Alexej Nawalny im Hotzenwald Frische Schwarzwaldluft für den vergifteten Kremlkritiker

Alexej Nawalny mit seiner Ehefrau. Foto: dpa/Uncredited

Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen erholt sich der russische Oppositionelle Alexej Nawalny in einem kleinen Dorf im Hotzenwald. Dort bringt er einiges durcheinander.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Ibach - Auf dem kleinen Wanderparkplatz vor dem Rathaus der Gemeinde Ibach (Kreis Waldshut) stehen zwei dunkle Limousinen, dazu ein Mannschaftswagen der Polizei, ein dunkelgrauer Lieferwagen mit Blaulicht auf dem Dach, ein weißer Lieferwagen und ein Quad der Bergwacht. Stämmige, dunkel gekleidete Männer laufen hin und her, manche tragen große Metallkisten. Was darin ist, kann und will Mathias Albicker nicht sagen. Der Sprecher des Polizeipräsidiums Freiburg ist extra in den Hotzenwald hochgefahren, um auf professionelle Weise zu schweigen. Ob es stimmt, dass sich der Kremlkritiker Alexej Nawalny hier in Ibach aufhält? „Kein Kommentar!“

 

Nur so viel bestätigt Albicker: dass sich „in Baden-Württemberg eine Schutzperson“ aufhalte und das Freiburger Polizeipräsidium „entsprechend der Gefährdungssituation aufgefordert“ sei, die erforderlichen Schutzmaßnahmen zu treffen. Wie hoch diese Gefährdung eingeschätzt wird, lässt sich zwei Kilometer weiter hinter der Gemeindehalle besichtigen. Dort steht ein halbes Dutzend Polizeitransporter. Die kleine Halle wurde zum Hauptquartier.

Beim Spazierengehen gesichtet

Elzbieta Schäuble weiß längst, um wen es sich bei der geheimnisvollen Person handelt, deren Anwesenheit das Leben in Ibach aus dem Takt gebracht hat. Sie habe ihn schon zusammen mit seiner Familie beim Spazierengehen beobachtet, gefolgt von einem Tross von Sicherheitskräften, sagt die Wirtin des Gasthofs Kranz. „Wir haben sie dann gleich gegoogelt. Das war eindeutig.“ Der örtliche „Südkurier“ hat es inzwischen bestätigt. Er habe Nawalny mit und ohne Maske fotografieren können, berichtet ein Fotoreporter dort.

An der Straße hinauf in Richtung Sankt Blasien parkt in einer Einfahrt ein weiterer dunkler Mercedes. Die zwei Männer darin haben ihre Augen auf das Apartmenthotel auf der gegenüber liegenden Seite gerichtet. Dort stehen zwei dunkel gekleidete Männer auf der Terrasse und frieren. In einer der Wohnungen, Kostenpunkt 1000 bis 3500 Euro die Woche, soll sich Nawalny von seiner Vergiftung durch das Nervengift Nowitschok erholen, heißt es. Der Kremlkritiker war am 20. August während eines Fluges zusammengebrochen und wurde später in die Berliner Charité verlegt, wo er wochenlang im Koma lag.

Der Polizeihubschrauber kreist über dem Dorf

Prominente Gäste sind in dem Hotel keine Seltenheit, entsprechend diskret gibt sich die Chefin. Die sechs Wohnungen verfügen über Komfortkamine, Ledersessel und große Panoramafenster.

Dass sich etwas Ungewöhnliches tut in dem kleinen Dorf, dessen 350 Einwohner sich auf drei Ortsteile verteilen, hatte sich schon am Mittwoch vor einer Woche angekündigt. Da stand plötzlich ständig der Polizeihubschrauber über dem Tal, berichtet Ingrid Schmid, die eine Kuhweide entfernt vom Rathaus wohnt. „Erst dachten wir, es hängt mit der vermissten Wanderin zusammen.“ Eine junge Frau aus Nordrhein-Westfalen war vor vier Wochen auf dem Schluchtensteig zwischen Todtmoos und Wehr spurlos verschwunden. Dann aber füllte sich der Ort immer mehr mit Polizei. „Man kann nicht mehr ohne Ausweis aus dem Haus“, sagt Ingrid Schmid. Am Wochenende gingen die Beamten dann von Haustür zu Haustür und kopierten die Pässe der Pensionsgäste.

Der Kirchenchor kann nicht mehr proben

Der ehrenamtliche Bürgermeister Helmut Kaiser (CDU) bat seine Mitbürger mittlerweile um Verständnis. „Seit dieser Woche weilt ein besonderer Gast, eine Person des öffentlichen Lebens und öffentlichen Interesses, mit seiner Familie in Ibach“, schreibt er auf der Internetseite der Gemeinde. Diese Gäste benötigten einen sehr hohen Personenschutz. Das Gebiet um das Apartmenthotel erklärte Kaiser per Allgemeinverfügung zur Sperrzone. Außerdem sagte er die Proben des Musikvereins und des Kirchenchors ab, die wegen Corona zuletzt in der Gemeindehalle stattgefunden hatten.

„Bei uns ist es schön. Wir sind Gäste gewohnt“, sagt Kaiser. Auch Bundespräsidenten seien schon zu Gast gewesen, zuletzt Horst Köhler (CDU) kurz vor seinem Rücktritt im Jahr 2010. „Dass einmal so ein Personaleinsatz in Ibach stattfindet, hätte ich aber nicht gedacht.“ Manchem geht schon ziemlich auf den Wecker, dass nun im Fünf-Minuten-Takt ein Polizeiwagen geheimnisvoll durch den Ort rollt, wo sonst vielleicht alle halbe Stunde mal jemand vorbeikommt. Elzbieta Schäuble pfeift jedenfalls auf die Polizeipräsenz. „Sicher haben wir uns hier schon immer gefühlt, aber jetzt können mein Esel und mein Pony nicht mehr schlafen.“ Ganz nervös seien die armen Tiere schon.

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