Angriff auf Beerdigung in Altbach Drohen den Polizisten Konsequenzen?
Ermittler haben in Altbach eine Beerdigung überwacht. Als eine Handgranate flog, verließen sie den Tatort. Ob sie Fehler gemacht haben, wird nun überprüft.
Ermittler haben in Altbach eine Beerdigung überwacht. Als eine Handgranate flog, verließen sie den Tatort. Ob sie Fehler gemacht haben, wird nun überprüft.
Die Flucht mehrerer Stuttgarter Polizisten nach einem Handgranatenwurf auf eine Trauergemeinde in Altbach (Kreis Esslingen) könnte für die Beamten Konsequenzen haben. Aufgrund der Berichterstattung unserer Zeitung prüft die Staatsanwaltschaft Stuttgart nun „mögliches strafrechtlich relevantes Verhalten“ der Fahnder. „Einzelheiten zu etwaigen Vorwürfen können derzeit nicht mitgeteilt werden“, sagt ein Sprecher.
Aus Expertenkreisen ist jedoch auch zu hören, dass die Flucht der Polizisten durchaus legitim gewesen sein könnte. Denn hätten sich die offensichtlich verdeckten Ermittler nach dem Handgranatenangriff zu erkennen gegeben, hätten sie das eigentliche Ziel der Aktion und den Erfolg aller weiteren Maßnahmen möglicherweise gefährdet, erklärt ein Experte: nämlich die Aufklärung der zahlreichen Taten in der Region, bei denen Schusswaffen zum Einsatz kamen. Sie stehen laut dem LKA, das die Ermittlungen leitet, im Zusammenhang mit der Tat von Altbach.
Wegen der vielen unbeantworteten Fragen in dem Fall beziehungsweise auch schon davor in der Serie von Schießereien in der Region fordert die FDP im Landtag eine Sondersitzung des Innenausschusses. Die innenpolitische Sprecherin der Liberalen, Julia Goll, sagte, die Berichterstattung zu den Ereignissen habe mittlerweile eine Dynamik erreicht, die nach einer besonderen Befassung des Innenausschusses verlange. „Fragen zu Hintergründen der Tat, zum möglichen Zusammenhang mit anderen Straftaten im öffentlichen Raum, aber auch zum Einsatz verdeckter Ermittler drängen sich auf.“ Goll ist der Meinung, dass der Innenminister Thomas Strobl (CDU) „frühzeitig Rede und Antwort“ stehen müsse.
Tatsächlich hatte Ressortchef Strobl bereits zuvor angeboten, in einer Sondersitzung über den Fall Altbach zu berichten. Der Innenminister entgegnet der FDP aber auch: „Die Opposition pöbelt hier völlig zu Unrecht: Wir krempeln die Ärmel hoch, arbeiten unter Hochdruck und machen Baden-Württemberg sicherer.“ Als Beleg führt Strobl die 18 Festnahmen, zahlreiche Durchsuchungsmaßnahmen, eine Abschiebung und eine Vielzahl von sichergestellten Waffen im Zusammenhang mit den Schießereien in der Region an.
Bei der Beerdigung des 20-Jährigen mit kenianischen Wurzeln in Altbach war eine Handgranate auf die Trauergemeinde geworfen worden. Der Tatverdächtige ist ein 23-jähriger Iraner. Unter den Gästen der Trauerfeier sollen viele junge Leute gewesen sein, welche die Polizei der organisierten Kriminalität zuordnet, überwiegend mit kurdischem Migrationshintergrund. Ihnen galt wohl der Anschlag. Das Landeskriminalamt meldete am Mittwoch nun zum ersten Mal, was schon länger zu befürchten steht: dass es hier um eine Art Bandenkrieg geht. Die Ermittelnden stellen auch einen Zusammenhang mit einer Reihe von Schießereien fest, die sich in den zurückliegenden Monaten in der Region zugetragen haben.
Aber was hat die Beerdigung in Altbach damit zu tun? Schließlich sei der Verstorbene vor seinem Tod bei den Behörden nicht auffällig geworden – „ein unbeschriebenes Blatt“, heißt es. Von Trauergästen ist zu hören, dass er zumindest engen Kontakt zu einer Art „Gemeinschaft“ aus jungen Männern gehabt haben soll. In Plochingen hätten sie sich immer getroffen. Das lässt aufhorchen. Denn es ist die Stadt, in der es in diesem Jahr bereits zweimal zu Schüssen gekommen ist. „Er war täglich dort, die haben ihn immer abgeholt, die Gruppe war mehr als eine Familie für ihn.“ Ob diese Gruppe aber Teil einer der Parteien in den aktuellen Auseinandersetzungen ist, ist nicht bekannt.
Nach der vorläufigen Festnahme von drei Tatverdächtigen im Alter von 19, 20 und 21 Jahren am Mittwoch müssen die Beschuldigten in Untersuchungshaft. Zwei von ihnen sollen zu den Gästen gehört haben, die auf den Handgranatenwerfer losgingen und ihn krankenhausreif schlugen. Gegen sie wird wegen des dringenden Tatverdachts des gemeinschaftlichen versuchten Totschlags und der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung sowie gegen den dritten unter anderem wegen Verstößen gegen das Waffengesetz ermittelt. Er hatte eine scharfe Waffe. Diese wird nun überprüft: Wurde sie bei einer der Schießereien benutzt?
Bei den Trauergästen sitzt der Schock seit der Beerdigung am vergangenen Freitag tief. Sie waren dabei, als die Handgranate in ihrer Nähe explodierte. „Wir leiden darunter“, sagen sie. Auch mit Panikattacken hätten sie seit dem Erlebten zu kämpfen. Das alles fühle sich surreal an, wie ein Film. „Auf einmal war da ganz viel Rauch“, erzählen sie. Jetzt haben sie Angst, dass die Tat kein Einzelfall bleibt. „Da gibt es bestimmt eine Vorgeschichte“, vermuten sie, und: „Ob dieser Angriff einmalig bleiben wird?“ Damit deuten auch ihre Aussagen auf das hin, was viele seit Langem befürchten: ein neuer Kampf rivalisierender Gruppen in der Region Stuttgart.
Warum aber ausgerechnet die Trauerfeier ihres Bekannten Ziel des Anschlags wurde? „Diese Frage stellen wir uns auch“, sagen sie. Um auf Nummer sicher zu gehen und sich selbst zu schützen, wollen sie unerkannt bleiben, kein Name und kein Foto von ihnen soll in der Zeitung stehen. Mit dem Ganzen wollen sie nichts zu tun haben. „Wir wollten doch nur trauern.“