Aktuelle Infektionswelle Weihnachten mit Corona – so schlimm ist es wirklich

Mit Maske unterm Weihnachtsbaum – das sind für viele die Feiertage 2023. Foto: imago//xgodongphotox

Kurz vor Weihnachten liegt die Inzidenz bei 3000 – ein Rekordwert. Im Abwasser finden sich so viele Virusrückstände wie noch nie. Was taugt die Methode und was sollte ich tun, wenn ich aktuell krank bin?

An Heiligabend feiert das Coronavirus in diesem Jahr mit – wie auch andere Erreger. Derzeit leiden sehr viele Menschen in Deutschland an Atemwegserkrankungen. Das weiß man aus Befragungen – und aus dem Abwasser. Was wissenswert ist.

 

Derzeit scheinen viele krank zu sein. Wie schlimm ist es wirklich?

Derzeit leiden etwa elf Prozent der Bevölkerung an Husten, Schnupfen, Fieber oder anderen Symptomen von Atemwegserkrankungen. Die Werte sind „deutlich über dem Bereich der vorpandemischen Jahre“, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI). Vor allem bei Kindern und jungen Erwachsenen stiegen die Werte zuletzt stark an. Die Covid-19-Inzidenz schätzt das Institut auf 3000 Erkrankungen je 100 000 Einwohner. Das wäre ein neuer Allzeit-Höchstwert. Im Frühjahr 2022 wurde eine 7-Tage-Inzidenz von rund 2000 berichtet – damals noch auf Grundlage von Tests.

Woher weiß man das, wenn sich kaum jemand auf Covid-19 testet?

Die erste wichtige Datenquelle ist das Grippeweb des RKI: Knapp 7000 Freiwillige melden dem Onlineportal einmal wöchentlich ihren Gesundheitszustand, aus dieser Stichprobe rechnet das RKI die Erkrankungszahlen auf ganz Deutschland hoch. Dazu gibt es Abwasseranalysen, die seit anderthalb Jahren im RKI-Projekt „Amelag“ gebündelt werden. „Das Abwasser lügt nicht“, sagen Fachleute – zumindest nicht für jene 25 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, deren Exkremente in die Abwasseranalysen einfließen.

Wie wird das Abwasser untersucht?

Wer mit Coronaviren oder anderen Erregern infiziert ist, scheidet sie auch über den Kot aus. Der Anteil der sogenannten Virus-Genkopien im Abwasser erlaubt Rückschlüsse auf die Infektionslage. Zunächst befristet bis Ende 2024 wird in 134 deutschen Klärwerken die Viruslast gemessen, auch im Zentrallabor der Stadtentwässerung Stuttgart im Hauptklärwerk Mühlhausen.

Auf einem Tisch im Stuttgarter Labor steht ein Kästchen, das etwa so groß ist wie ein Toaster. Das Gerät nennt sich Genecount Q-16 und weist mithilfe der Polymerase-Kettenreaktion – also dem von PCR-Tests bekannten Verfahren – Corona-Genmaterial nach. Dabei werden die Erbmoleküle in mehreren Zyklen vervielfältigt, sodass kleinste Mengen Viruserbgut aufgespürt werden können. Aus der Probe kann die Gesamtmenge an Virenerbgut im Einzugsgebiet der Kläranlage errechnet werden. Daraus wiederum ergibt sich der (über sieben Tage gemittelte) Wert je 100 000 Einwohner – die Entsprechung zur aus Pandemiezeiten bekannten 7-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen.

Wie aussagekräftig sind die Daten?

Abwasserdaten und Infektionszahlen entwickeln sich fast gleichlaufend. Der Stuttgarter Laborleiter Peter Schilling zeigt die Messergebnisse für Stuttgart, man sieht deutlich einen Ausschlag während und nach dem Cannstatter Volksfest im Herbst – bei der Inzidenz wie auch der Zahl der Genkopien im Abwasser. Es gehe weniger um die absoluten Werte als um Trends, sagt Schilling.

Der Stuttgarter Gesundheitsamtsleiter Stefan Ehehalt sagt, im Abwasser würden „Näherungswerte“ gefunden, die um Daten von Ärzten, Labors und Kliniken ergänzt werden müssten. „Auf Basis der Abwasserwerte kann man beispielsweise nicht auf die Krankheitsschwere schließen“, sagt der Mediziner. Das RKI weist auf seiner Website auf weitere Einschränkungen hin: Es sei unbekannt, wie viele Viren wie lange von jeder infizierten Person ausgeschieden werden. Zudem hätten Virusvarianten und Immunstatus einen Einfluss auf die Ausscheidungsraten.

Taugt das als Frühwarnsystem?

„Je dynamischer das Infektionsgeschehen, desto wertvoller ist das Abwassermonitoring als Frühwarnsystem“, sagt Stefan Ehehalt. In den Hochphasen der Pandemie mit sehr hohen Testzahlen habe es teilweise eine Rückstau bei den PCR-Testergebnissen gegeben. Mit den Abwasseranalysen habe man zeitweise eine Woche früher gesehen, wie sich die Infektionszahlen entwickeln.

Welche anderen Krankheitserreger können nachgewiesen werden?

Das bis Ende 2024 laufende RKI-Projekt zum Abwassermonitoring erfasst neben Corona- auch Polioviren und soll auf weitere Krankheitserreger ausgeweitet werden. Mögliche Kandidaten sind Influenzaviren, multiresistente Erreger, Respiratorische Synzytial-Viren (RSV) sowie generell neu auftretende Erreger. In der Schweiz sind Influenza und RSV bereits Bestandteil des nationalen Abwassermonitorings.

Krank zu Weihnachten – was tun?

Im Infektionsfall sollte zumindest der Besuch älterer Verwandter aufgeschoben werden, weil diese schwer erkranken könnten. Neben den Ergebnissen von Schnelltests sollten vor allem Symptome den Ausschlag geben: Wer erkennbar krank ist oder sich krank fühlt, sollte möglichst daheim bleiben oder bei nicht aufschiebbaren Treffen gut lüften, Abstand halten, Maske tragen. Gut zu wissen: Durch Kontakt mit dem Abwasser kann man sich nicht infizieren. Die darin enthaltenen Erbgutreste seien ungefährlich, schreibt das RKI.

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