Anna Ohnweiler und ihr Bündnis „Omas gegen rechts" Die Großmütter machen mobil

Im Gespräch mit dem Anti-Konflikt-Team: Anna Ohnweiler auf ihrer ersten Demo im Dezember 2018 in Stuttgart Foto: privat

Die 68-jährige Anna Ohnweiler hat im Südwesten das Bündnis „Omas gegen rechts“ ins Leben gerufen.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Nagold - Den ersten Demo-Einsatz ihres Lebens hatte Anna Ohnweiler am zweiten Adventssamstag vergangenen Jahres. Da stand die 68-Jährige mit einem selbst gebastelten Schild zwischen anderen Demonstranten auf dem Stuttgarter Kronprinzenplatz. Es ging um den UN-Migrationspakt. Ein Häufchen Migrationspakt-Gegner, die einem Aufruf des AfD-Landtagsabgeordneten Stefan Räpple gefolgt war, fand sich plötzlich zehnmal mehr Demonstranten gegenüber. Dazwischen die Polizei. Anna Ohnweiler stand in der ersten Reihe der Gegendemo. Auf ihr Schild hatte sie „Omas gegen rechts“ geschrieben. Es war ein nasskalter Tag, und Ohnweilers Schild ging zwischen den großen Transparenten mit Aufschriften wie „Gegen Rassismus“ fast unter. Anna Ohnweiler skandierte auch keine Parolen. Sie stand einfach da mit ihrer Drei-Worte-Botschaft, ihrem Kommentar zum aktuellen politischen Diskurs. Das Foto von ihr in Stuttgart ging durch die Medien.

 

Das nennt man wohl: Vorlage verwandelt! Da hatte der AfD-Mann die Rechnung ohne die Frau aus dem Schwarzwald gemacht. Die anarchisch rote und lockige Haarpracht ihrer Jugend ist jetzt zwar nur noch dezent rötlich, die Locken kringeln sich nur noch in Ansätzen. Doch ihr Widerspruchsgeist ist noch der alte. Drei Enkel hat Anna Ohnweiler: zwei Mädchen und einen Jungen. Für sie tut sie viel. Man darf sie also mit aller Berechtigung Oma nennen. In ihrer Wohnung gibt es eine Ecke, da hängen die Fotografien ihrer Kinder und Enkel fast bis zur Decke hoch.

Seit sie in Rente ist, hat sie zwei Enkelinnentage in jeder Woche. An denen fährt sie von Nagold nach Stuttgart, um nach der Schule da zu sein, wenn ihre Tochter und ihr Schwiegersohn noch arbeiten. Wenn die Oma dann ihre jüngste Enkelin von der Schule abholt, zwischen blonden Müttern und solchen mit gekräuselten Haaren und dunkler Hautfarbe steht, und merkt, dass den Kindern die Hautfarbe ihrer Freunde ganz egal ist, dann gehe ihr jedes Mal das Herz auf, wie sie sagt. „Kinder haben keine Berührungsängste.“

Sprachlehrerin für Spätaussiedler

Doch denke keiner, Anna Ohnweiler würde nur noch in Familienseligkeit baden und die Welt um sich herum als Pensionärin den anderen überlassen. Wer wie und mit welcher gesellschaftspolitischen Stoßrichtung über Omas spricht, diese als Stütze der Gesellschaft oft übersehene und als Erfahrungsreservoir oft übergangene Gruppe, das will sie mitentscheiden.

Zehn Jahre lang leitete sie den Standort Altensteig des Christlichen Jugenddorfs. Sie hat in ihrem Geburtsland Rumänien Deutsch und Rumänisch studiert, dann nach der Ausreise als Sprachlehrerin für Spätaussiedler gearbeitet. Anna Ohnweiler war immer nah dran an der Wirklichkeit.

