Anis Amris Netzwerk Terrorspur führt von Paris nach Berlin

Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016: Saßen die Drahtzieher in Paris? Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Ein Komplize von Anis Amri hatte Kontakte zum Drahtzieher des Bataclan-Anschlags. Der Terrorist, der an der Gedächtniskirche elf Menschen umgebracht hat, war Teil eines islamistischen Netzwerks. Dennoch gilt er offiziell als Einzeltäter. Daran gibt es Zweifel.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Wer waren die „Brüder in Frankreich“? Gegenüber einem Spitzel des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen („VP01“) brüstete sich Anis Amri ein Jahr vor dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche wegen seiner Kontakte zu französischen Gesinnungsgenossen. Die „Brüder in Frankreich“ hätten bereits Großes vollbracht. Das war kurz nach den Anschlägen in Paris. Die „Brüder in Frankreich“ könnten ihm Waffen besorgen.

 

Welche Bedeutung dieser Kontakt für sein Lastwagenattentat hatte, ist unklar. Jedenfalls begegnet Amri zu jener Zeit einem Mann, der Drahtzieher und Helfershelfer der Anschläge in Paris kennt: Clement Baur, ein Konvertit aus Belgien. Der hält sich seit Ende Juli 2015 in Deutschland auf. Im November treffen sich Amri und er in der Berliner Fussilet-Moschee, deren Trägerverein inzwischen verboten ist.

Zwei Kontaktleute zwischen Amri und dem Paris-Attentäter

Womöglich, so Insider, kennen sich die zwei schon länger. Baur sitzt inzwischen wegen Anschlagsplänen im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahl 2017 in Haft. Bei einem abgehörten Knastgespräch offenbart er, dass er mit dem Bataclan-Attentäter Abdelhamid Abbaoud bekannt gewesen sei sowie ausgewiesener „Kumpel“eines Komplizen. Baur gibt bei Vernehmungen zu, dass er mit Amri ausführlich den Lkw-Anschlag von Nizza 2016 erörtert habe, der zum Vorbild für den Attentat an der Gedächtniskirche wird. Amri habe ihm erklärt, „dass er so etwas gerne in Deutschland machen würde“. Beide hätten sich „gemeinsam mit dem Thema terroristischer Anschläge in Europa auseinandergesetzt“. Seit Oktober 2016 planen sie auch einen Sprengstoffanschlag auf ein Einkaufszentrum am Berliner Gesundbrunnen. „Amri war mein Kumpel“, schreibt B. in einer Whatsapp-Nachricht, „wir sollten in Berlin, Paris und Brüssel zuschlagen.“

Ein weiterer Verbindungsmann zur Pariser Terrorzelle ist Magomed-Ali C., ein Islamist aus Russland, der 2020 wegen der Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags in Deutschland zu fünf Jahren Haft verurteilt worden ist. Welche Rolle die „Brüder in Frankreich“ und deren Kontaktleute für das Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz spielen, kann der Untersuchungsausschuss des Bundestags zu Amri nicht klären. Eine Spekulation bleibt, dass sie Amri die Waffe beschafft haben, die er bei dem Anschlag und bis zuletzt bei sich trug, eine Pistole der Marke Erma.

Amri Teil eines europäischen Terror-Netzwerks?

„Amris Anschlag war möglicherweise Teil einer Terrorserie“, glaubt die Linken-Abgeordnete Martina Renner. Dabei hätten „die Köpfe woanders gesessen“, vielleicht in Paris. Das sei aber nicht zu beweisen. Auch der FDP-Mann Benjamin Strasser aus Ravensburg, Mitglied des Untersuchungsausschusses, hält Amri nicht für einen klassischen Einzeltäter. „Die islamistische Szene agiert in Europa über Ländergrenzen hinweg“, sagt er. „Daran muss sich auch die Arbeit der Sicherheitsbehörden orientieren.“ Zu diesem Zweck müsse man die EU-Polizeibehörde Europol „zu einem echten europäischen Kriminalamt weiterentwickeln“.

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