Als Ursachen des Medizinermangels sieht die Unternehmensberaterin Gabriele Dostal nicht nur ein Kopf- sondern auch ein Arbeitszeitproblem. Die Kommunen müssten handeln, sagt sie.
Frau Dostal, welche Herausforderungen sehen Sie bei der ärztlichen Versorgung auf die Kommunen zukommen?
Es herrscht generell Ärztemangel. Nach einer Prognose der Kassenärztlichen Bundesvereinigung war schon 2018 erkennbar, dass bundesweit 11 000 Hausärzte bis zum Jahr 2030 fehlen werden. Bedauerlicherweise trifft diese Prognose zu. Das betrifft vor allem zwei Gruppen: ländliche Regionen und Einzelpraxen. Letztere sind in ländlichen Regionen die häufigste Form der ärztlichen Berufsausübung. Stellenweise sind bis zu 80 Prozent aller niedergelassenen Ärzte in einem Landkreis in einer Ein-Personen-Praxis tätig. Teilweise geschieht dies im eigenen Haus. Diese sind kaum mehr nachbesetzbar. Junge Ärzte gehen vermehrt in große Praxen, denn sie möchten in Teams und im Angestelltenverhältnis arbeiten. Dort haben sie nicht die unternehmerische Verantwortung und Dokumentationspflichten, sondern können sich auf das konzentrieren, was sie studiert haben. Aber wir haben auch ein Arbeitszeitproblem.
Wie meinen Sie das?
Angestellte Ärzte arbeiten weniger, im Schnitt 42,5 Stunden in der Woche. Bei freiberuflichen Ärzten sind es circa 53 Stunden. Das heißt, man braucht mehr Nachfolger, um sie zu ersetzen. Im hausärztlichen Bereich kommt hinzu, dass aktuell 50 Prozent der Studenten Frauen sind, im Studiengang der Allgemeinmedizin liegt ihr Anteil bei 75 Prozent. Da sie während der Facharztweiterbildung oftmals Kinder bekommen, dauert diese länger als die üblichen fünf Jahre. Danach bevorzugen sie meist eine Teilzeittätigkeit. Um einen Arztsitz sinnvoll zu besetzen, braucht man daher drei 50-Prozent-Kräfte, bezogen auf eine klassische Arztpraxis. Was wir aktuell erleben ist also ein Strukturwandel.
Wie sieht dieser aus?
Delegierbare Leistungen werden auf das Praxispersonal ausgedehnt. Es gibt zum Beispiel die Bachelorstudiengänge Medical Physicians und Physician Assistant, die auf die Gerätemedizin abheben. Bei gerätebezogener Diagnosestellung wird nach Parametern ein Behandlungsplan erstellt und nur, wenn etwas aus dem Rahmen fällt, wird ein Arzt hinzugezogen. Das entlastet Ärzte unwahrscheinlich und verstärkt deren Drang in größere Einheiten. Geräte sind teuer und auch die zusätzliche Kompetenz des Personals muss bezahlt werden. Dies kann nur in größeren Praxiseinheiten realisiert werden.
Welche Ursachen hat der Ärztemangel?
In den 1980er Jahren hatten wir eine Ärzteschwemme, sodass diese damals keine Stellen fanden. Daraufhin reduzierte man die Studienplätze. Zudem tendieren Studenten in andere Facharztbereiche als die Allgemeinmedizin, da diese höher dotiert sind und mehr Stellen in Kliniken mit angestellten Verhältnissen bieten. Jetzt werden zwar wieder mehr Fakultäten geschaffen. Diese müssen aber erst aufwachsen, und bis Absolventen nach der Facharztweiterbildung auf dem Markt aufschlagen, dauert es.
Was können Kommunen tun, um die ärztliche Versorgung ihrer Bürger weiter sicherzustellen?
Als Kommune muss man handeln, wenn es noch nicht weh tut, wenn die Bürger noch zufrieden sind und ein zukünftiger Ärztemangel nur schwer vorstellbar ist. Sobald die Bürger sich im Rathaus darüber beschweren, dass sie keinen Hausarzt mehr finden, dann ist es schon fünf vor Zwölf. Die Kassenärztliche Vereinigung kann aufgrund der Niederlassungsfreiheit nicht bestimmen, wo sich Ärzte in einem Mittelbereich ansiedeln. Kommunen müssen sich daher des Problems bewusst werden, auf niedergelassene Ärzte zugehen und das Thema Strukturwandel ansprechen, um gemeinsam eine Lösung zu finden, einen gemeinsamen Weg diesen zu bewältigen. Unserer Erfahrung nach sind Ärzte sehr offen dafür, unabhängig von ihrem Alter. Lösungsvarianten gibt es verschiedene, etwa den Aufbau eines Primärversorgungszentrums mit unterschiedlichen Praxen und auch Therapeuten in einem Haus – oder die Gründung eines Medizinischen Versorgungszentrums als größere Gemeinschaftspraxis in kommunaler Trägerschaft.
Wie ist Ihr Eindruck? Handeln Kommunen oder schieben sie das Problem auf die lange Bank?
Das kann man pauschal nicht sagen. Manche sehen es schon früher, erkennen, dass es einen Strukturwandel gibt und möchten diesen als Kommune aktiv gestalten. Andere sehen dies allerdings nicht als eine ihrer Pflichtaufgaben. Dabei ist die medizinische Versorgung ein wichtiger weicher Standortfaktor und auch ein wirtschaftlicher Faktor für Apotheken, Therapeuten, Nahversorger und Gastronomie.
Berater in Sachen Gesundheit
Historie
Gabriele und Adrian Dostal haben 1990 die Managementberatung Dostal & Partner in München gegründet. Sie hat inzwischen ihren Hauptsitz im bayrischen Vilsbiburg sowie Zweigniederlassungen in Nürnberg, Köln und Berlin. In ihrer Beratungstätigkeit haben sie sich auf Branchen im Umbruch spezialisiert. In den Anfangsjahren waren dies mitteleuropäische Staatsbetriebe, die es für die Marktwirtschaft umzustrukturieren galt.
Veränderung
Seit 1992 sind sie als Unternehmensberater im Gesundheitswesen tätig. Schwerpunkte sind die Bewältigung des Ärztemangels und die Stärkung des ambulant-medizinischen Sektors in ländlichen Regionen. Dazu unterstützen sie Städte, Gemeinden und Landkreise, indem sie etwa Medizinische Versorgungszentren (MVZ) unter kommunaler Trägerschaft konzipieren. Bei den 23 MVZ, die es Stand Juni gab, waren sie nach eigenen Angaben an der Gründung von jedem vierten beteiligt.