Rund 100 Schwieberdinger strömen am Freitagabend zum Bürgersaal, um die Amtseinsetzung Stefan Benkers zu verfolgen. Der begrüßt jeden und jede vor der Tür. Während er Hände schüttelt, wippt der Bürgermeister von einem Fuß auf den anderen und zupft sein Sakko immer wieder zurecht. Bei unbekannten Gesichtern wirkt das Lächeln etwas unsicher, bei alten Bekannten leuchtet Benkers Gesicht auf, die Schultern sinken sichtbar ab. Das Bad in der Menge ist dem Neuen fremd, vielleicht sogar ein bisschen unangenehm – noch.
Stefan Benker ist offiziell in das anspruchsvolle Amt des Schwieberdinger Bürgermeisters gestartet. Die Gemeinde hat finanzielle Sorgen, ringt um Fachkräfte und hat die Umsetzung eines komplexen Gewerbegebiets vor der Brust. Ob Benker dem gewachsen ist, werden die kommenden Monate zeigen. Was schon jetzt klar wird: Der neue Bürgermeister ist mit seiner kontrollierten und ehrlichen Art ein Paradebeispiel einer neuen Riege an Bürgermeistern – ihr ist der Fortschritt wichtiger als das Amt.
Ehrlich, aber auch vorsichtig
Einige Tage vor der Vereidigung in Benkers Amtszimmer: Der neue Bürgermeister ist zurückhaltend und beantwortet Fragen zu den wichtigsten Themen der Gemeinde nur oberflächlich. „Die Liquidität ist gesichert, wir dürfen aber nicht über unseren Verhältnissen leben“, kommentiert er den Haushalt. „Ich hatte ein erstes Treffen mit den Kita-Leitungen“, sagt er über den Fachkräftemangel. Und im neuen interkommunalen Gewerbegebiet sieht Benker „eines der komplexeren Projekte im Kreis“.
Im Auftreten, der Kommunikation und dem Umgang mit Mitmenschen ähnelt Benker anderen Bürgermeistern im Kreis. Auch Nico Lauxmann (Kornwestheim), Christian Eiberger (Aperg) und Matthias Knecht (Ludwigsburg) sind pragmatisch, aufgeschlossen, ehrlich – aber auch vorsichtig. Bevor sie Unsinn reden und hohle Versprechungen machen, bleiben sie lieber bei Floskeln.
Und das hat gute Gründe: Diese Generation von Bürgermeistern ist mit deutlich komplexeren Aufgaben konfrontiert als ihre Vorgänger der 1990er und 2000er Jahre. Die Ansprüche an Kommunikation, Transparenz und guter Führung sind gestiegen. Es gibt komplett neue Aufgabenfelder wie die Digitalisierung. Andere wie der Fachkräftemangel, Klimaschutz und die Migration schlucken deutlich mehr Zeit und Energie als früher. „Kein weiter so“ ist für diese Bürgermeister kein flotter Wahlspruch mehr, dieses Motto scheint mittlerweile alternativlos.
Während der Job des Bürgermeisters früher zu einem großen Teil Repräsentanz bedeutete, geht es nun in erster Linie ums „Gestalten“, wie es moderne Bürgermeister nennen. Die Hierarchien sind flacher, der Fortschritt kommt aus der Mitte der Verwaltung, des Rats und der Bürgerschaft – seltener von der Spitze. So will auch Stefan Benker arbeiten. „Wenn ich etwas vorschlage, bin ich überzeugt, dass das Schwieberdingen gut tut“, sagt der Bürgermeister. „Wenn aber ein gutes Gegenargument kommt, kann ich auch von meiner Position abrücken.“
Wider die Politikverdrossenheit
Deswegen werde er in den kommenden Wochen und Monaten Gespräche mit Bürgern, verschiedenen Berufsgruppen und Vereinen suchen und dabei „Eindrücke aus unterschiedlichen Lebensrealitäten“ sammeln. „Es ist fatal, auf seinen eigenen Lösungen zu beharren.“ Die unangefochtene Autorität eines Bürgermeisters scheint Geschichte, mittlerweile geht es an der Rathausspitze viel mehr ums Koordinieren und Moderieren. Auch Stefan Benker will viel erklären, was er tut. Nicht nur um für Zustimmung zu werben, sondern auch für die Demokratie und gegen die Politikverdrossenheit, sagt Benker ohne Pathos.
Wie man der Unzufriedenheit in der Gesellschaft entgegenwirkt, Interesse weckt oder Bürger für ein politisches Amt begeistert, „darauf habe ich auch keine endgültige Antwort“, sagt Benker. „Viel Information, Kommunikation und Transparenz sind aber immer ein Mittel.“ Mit Blick auf die Kommunalwahl im Sommer hofft er auf Engagement aus der Mitte der Gesellschaft. „Ich hoffe, dass die Wahllisten voll werden.“
Die Politik Berlins und Stuttgarts liegt der modernen Riege von Bürgermeistern fern. Die meisten haben eine Verwaltungshochschule besucht. Parteikarrieren sind kein Sprungbrett, sondern Bremsklotz. Auch der Ende 30-jährige Benker hat nie einer politischen Jugendorganisation angehört, geschweige denn einer Partei. Er hat ein Diplom der Verwaltungshochschule Ludwigsburg und kletterte über Positionen in Schwieberdingen und im südbadischen Kenzingen nach oben. Ideologie gehört für Benker in die große Politik, nicht in den Gemeinderat. „Ich schätze die Größe von Städten wie Schwieberdingen. Hier geht es um die Sache und nicht um Parteiprogramme.“
Zurück im Schwieberdinger Bürgersaal am Freitagabend. Das Programm, das die Gemeinde auf die Beine gestellt hat, ist klassisch gehalten: Reden, Musik, offizieller Teil. Stefan Benker hört zu, lacht, klatscht, guckt aber auch immer wieder um sich – ist das Ungeduld? Der Bürgermeister scheint nicht für Veranstaltungen wie diese nach Schwieberdingen zurückgekehrt zu sein, sondern um zu „gestalten“.
Stefan Benker kurz und kompakt
Die Karriere
Stefan Benker ist in Nürtingen geboren, leistete seinen Zivildienst und studierte dann an der Verwaltungshochschule Ludwigsburg. Die ersten Berufsjahre verbrachte er in der Stadtverwaltung Schwieberdingen. Nach einem Intermezzo in der südbadischen Gemeinde Kenzingen ist er nun zurück als Bürgermeister Schwieberdingens.
Die Person
Stefan Benker hat mit seiner Freu Kerstin bereits eine Wohnung in Schwieberdingen gefunden – die beiden erwarten in den kommenden Wochen ein Kind. Benker wandert gerne, hat ein Aquarium und ist in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv.