Andreas Wolff vor Olympia-Quali-Turnier „Dagurs Einstieg bei den Kroaten macht die Sache gefährlicher“

Andreas Wolff lässt nach einer Parade seinen Emotionen freien Lauf. Foto: dpa/Tom Weller

Die Paraden von Andreas Wolff werden auch im Olympia-Qualifikationsturnier nötig sein, um in Paris dabei zu sein. Der Torhüter der Handball-Nationalmannschaft spricht über die Chancen, die Vertragsverlängerung des Bundestrainers und eine mögliche Rückkehr in die Bundesliga.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Für die deutsche Handball-Nationalmannschaft geht es in Hannover im Qualifikationsturnier gegen Algerien (Donnerstag, 17.45 Uhr/Sport 1), Kroatien (Samstag, 14.30 Uhr/ZDF) und Österreich (Sonntag, 14.10 Uhr/ARD) um die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Zumindest Platz zwei ist nötig, um das Ticket zu ergattern.

 

Herr Wolff, beim jüngsten Champions-League-Auftritt mit ihrem Club KS Kielce in Aalborg waren Sie nicht im Kader. Müssen wir uns nach diversen Verletzungen im deutschen Team jetzt auch noch um Sie Sorgen machen?

Nein, der Trainer wollte, dass unsere anderen beiden Torhüter zu Einsatzzeiten kommen. Letztendlich war es in diesem Spiel um nichts mehr gegangen.

Nun aber geht es in der Königsklasse in den Play-offs gegen GOG Gudme, und im Viertelfinale würde Titelverteidiger SC Magdeburg warten.

Wunschgegner sehen anders aus (lacht). Aber das sind die Herausforderungen, auf die wir Sportler uns doch alle so sehr freuen.

Wie sehr freuten Sie sich über den vor Kurzem erhaltenen Fair-Play-Preis des deutschen Sports?

Eine solche Würdigung freut einen ungemein. Es ist eine große Ehre, wenn man mit seinem Verhalten ein Vorbild für andere Sportler sein kann.

Sie hatten sich bei der WM 2023 in zwei Spielen bei den Schiedsrichtern dafür eingesetzt, dass gegnerische Spieler keine Zeitstrafen erhielten, nachdem diese Sie indirekt mit Würfen am Kopf getroffen hatten.

Genau. Ich habe ohnehin ein bisschen einen Zorn auf meine Torwartkollegen, die mit schauspielerischen Einlagen ab und zu diese Zeitstrafen für die Schützen sogar fordern. Die Regel ist ja sinnvoll, weil sie die Torhüter schützt, aber wir sollten uns dadurch keinen Vorteil ergaunern. Daher ist diese Auszeichnung für mich das Kontrastprogramm hierzu.

„Positive Entwicklung fortsetzen“

Würden Sie beim so wichtigen EM-Qualifikationsturnier genauso reagieren?

Klar, bei der WM 2023 ging es zumindest gegen Norwegen ja auch um einiges.

Wie groß ist Ihre Anspannung vor den anstehenden Spielen gegen Algerien, Kroatien und Österreich?

Sie steigt von Tag zu Tag. Es ist ein sehr wichtiges Turnier für uns. Wir haben als Mannschaft deutliche Schritte nach vorne gemacht. Jetzt wollen wir die Olympia-Qualifikation schaffen, damit sich dort die positive Entwicklung unserer Mannschaft fortsetzt.

Wie sehr hat es Sie überrascht, dass der Verband die Vertragsverlängerung des Bundestrainers an die Olympia-Teilnahme geknüpft hat?

Ob man diese Klausel in den Vertrag reinschreiben muss – das ist nicht mein Metier. Ich sitze nicht mit am Verhandlungstisch. Ich weiß nur, dass Alfred Gislason einen sehr, sehr guten Job macht. Er führt die Mannschaft sehr gut, er ist der richtige Mann auf diesem Posten.

Was spricht für ihn?

Seine massive Erfahrung, die er vor allen den jungen Spielern mitgeben kann. Alfred hat erfolgreich Vereins- und Nationalmannschaften trainiert. Er kennt alle Facetten unseres Sports. Er macht seinen Job souverän und unaufgeregt und ist ein Leuchtturm während der großen Turniere.

Bei der vergangenen Heim-EM konnten von neun Spielen aber nur vier gewonnen werden.

Wenn man diese Statistik sieht, ist das kein berauschendes Ergebnis. Aber gegen Kroatien ging es um nichts mehr, und ansonsten haben wir gegen die drei besten Teams der Welt verloren. Frankreich, Dänemark und Schweden haben uns vor allem in Sachen internationaler Erfahrung noch etwas voraus. Wir sind noch nicht so weit, aber befinden uns auf dem richtigen Weg.

„Einfach wird es nicht“

Auf sachliche Kritik von Bob Hanning reagierte der Bundestrainer dünnhäutig. Können Sie das nachvollziehen?