Als sie vor etwa einem Jahr in ihrer Wohnung in Nagold saß und wie immer kurz nach fünf Uhr am Morgen im Internet las, war sie für einen Moment auf 180. Das ging zu weit. Twitterte da einer, dass sich seine Oma schämte, dass sie zu nichts mehr nütze, weil sie vor lauter Emanzipation nicht mal stricken gelernt habe. Was eine Oma zu tun und zu lassen habe, wollte Anna Ohnweiler keinem identitären Twitterer aus Österreich überlassen.

„Hausarbeit und Handarbeit waren nie so mein Ding“, sagt sie. Wenn, dann strickt sie höchstens Schals – und damit ist gut. Aber nicht ihr Defizit in Sachen Handarbeit brachte sie auf die Palme. Es war vielmehr die Arroganz des Mannes, der die Zeit gerne zurückgedreht hätte und gegen die österreichischen „Omas gegen rechts“ ätzte. Die gehen in der Alpenrepublik seit ungefähr zwei Jahren regelmäßig bunt und laut gegen den Rechtsruck in ihrem Land auf die Straße – als überparteiliches zivilgesellschaftliches Bündnis. Es geht ihnen um „den Erhalt der parlamentarischen Demokratie in einem gemeinsamen Europa, um den Einsatz für die gleichen Rechte aller Frauen, Männer und Kinder“.

Männer sind auch willkommen

An jenem Morgen wuchs in Anna Ohnweiler der Gedanke, der sie bis heute nicht mehr losgelassen hat: „Omas gegen rechts, die brauchen wir in Deutschland eigentlich auch. Wie haben ja die AfD.“ Also bemühte sie ihrerseits das Internet und ihren Facebook-Account, um im sozialen Netzwerk eine „Omas gegen rechts“-Gruppe zu gründen. In Bremen hatte fast zeitgleich eine andere wütende Frau den gleichen Gedanken. Gerda Smorra, auch eine pensionierte Lehrerin. Nicht zufällig am 27. Januar vor einem Jahr, dem Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz, gingen die Frauen mit ihren Aktionsbündnissen an den Start. Nun rollen sie – die eine vom Norden, die andere vom Süden her – die Republik auf und koordinieren die deutschen „Omas gegen rechts“.

Die sind allerdings mehr als eine Gemeinschaft rüstiger Seniorinnen, die Errungenschaften des Grundgesetzes für ihre Enkel erhalten und verteidigen wollen. „Omas gegen rechts“ sei eine Haltung, erklärt Anna Ohnweiler. Man müsse auch nicht zwingend Großmutter sein, um mitzumachen. Männer sind genauso willkommen wie junge Leute.

Inzwischen gibt es mehr als 40 Regionalgruppen in Deutschland, die mit dem gleichen Ziel, aber unabhängig voneinander arbeiten. Sie wollen Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Faschismus entgegentreten. Eine ihrer Facebook-Seite zeigt als selbstironischen Kommentar eine Sammlung knallbunter, selbst gestrickter Schals als Titelbild. Stricken können sie schon, wenn sie wollen.

Anna Ohnweilers Nagolder Gruppe hat inzwischen 59 Mitglieder. Noch gibt es ein Nord-Süd-Gefälle bei den Aktivitäten. Stuttgart ist in dem Punkt ein weißer Fleck auf der Landkarte. Nächste Woche treffen sich in Pforzheim die nächsten gründungswilligen Omas. Dort holte die AfD bei der Landtagswahl 2016 das Direktmandat. Eine aus Sicht der Omas wichtige Stadt.

Flower Power in Rumänien

Wäre Anna Ohnweiler ein furchtsamer Mensch, sie hätte schon früh aufgeben müssen. Den Geist des Widerspruchs und des Widerstands hat sie sich im Rumänien der Vorwendezeit angeeignet. Sie wuchs auf in Rothburg, einem Dorf in der Nähe von Hermannstadt, dem heutigen Sibiu. Dort gehörte sie zur deutschen Minderheit der Siebenbürger Sachsen.

