivals. Als „Gypsy-Brauerei“ ließ das Team von Craft-Beer-Fans seine Biere bei kleinen regionalen Brauereien herstellen.