Agavenschnaps aus Stuttgart Logo-Streit mit Jägermeister: Wenn der Hirsch zum Zankapfel wird

Sieht das aus wie Jägermeister? Laurin Lehmann zeigt den Agavenschnaps. Foto: Lg/Max Kovalenko

Ein Schnaps aus Stuttgart wird mit Agave aus Mexiko im Schwarzwald destilliert. Und erregt in Wolfenbüttel die Gemüter. Jägermeister droht mit einer Klage, will den Vertrieb verbieten.

Stuttgart - Mit einem Hirsch ist nicht zu spaßen. Der Schnapshersteller Jägermeister schützt seinen gleichnamigen Kräuterlikör mit allen Mitteln. Das mussten nun die Stuttgarter Laurin Lehmann und Sebastian Dresel erleben. Noch bevor sie ihren Schnaps Selva Negra auf den Markt bringen konnten, bekamen sie Post von einem Anwalt. Die Firma Mast-Jägermeister SE ließ wissen, sie werde ein Widerspruchsverfahren vor dem Markenamt der Europäischen Union gegen die Markenanmeldung von Selva Negra vorbereiten. Das Logo sei dem ihren zu ähnlich.

 

Warum diese harsche Reaktion? Mit dem bekanntesten Agavenschnaps, dem Tequila, lässt sich viel Geld verdienen. Filmstar George Clooney und Rande Gerber, Unternehmer und Ehemann von Model Cindy Crawford, haben ihre Tequila-Marke Casamigos an die Spirituosenfirma Diageo verkauft – für eine knappe Milliarde Dollar.

Post vom Anwalt

Gut. So weit sind Lehmann und Dresel noch nicht. Bisher haben sie vor allem Geld ausgegeben. 70 000 Euro hat es sie gekostet, bis 3000 Flaschen gebrannt und verpackt waren. Beide kennen sie sich aus in der Getränkeindustrie und träumten davon, sich in der Branche selbstständig zu machen. „Von Gin hatten wir die Nase voll“, sagt Lehmann. Zunächst dachten sie über einen alkoholfreien Gin nach, ehe sie auf den Agavenschnaps kamen. Klar, Tequila kennt man hierzulande, aber meistens die zusammengemixte Billigvariante, die man auf Partys mit Zitrone und Salz hinunterkippt. Hochwertigen Tequila trinkt man wie Whiskey, langsam, gemütlich, Schluck für Schluck. Das taten Lehmann und Dresel. Und waren sich einig, wir wollen einen Agavenschnaps herstellen.

Was ist eigentlich Tequila?

Tequila dürfen sie ihn nicht nennen, so darf nur der Schnaps heißen, der einzig aus der Blauen-Weber-Agave und im mexikanischen Bundesstaat Jalisco hergestellt wird. Mescal hingegen wird aus verschiedenen Agavensorten hergestellt und darf überall hergestellt werden. Auch am Kaiserstuhl, nicht weit weg vom Schwarzwald. Dort entsteht Selva Negra, Schwarzwald auf Spanisch. Lehmann und Dresel holten Florian Faude ins Boot, der Schnapsbrenner aus Bötzingen am Kaiserstuhl arbeitet mit dem Agaven-Extrakt, der aus Mexiko per Schiff kommt. „Bioqualität“, unterstreicht Lehmann. Während die Mexikaner Spontangärung machen, setzt Faude deutsche Weinhefe zu, macht Agavenwein, destilliert dann zweimal. Die Etiketten lassen sie in Nürtingen machen, die Umverpackung in Metzingen. Darauf prangt ein tätowiertes „Fabelwesen“, so Dresen, mit Geweih und Bollenhut auf dem Kopf.

Wie sieht ein Hirsch aus?

Jägermeister erkennt in dem Logo hingegen einen Hirsch. Andreas Lehmann, Head of Public Relations, Mast-Jägermeister SE: „Das Unternehmen hat diese neue Marke kürzlich beim europäischen Markenamt angemeldet. Dagegen haben wir Widerspruch eingelegt.“ Zum Schutz der Marke Jägermeister müsse man immer prüfen, „ob bei der Anmeldung einer neuen Marke die Gefahr der Verwechslung besteht beziehungsweise ob unsere Marke durch die Handlungsweisen Dritter Gefahr läuft, etwas von ihrer Einzigartigkeit zu verlieren.“ Bei Selva Negra sei dies der Fall, so glaubt Jägermeister: Es handele sich jeweils um Flaschenetiketten mit einer rechteckigen Form und in den Farben Grün und Rot/Orange. „Dominierend in den jeweiligen Marken ist die Abbildung eines Hirschkopfes, der in beiden Fällen direkt von vorne gezeigt wird, also frontal auf den Betrachter schaut.“

Worüber ging es beim Gespräch?

In Stuttgart sieht man dies anders: „Wir sind ein Agavenschnaps aus dem Schwarzwald, kein Kräuterlikör, kommen einander nicht ins Gehege“, sagt Laurin Lehmann. Jüngst telefonierte man miteinander. Jägermeister zog daraus den Schluss: „Nach intensiven Gesprächen über die Bedeutung von Markenrechten, dem erweiterten Schutzbedürfnis der bekannten Marke Jägermeister, bildliche Ähnlichkeiten beim Hirschkopf-Logo, Verwechslungsfähigkeit und Ausnutzung eines Goodwills konnte keine Einigung erzielt werden, sodass wir deshalb das Widerspruchsverfahren beim europäischen Markenamt weiterführen werden und ein zivilrechtliches Verfahren vorbereiten.“ Goodwill, also Wohlwollen, was heißt das genau? Jägermeister habe eine Aufgebrauchsfrist bis zum dritten Quartal 2022 angeboten, sagt Dresel. Sprich, der schwäbisch-badisch Mescal hätte noch wie bereits etikettiert und beworben verkauft werden dürfen, dann aber müsste das Trio ein anderes Logo und daraus folgend andere Etiketten, Verpackungen und Werbemittel verwenden. „Das kostet uns eine sechsstellige Summe“, hat Dresel aus- und Jägermeister vorgerechnet.

Welches Wohlwollen wird angeboten?

Also kommt Laurin Lehmann zum Schluss: „Wir ziehen das jetzt durch und schauen, in welche Richtung das geht.“ Das Verfahren könne sich ein bis fünf Jahre ziehen, „und wenn es in alle vier Instanzen geht, könnte es teuer werden“. Dennoch haben sie jetzt begonnen, ihren Mescalschnaps über den Fachhandel und die Gastronomie zu verkaufen. Sie wollen nicht klein beigeben. Auch wenn der Hirsch ernst macht.

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