Die Großmutter war ihre wichtigste Bezugsperson. Im Haushalt gab es das Zwangsabo der auf Deutsch verfassten Zeitschrift „Die Sowjetfrau“. Anna Ohnweiler sieht darin Frauen, die an Werkbänken stehen und schwere Lastwagen fahren. Damals ist sie überzeugt: „Wenn ich groß bin, will ich Traktorfahrerin werden.“ Ihre Großmutter ist begeistert vom Plan der Enkelin, die eigentlich nur einmal stolz war auf das Land, in dem sie aufwuchs. „Das war 1968, als Rumänien nach dem Prager Frühling nicht in die Tschechoslowakei einmarschiert ist“, sagt Anna Ohnweiler.

Sie erlebt, wie auch die Flower-Power-Bewegung vor den Ländern des Ostblocks nicht haltmacht. Anna Ohnweiler steckt mitten im Abitur. Seit 1957 hat die Familie ein Radio, mit dem sie Westsender hört. Vor allem Radio Luxemburg und dort die Schlagersendungen. „Die Liedtexte kannten wir alle auswendig.“ In Rumänien tragen die Schüler Schuluniformen – die Mädchen Miniröcke. Die aufmüpfige 19-jährige Anna malt mit Kreide bunte Blumen auf die Röcke. Das kostet sie fast das Abitur und damit ihr Studium. Zwei Tage hängt ihre berufliche Zukunft an einem seidenen Faden, bis sie schließlich doch noch zur Reifeprüfung zugelassen wird.

Sie stürzt sich in die Arbeit

Stiller ist sie durch diese Erfahrung nicht geworden. Und will es auch nicht werden. „Ich habe 29 Jahre lang das Leben in einer Diktatur kennengelernt“, sagt sie. Nach ersten Medienberichten über die „Omas gegen rechts“-Gründerin aus dem Schwarzwald erlebte sie einige Anfeindungen. Sie habe kein Recht, sich einzumischen, sie sei nämlich gar keine Deutsche, schrieb ihr einer. „Ich habe viel zu viel zu tun, um Angst zu haben“, sagt sie, wenn man sie fragt, ob ihr dieses neue Leben nicht manchmal unheimlich sei.

Mit dem Lebensmodell „Kinder, Küche, Kirche“ wäre Anna Ohnweiler nicht über die Runde gekommen. Sie war immer berufstätig. Auch nachdem ihr Ehemann starb, damals war sie 53. „Die Wohnung musste ja weiter abgezahlt werden. Wie hätte das gehen sollen, wenn ich nicht gearbeitet hätte.“ Die Arbeit als Jugenddorfleiterin, in die sie sich stürzte, half ihr, den Verlust emotional zu ertragen und finanziell zu überleben. Am Ende ihrer Berufstätigkeit hatte sie Personalverantwortung für fast hundert Menschen.

Im September 2015 war sie richtig stolz auf Deutschland und die Kanzlerin Angela Merkel. Weil sie die Grenzen nicht geschlossen hat. „Hätte sie die Menschen auf der Flucht denn sterben lassen sollen?“, fragt Ohnweiler. Wegen des christlichen Menschenbilds ist sie vor 20 Jahren in die CDU eingetreten. Im Dezember vergangene Jahres hat sie die Partei wieder verlassen. Viele lokale Parteiämter hatte sie in dieser Zeit inne – unter anderem war sie Kreisvorsitzende der Frauenunion. Immer ging es ihr um Bildungsgerechtigkeit. Weil nur Bildung gegen politische Dummheit immunisiere, wie sie sagt.

Für die Gemeinderatswahlen kandidiert Ohnweiler nun als Parteilose auf der Liste der SPD. Ihr Thema ist die Bildung. In der Nagolder Fußgängerzone hat sie Stimmen für ein Volksbegehren gegen Kindergartengebühren gesammelt. Bildung setzt für Anna Ohnweiler ganz früh im Leben an. Ohne eine gute Ausbildung wäre sie 1979 nach ihrer Ausreise aus Rumänien nicht so schnell wieder auf die Beine gekommen. Sie ist überzeugt: „Verführbar sind die, die die Zusammenhänge nicht erkennen, weil sie nur die Mauer sehen. Besser ist der Blick über die Mauer. Wenn man gut gebildet ist, sieht man bis zum Horizont.“

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