Afrika für Anfänger Weites Land in Namibia

Von Daniel Gräfe 

Gut ausgebaute Straßen, Sicherheit und kein extremes Klima: Namibia ist ein ideales Einsteigerland für Afrika. Wer dorthin reist, findet die Einsamkeit der Savannen und den Sternenhimmel über der Wüste.

Jenseits von  Sossuvlei erstrecken sich einige der höchsten Dünen der Welt. Der Quarzsand knistert unter den Schuhen, von oben blickt man auf salzbedeckte, ausgetrocknete Becken . Foto: Daniel Gräfe
Jenseits von Sossuvlei erstrecken sich einige der höchsten Dünen der Welt. Der Quarzsand knistert unter den Schuhen, von oben blickt man auf salzbedeckte, ausgetrocknete Becken . Foto: Daniel Gräfe

Windhoek - Der Horizont findet kein Ende. Die gelben Gräser wogen, dazwischen liegen lehmfarbene Berge. Es ist schön, sich in dieser Weite zu verlieren. Ein, zwei Tage fühlen sich hier wie eine Woche an, die Weite dehnt auch die Zeit. Sie schenkt Gelassenheit. Namibia ist mehr als zweimal so groß wie Deutschland, doch gibt es weniger Einwohner als in Berlin, die meisten von ihnen leben in der Hauptstadt Windhoek. Doch schon wenige Kilometer außerhalb öffnet sich das Land, das die Besucher auf der Fahrt durch die Savannen- und Wüstenlandschaften einlädt, einfach mal loszulassen.

mächtigen Oryx-Antilopen, Springböcke und Warzenschweine

Wer hierherkommt, der kann die Landschaft und ihre Tiere auf sich wirken lassen, ohne sich viel über Gefahren Gedanken machen zu müssen. Die Straßen sind für afrikanische Verhältnisse gut erschlossen, das Land ist sicher, das Klima nicht extrem, die Zeitverschiebung minimal. Massentourismus kennt Namibia nicht. Und selten stand der namibische Dollar so günstig wie heute. Auch deshalb hat sich der Staat zum Boom- und Einsteigerland für den afrikanischen Kontinent entwickelt.

Wer die Nähe zur Natur sucht, kann in den Lodges, den Farmhäusern, unterkommen. Tausende Hektar weit erstrecken sich die eingezäunten Areale in den Trocken- und Dornsavannen der Kalahari. Hier lassen sich die mächtigen Oryx-Antilopen, Springböcke oder Warzenschweine beobachten. Wer Glück hat, bekommt in den frühen Morgenstunden auch Breitmaulnashörner, Zebras, Strauße, Giraffen oder Schakale zu Gesicht. Oft sitzen die Farmbetreiber selbst am Steuer des Jeeps, um entlang der Sand- und Steinpisten zu den schönsten Beobachtungspunkten zu fahren, während das Licht die Landschaft in immer sattere Farben taucht.

Die Gondwana Collection, die im Land vier Wildreservate eingerichtet hat, betreibt rund ein Dutzend der Häuser, ökologisch korrekt in die Landschaft eingebettet, die Zahl der Unterkünfte streng reglementiert. Abends wird auch Wild aus der Region aufgetischt: Springbock-, Oryx- und Kudufleisch, das gedörrt auch ein beliebter Snack ist. Dazu gibt es gebackene Rote Bete, Bohnenpastete oder Buttermilchkuchen. Von einer von ihnen, der Namib Desert Lodge, geht es auf einer zweistündigen Fahrt durch das Nirgendwo hinein in die Namib, die älteste Wüste des Globus. Weit hinter Sossuvlei, mehr ein Schild als ein Ort, erstrecken sich einige der höchsten Dünen der Welt. Man kann sie besteigen, während der Quarzsand unter den Schuhen knirscht. Der Ausblick ist gewaltig: orangefarbene Kämme, die steil nach unten in salzbedeckte ausgetrocknete Becken abfallen. Dort stehen verkohlte, Hunderte Jahre ­alte Stämme, die das Wüstenklima konserviert hat. An den Seiten erhebt sich ein Meer aus Sand – an den Kämmen wirbelt er wie die Gischt einer Welle.

