Angebote für Familien in Stuttgart Museen bieten immer mehr für Kinder

Der Weg bis aufs Laufband in der „Räuber Hotzenplotz“-Ausstellung im Jungen Schloss ist weit: Wer dann noch kann, bringt mit seinem Einstaz den Gendarm im Film zum Laufen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Wer sich am Wochenende mit seinen Kindern den „Räuber Hotzenplotz“ im Jungen Schloss des Landesmuseums ansehen und ihn „begreifen“ will, muss bis zu drei Stunden anstehen. Wie gefragt sind andere Angebote für Familien in Stuttgarter Museen?

Lokales: Alexander Ikrat (aik)

Stuttgart - Drei Stunden anstehen für eine Ausstellung? Das gibt es nicht nur im Pariser Louvre, davor warnen auch die Macher im Landesmuseum Württemberg, was einen Besuch der Mitmachausstellung „Räuber Hotzenplotz“ angeht. Mehr als 51 000 Menschen waren seit der Eröffnung am 20. Oktober im Kinderbereich Junges Schloss des Museums im Alten Schloss in Stuttgart. Weil in den mit knapp 400 Quadratmetern eher kleinen Bereich nur 100 Personen gleichzeitig eingelassen werden, und diese so lange bleiben können, wie sie wollen, mahnt das Museum am Eingang und im Internet: „Aufgrund des hohen Besucheraufkommens und der hohen Zahl an Gruppenbuchungen kann es werktags sowie am Wochenende zu bis zu drei Stunden Wartezeit und einem kompletten Einlassstopp kommen“, heißt es. Nicht einmal ein Online-Ticket hilft da.

 

Mehr Platz für Hotzenplotz

„Woher nehmen, wenn nicht stehlen?“, sagt dazu Museumssprecher Markus Wener, der auf die Raumsituation im historischen Gemäuer verweist. Nicht immer könne man auf die rund 1000 Quadratmeter große Fläche für Sonderausstellungen ausweichen, auf der die Ritter-Ausstellung „Auf der Burg“ von Oktober 2017 bis April 2018 ausnahmsweise gezeigt wurde. Damals kamen mehr als 98 000 Besucher. Eine Ausstellung zum 95. Geburtstag des 2013 gestorbenen Hotzenplotz-Erfinders Otfried Preußler passt dort nicht so gut hin, der Bezug zur Kulturgeschichte Württembergs ist überschaubar. Der Hotzenplotz könnte bis zur Schließung am 23. Juni noch die „7 Super-Schwaben“ übertreffen, die vom Oktober 2016 bis Juli 2017 sowie April bis Juli 2018 rund 57 000 Menschen gesehen haben. Die Ausstellung zu verlängern wird laut Wener nicht erwogen: „Am 6. Mai schließen wir die Eingangshalle für den anstehenden Umbau, Tickets und Notgarderobe gibt’s dann im Baucontainer im Innenhof. Das wird eine Herausforderung bis Juni.“ Den Notbetrieb zu verlängern, so Wener, „damit tun wir uns und den Besuchern keinen Gefallen“. Der Sprecher relativiert außerdem, dass Kinder zwar „eine wichtige Zielgruppe“ für das Landesmuseum seien, aber eben nur eine von mehreren. Wer bei „Räuber Hotzenplotz“ also noch mitmachen will, muss möglicherweise bis zum Schluss warten. Immerhin kommt am Wochenende manchmal Hausmeister Manfred Bock in Gestalt des Räubers persönlich vorbei und nimmt die Wartenden mit auf eine Führung in die Keller des Schlosses.

Mitmachen bei Mercedes

Für das Mercedes-Benz-Museum – mit 834 000 Besuchern im vergangenen Jahr einmal mehr Stuttgarts Museumsmagnet – sind Kinder laut Sprecherin Friederike Valet ebenfalls „eine enorm wichtige Zielgruppe“, man verstehe sich „ganz explizit als Familienmuseum“. Etwa 150 000 Besucher sind unter 18 Jahren, also knapp 18 Prozent. Deshalb baue man die Angebote für Kinder und Jugendliche stetig aus. Die laufende Mitmachausstellung „Spielplatz Sprache“ etwa war so schnell ausgebucht, dass das Museum sie um drei Wochen bis zum 28. April verlängerte. Sehr begehrt sind die Kindergeburtstage: Die Termine 2019 sind ausgebucht.

Agent im Porsche-Museum

Beim Sportwagenbauer in Zuffenhausen ist sogar ein Viertel aller rund 442 000 Besucher minderjährig. „Einer besonders hohen Nachfrage erfreuen sich unsere Veranstaltungen im Rahmen der Kinderferienprogramme, sowie die Kindergeburtstage und Führungen“, sagt Sprecherin Astrid Böttinger. In diesem Jahr werde speziell das Sommerferienprogramm „weiter ausgebaut“, so Böttinger, „unter anderem bekommen die jungen Besucher die Gelegenheit, einen Geheimagenten im Museum zu treffen“.

