InterviewApfelernte im Kreis Böblingen „Die größte Ernte seit rund 20 Jahren“

Von Florian Mader 

Die Apfelbäume brechen fast zusammen, so voller Früchte sind sie in diesem Jahr. Ein Experte verrät den Grund für die Rekord-Ernte - und gibt Tipps, was man mit all den Früchten nun anfangen kann. 

Manfred Nuber erntet in seinem Obstgut in Schafhausen Foto: factum/Bach
Manfred Nuber erntet in seinem Obstgut in Schafhausen Foto: factum/Bach

Weil der Stadt - Rund 1,1 Millionen Tonnen Äpfel und Birnen gibt es in diesem Herbst in Deutschland, wie das Statistische Bundesamt ausgerechnet hat – ganze 82 Prozent mehr, als im vergangenen Jahr. Das merken auch die Obstwiesen- und ­Gartenbesitzer im Kreis. Wie man die Äpfel haltbar machen kann, verrät der Schafhausener Manfred Nuber, der nicht nur die Obstberatung im Landratsamt Böblingen leitet, sondern auch selbst 2,5 Hektar an Obstwiesen besitzt. Darauf baut er 65 verschiedene Sorten an.

Herr Nuber, wie weit sind Sie mit der Ernte?

Gut zwei Drittel der Bäume sind geerntet. Gerade sind wir bei den Sorten Idared, ­Melrose und Jonagold.

Hängt nach dem Herbststurm am Wochenende überhaupt noch was an den Bäumen?

Runtergefallen sind am Wochenende nur die frühen Sorten auf den Streuobstwiesen, die die Leute bis jetzt nicht geerntet hatten.

Es gibt in diesem Jahr ziemlich viele Äpfel, stellen viele fest.

Ja, das täuscht nicht. Wir haben in diesen Herbst die größte Ernte seit rund 20 ­Jahren. Das letzte Mal gab es ähnlich viele Äpfel in den Jahren 1992 und 2000.

Gilt das auch für andere Früchte?

Ja, zum Beispiel auch bei Mirabellen und Zwetschgen haben wir in diesem Jahr einen extremen Überbehang.

Woran liegt das?

Der Ertrag der Bäume schwankt von Jahr zu Jahr. Im vergangenen Jahr hatten wir am 20. April den großen Spätfrost, dabei sind sämtliche Blüten erfroren. Die Bäume konnten im vergangenen Jahr also keine Früchte ausbilden und haben deshalb ihre ganze Kraft in die Blüten für die diesjährige Ernte gesteckt. Daher wussten wir schon letztes Jahr, dass es dieses Jahr einen starken Jahrgang geben würde. In unseren Winterschnittkursen haben wir den Leute empfohlen, die Bäume sehr stark zu ­schneiden.

Wer die Bäume schneidet, der bekommt ­weniger Apfel?

Ja, dafür aber kräftigere und größere. Das sehen wir in den vielen Streuobstwiesen, wo die Bäume größtenteils überhaupt nicht geschnitten werden: Hier hatte es in ­diesem Jahr extrem viele, kleine Äpfel ­gegeben.

Hat die Hitze im Sommer den Bäumen auch geschadet?

Die Hitze bewirkt, dass wir in diesem Jahr zwei Wochen früher ernten. Normalerweise ist die Apfelernte zwischen dem 5. bis zum 15. Oktober, und in diesem Jahr sind viele jetzt schon fertig. Was wir aber auch beobachten, ist die sogenannte Notreife. Da werfen die Bäume die Äpfel ab, obwohl sie noch gar nicht reif sind. Das liegt an der großen Trockenheit in diesem Jahr – der Baum macht das, um sich zu schützen.

Wie ist die Qualität der Äpfel?

Der Qualität hat das Wetter gut getan. Viel Licht heißt viel Aroma, da die Äpfel einen hohen Zuckerwert haben. Aufgrund des wenigen Regens haben wir auch wenig Pilzbefall. Allerdings gibt es viele Wespen und Hornissen in den Äpfeln, weil sie sehr süß sind. Sie beschädigen die Schale, dadurch faulen die Äpfel dann schnell.

Viele Gartenbesitzer sind enttäuscht, weil es bei der Ablieferung der Äpfel von den Annahmestellen kaum Geld gibt.

Das stimmt. Seit 1960 bis heute sind die Preise für abgeliefertes Obst unverändert. Für 100 Kilo Äpfel schwankt der Preis seitdem immer umgerechnet zwischen fünf und zehn Euro. In diesem Jahr gibt es etwa sechs Euro. Wenn Sie da einen Kofferraum voll Obst auflesen, dann abliefern, und dann gerade mal 15 Euro bekommen, dann verstehe ich die Ernüchterung.

Warum machen die Leute das trotzdem? Die Schlangen vor den Ablieferungsstellen sind lang.

Aus dem Gefühl heraus, dass sie eben keine Lebensmittel kaputt gehen lassen wollen. Aber auch die Mostereien sind derzeit an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt, obwohl sie schon jetzt alle im Schicht­betrieb arbeiten. Auch sie bekommen all das Obst nicht weggepresst.

Das Landratsamt organisiert das Apfelprojekt, von dem es zum Beispiel den Landkreis-Apfelsaft gibt. Schafft das keine Abhilfe?

Durch den höheren Preis des Landkreis-Apfelsafts bekommen die Erzeuger einen doppelt so hohen Preis für ihr Obst. Aber die Menge ist begrenzt, weil die Verbraucher eben nur eine begrenzte Menge an Landkreis-Apfelsaft kaufen und trinken. Darum sind hier die Kontingente schon fast ausgeschöpft.

Was kann man stattdessen mit all den Äpfeln tun?

Weil wir wussten, dass abgeliefertes Obst nicht viel Geld bringt, haben wir im Landratsamt schon vor einigen Jahren das Bag-in-Box-System gefördert. Dabei bringen die Leute ihre Äpfel zu einigen Mostereien im Kreis, und noch vor Ort werden die eigenen Äpfel gepresst, der Saft durch Pasteurisation haltbar gemacht und dann in Folienbeutel gefüllt. Der Saft ist darin zwei Jahre haltbar, geöffnet ein Viertel Jahr.

Kommt das an?

Ja, das boomt. Inzwischen werden im Landkreis schon zwei Millionen Liter pro Jahr auf diese Weise verarbeitet. Es macht viel Spaß, den eigenen Saft mit nach Hause nehmen zu können. Ich beobachte auch, dass die Leute anfangen, eigene Mischungen zu kreieren und gezielt die Apfelsorten miteinander kombinieren. Weil es in diesem Jahr so viele Äpfel gibt, muss man auch nicht jeden verwenden, sondern kann die reifen, süßen Früchte auswählen.

Und das lohnt sich?

Klar. Wenn Sie so eine Bag-in-Box weiterverkaufen würden, würde das einen Preis von etwa 50 Euro pro 100 Kilo ausmachen.

Es gibt etwa 20 gewerbliche Obstbauern im Landkreis. Wie geht’s eigentlich denen mit der Apfelschwemme?

Die haben momentan natürlich auch ­Absatzschwierigkeiten. Aber der normale Gartenbesitzer kann die Äpfel ja nur selten richtig kalt einlagern. Spätestens im ­Dezember oder Januar werden die Früchte aus dem eigenen Garten darum weich. Der Kunde erwartet aber natürlich auch noch an Weihachten und im kommenden Frühjahr frisches, knackiges Tafelobst auf dem Tisch. Die gewerblichen Obstbauern lagern ihre Obsternte daher in Kühlhäusern ein und verkaufen die Waren dann im Frühjahr.