Auch Harold Tjiuiju (37) ist in der Kalahari aufgewachsen, in einem Dörfchen in der Nähe von Gobabis. Er spricht seine Stammessprache Herero, Afrikaans und Englisch. Das Deutsch hat sich der Reiseführer bei der Arbeit mit Touristen beigebracht. Als Schuljunge arbeitete er auf der Farm der Eltern, wie bei vielen der Hereros lebte die Familie vom Rinder­verkauf. Rund 300 000 Herero leben in Namibia, die meisten in der Kalahari-Wüste. Er liebe es, durch die Dünen der Namib zu fahren, doch so oft er könne, fahre er nach Hause, um nach seiner ­Familie und den Tieren zu sehen. 20 Familien im Dorf teilten sich einen Wasserbrunnen. Noch immer seien die Rinder aus dem Leben der Hereros nicht wegzudenken, sagt er. Auch für die Aussteuer spielen sie eine wichtige Rolle. Zwei Rinder und 10 000 namibische Dollar (rund 700 Euro) ­würde er den Eltern seiner Freundin zahlen, wenn sie ihr Studium beendet habe.

Und was denkt er über die Massaker der deutschen Kolonialherren Anfang des vergangenen Jahrhunderts, als das Land noch Deutsch-Südwest-Afrika hieß? Bis zu 80 000 Herero kamen damals ums Leben. „Für mich ist das kein Thema mehr“, sagt Tjiuiju. „Wir können problemlos mit Deutschland zusammenarbeiten.“ Andere seines Stammes sehen das völlig anders. So haben Vertreter von Herero und Nama Deutschland verklagt, weil sich das Land weigert, mit ihnen ­direkt über Entschädigungen nach dem Völkermord zu verhandeln. Den Völkermord hat Deutschland inzwischen eingeräumt, will aber den Streit über Kompensationen bislang nur auf Regierungsebene beilegen.

Swakopmund wirkt noch immer ziemlich deutsch

Von Auseinandersetzungen wie diesen ist in Swakopmund nur wenig zu spüren. Die Stadt am kühlen Atlantik wirkt so, als habe die deutsche Kolonialmacht nur Heimeliges hinterlassen. Die Auswahl in den Bäckereien ist riesig – selbst Laugenbrötchen gibt es hier. Ein Café an der berühmten Pier, die in der Gischt und im Nebel im Horizont zu versinken scheint, bietet „Mozartkuchen“ an; es gibt ein Brauerei-Restaurant, wo Bier nach deutschem Reinheitsgebot ausgeschenkt wird, und in der Nachbarschaft tragen die Straßen Namen wie „Bismarck“.

Swakopmund und die angrenzende Walvis Bay sind auch für die Einheimischen beliebte Reiseziele, da die Temperaturen wegen des aus der Antarktis kommenden Benguela-Stroms im namibischen Sommer angenehm sind. Der Strom sorgt auch mit dafür, dass an der Küste eine der gewaltigsten Wüsten der Welt liegt – die Namib, die dem Land den Namen gegeben hat. Mit Quadbikes lässt sie sich an der Küste entlang erkunden. Die meisten Touristen bevorzugen aber eine Katameranfahrt, hinaus zu den Sandbänken, wo die Seehunde liegen. ­Berühmt sind auch die Austern, die die Einheimischen als den französischen für überlegen rühmen. Am Hafen werden die Muscheln mit etwas Pfeffer und ­Zitronensaft gereicht.

Auch Björn Rehder isst sie gerne, doch lieber ist ihm ein Sundowner an einem Übernachtungsplatz in der Savanne, wo er den spektakulären Sternenhimmel über sich sehen kann, wie in der Gegend von Marienthal, das einige Stunden südlich von Windhoek liegt. Als der Dokumentarfilmer mit den Eltern 1971 nach Namibia kam, war er vier Jahre alt. Mit Kamera, Kameradrohne und Jeep fährt er die Landschaft ab – 10 000 Kilometer sind es im Jahr. Rehder redet, wie sich die Landschaft zeigt – karg und entspannt. Einmal, da besuchte Rehder einige Wochen Europa, die Neugierde auf sein Heimatland trieb ihn. Der Kölner Dom hat ihm mit am besten gefallen – ein Meisterwerk. „Das war schon irre“, sagt er. Aber zu stressig sei die Stadt – „zu viele Leute“. Dann schweigt er lange, und sein Blick verliert sich in der Weite. „Ihr habt die Uhr“, sagt er schließlich. „Aber wir ­haben die Zeit.“




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