Turmforum wird digitaler

Das Turmforum Stuttgart–Ulm als viertgrößte Ausstellung Stuttgarts hinter dem Landesmuseum mit rund 225 000 Besuchern verzeichnet nach Angaben eines Sprechers gut 20 Prozent Kinder und Jugendliche, wobei nicht immer klar sei, „wer von den Jugendlichen sich tatsächlich die Ausstellung anschaut“. Der Gratiszugang zum Bahnhofsturm sei auch zum Pausemachen attraktiv. Trotzdem hat die Zielgruppe Gewicht: Die Ausstellung muss wegen des Umbaus des Gebäudes noch dieses Jahr umziehen – und sich verkleinern – nach den Worten des Sprechers „werden wir dann viel mehr digital machen“. So sollen sich die großen Baumaschinen animiert in Bewegung setzen und ein Zug soll durch die Ausstellung fahren.

Naturkunde in Kinderhand

Die größte Rolle spielen Kinder und Jugendliche in den Naturkundemuseen am Löwentor (Geologie) und Schloss Rosenstein (Biologie), wo nach Angaben von Kommunikationschef Ulrich Schmid rund die Hälfte aller knapp 225 000 Besucher unter 18 ist. Bis zu 2000 Veranstaltungen jährlich, darunter die beliebten Taschenlampenführungen einmal pro Woche, die Ferienprogramme von „Feuermachen in der Steinzeit“ bis „Saurierkrallen gipsen“, oder die gefragten Kindergeburtstage locken vor allem Familien an. Bei der anstehenden Neukonzeption der in die Jahre gekommenen Ausstellung im Schloss sollen Ideen aus der ersten für Kinder konzipierten großen Landesausstellung „Naturdetektive“ von 2016 einfließen. Damals durften Besucher fingierte Tatorte ermitteln, erinnert sich Schmid, „das war auch für Erwachsene ein Heidenspaß“. Einen Zeitplan gibt es aber noch nicht.

Kunst für die Kleinen

Kindern gut vermittelbar ist das Thema Kunst, etwa im Kunstmuseum (knapp 224 000 Besucher) und in der Staatsgalerie (fast 200 000, 19 Prozent davon Kinder und Jugendliche). In Zeiten, in denen die musischen Fächer in den Schulen an Bedeutung verlieren, so Sebastian Schneider vom Kunstmuseum, müssten die Häuser umso mehr tun, um mit „den Besuchern von morgen“ ins Gespräch zu kommen. Im Kubus am Schlossplatz soll das mit dem Studio 11 gelingen, das im Juni im zentralen Erdgeschoss in Betrieb genommen wird und wo es ausschließlich darum geht, sich ganz praktisch ans (Kunst-)Werk zu machen. Auch in der Staatsgalerie bekommt die Zielgruppe zunehmend Raum, bei Familien- und Kinderführungen, Workshops und zuletzt mit der offenen Werkstatt, die ebenfalls zentral im Hauptgebäude liegt, kostenlos ist und an jedem dritten Mittwoch und Sonntag ohne Anmeldung besucht werden kann. „Hier gibt es manchmal einen kurzen Stau“, sagt Sprecherin Anette Frankenberger.

Geschichte – nicht spröde

Das Haus der Geschichte mit seinen rund 78 000 Besuchern jährlich kommt laut Sprecher Joachim Rüeck nur auf etwa ein Fünftel minderjährige Besucher pro Jahr, weil viele Schulklassen einen Besuch abstatten. Aber auch einzelnen Kindern wird was geboten: Das interaktive Spiel „Der Dieb der Geschichte“, dem man mit Hilfe der Ausstellungsobjekte auf die Spur kommt, wird laut Rüeck „sehr gut angenommen“ und soll in naher Zukunft noch ausgebaut werden.

Tanzen für die Kulturen

Auch im Linden-Museum für Völkerkunde mit rund 51 000 Besuchern ist jeder fünfte unter 18. „Sie spielen eine sehr wichtige Rolle“, sagt Sprecher Martin Otto-Hörbrand. Es gibt zwar keine Ausstellungen speziell für Kinder, aber gemeinsame Erlebnisse für Familien. So kann der Nachwuchs mittels Audio-Guide in einer Kinderversion mit seinen Begleitern ins Gespräch kommen. Die Familienführung jeden Sonntag um 15 Uhr ist ebenso beliebt wie die Workshops zu den Sonderausstellungen inklusive basteln oder tanzen. Otto-Hörbrands Wunsch für einen Neubau, über den zurzeit diskutiert wird: „ein richtiger Werkstattbereich zum Beispiel mit Ausgrabungsstätte“.

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