Das sind Meinungsverschiedenheiten, in die mich nicht einmische. Ich bin mit Bob befreundet, Alfred ist mein Trainer, auch mit ihm komme ich sehr gut klar, deshalb werde ich mich nicht zwischen die Stühle begeben.

Wie schätzen Sie die Chancen beim Olympia-Qualifikationsturnier ein?

Wir spielen zu Hause, aber wir haben auch bei der EM daheim gespielt und gegen Österreich und Kroatien drei von vier Punkten liegen lassen. Einfach wird es nicht, aber wir wollen uns diese Chance nicht nehmen lassen.

Wie sehr erschwert der Einstieg von Ex-Bundestrainer Dagur Sigurdsson bei den Kroaten die Aufgabe?

Dagur ist ein fantastischer Trainer, der uns gut kennt und diese starke kroatische Mannschaft optimal einstellen wird, sein Einstieg macht die Sache gefährlicher. Zudem werden viele kroatische Fans ihre Mannschaft lautstark unterstützen. Auch die Österreicher sind als Team gereift und bringen aus der EM viel Selbstvertrauen mit. Genauso wie die Kroaten sind sie kein Gegner, den ich mir in dieser Quali-Gruppe gewünscht habe.

Sie sind unter Sigurdsson 2016 Europameister geworden. Was ist er für ein Typ – auch im Vergleich zu Gislason?

Sie sind sich schon ähnlich. Sie sind Isländer und damit keine Männer der unnötigen Worte. Sie haben ihren Humor, der weniger von der Lautstärke lebt, sondern von überlegten Äußerungen. Beide haben hohen Handball-Sachverstand, sind taktisch sehr versiert und blicken über den Tellerrand hinaus.

Wie wichtig ist die Olympia-Qualifikation?

Olympia ist etwas ganz Besonderes, zumal Paris praktisch vor der Haustür liegt. Der DHB als größter Handballverband der Welt muss bei solch einem Megaevent einfach vertreten sein. Es liegt an uns, dass wir dieser Verantwortung auch gerecht werden.

„Bayern und wir können Titel holen“

Sie sind Fan des FC Bayern. Wer gewinnt eher die Champions League: die Münchner Fußballer oder Sie mit Kielce?

Wir befinden uns in einer ähnlicher Lage, weil es für beide Clubs in der Liga nicht reibungslos läuft. Aber ich halte es dennoch für möglich, dass die Bayern und wir die Champions League gewinnen. Man sollte uns nicht abschreiben, das Potenzial ist da.

Bisher haben Sie mit Kielce zwei Endspiele denkbar knapp verloren, 2022 gegen den FC Barcelona nach Siebenmeterwerfen und 2023 gegen den SC Magdeburg nach Verlängerung. Wie sehr nagt das an Ihnen?

Das ist schon traurig, wir könnten jetzt miteinander reden und ich wäre zweimaliger Champions-League-Sieger. Was für den Briefkopf etwas beeindruckender gewesen wäre als die Formulierung zweimaliger Finalist. Aber so ist der Sport, wir nehmen dieses Jahr wieder einen Anlauf.

Wie groß ist der Reiz, noch einmal in der Bundesliga zu spielen?

Jede Woche volle Hallen und grandiose Stimmung, enge und umkämpfte Spiele – das hat schon was. In Polen kommt es vor, dass der Fünftplatzierte gegen uns seine besten Spieler schont, weil er sich eh keine Chancen ausrechnet zu punkten. Dafür ist die Belastung geringer, Blessuren lassen sich besser auskurieren.

Wann sehen wir Sie noch einmal in der der Handball-Bundesliga?

Schauen wir mal, die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber aktuell stehe ich bis 2028 in Kielce unter Vertrag, was die Zukunft bringt, kann ich nicht voraussagen.

Was wäre Ihr Ziel?

Grundsätzlich wäre es schon eine gewisse Genugtuung, einmal die deutsche Meisterschaft zu gewinnen.

Info

Karriere
Andreas Wolff wurde am 3. März 1991 in Euskirchen geboren. Seine Stationen nach der Jugend waren TV Kirchzell, TV Großwallstadt (Zweifachspielrecht 2009–2013), HSG Wetzlar (2013–2016), THW Kiel (2016–2019) und seit 2019 KS Kielce/Polen. Mit der Nationalmannschaft (154 Länderspiele) gewann er 2016 den EM-Titel und holte im gleichen Jahr Olympia-Bronze.

Persönliches
Wolff liest gerne Thriller, hört deutschen Hip-Hop oder Heavy Metal. Er ist ledig, seit vielen Jahren mit Freundin Samira liiert.

Olympia-Quali-Turnier
Donnerstag, 14. März: Deutschland – Algerien (17.45 Uhr/Sport 1), Kroatien – Österreich (20.15 Uhr). Samstag, 16. März: Deutschland – Kroatien (14.30 Uhr/ZDF), Algerien – Österreich (17 Uhr). Sonntag, 17. März: Österreich – Deutschland (14.10 Uhr/ARD), Kroatien – Algerien (16.45 Uhr). (jüf)

Weitere Themen