Der „Versorgungsspagat“ drohe Klinikmitarbeiter zu zerreißen, warnen Verantwortliche aus dem Rems-Murr-Kreis. Ein neues, bundesweites Corona-Schutz- und Impfkonzept sei vonnöten – und das so schnell wie möglich.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Rems-Murr-Kreis - Mit einem dringenden Appell wenden sich der Landrat, die Klinikverantwortlichen und niedergelassenen Ärzte aus dem Rems-Murr-Kreis an die Politik und fordern rasche und mutige Entscheidungen in Sachen Coronamaßnahmen. „Die Corona-Fallzahlen sind so hoch wie noch nie, und die Belastung in den Kliniken steigt spürbar an“, warnt der Landrat Richard Sigel. Gleichzeitig aber gelte in den Schulen trotz einer geringen Impfquote keine Maskenpflicht. „Das ist schwer miteinander vereinbar“, so der Landrat.

Kliniken könnten im Dezember „in die Knie gehen“

Die Patientenzahlen in den Krankenhäusern stiegen seit Wochen kontinuierlich an. „Man muss kein Hellseher sein um zu prognostizieren, dass wir – ohne Gegenmaßnahmen – im Dezember in die Knie gehen werden“, sagt Marc Nickel, der Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken. Nickel regt an, die Messparameter und Bewertungssysteme für die Coronalage zu überdenken. „Die Inzidenz wird nicht genutzt, und die Klinikampel signalisiert zu spät.“ Der Klinikchef, der neben einer betriebswirtschaftlichen auch eine medizinische Ausbildung hat, fordert zudem ein „bundesweites Impfkonzept, welches das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt, nicht das Individuum“. Länder wie Spanien und Portugal seien Deutschland da voraus und wiesen Impfquoten von mehr als 80 Prozent und entsprechend niedrige Inzidenzen aus.

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Auch der Chefarzt der Interdisziplinären Notaufnahme in Winnenden, Torsten Ade, sieht in einer massiven Ausweitung der Impfkampagne mit Boosterimpfungen die einzige Möglichkeit, die Pandemie langfristig einzubremsen. Die Umsetzung werde allerdings noch eine Weile dauern. Kurzfristig müssten sich deshalb „alle strikt an die Hygienemaßnahmen halten und wieder mehr Abstand zu einander nehmen.“

Wichtige Behandlungen sollen nicht verschoben werden

Marc Nickel: „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind jetzt in der vierten Welle und ausgelaugt.“ Der „Versorgungsspagat“, der von den Kliniken geleistet werden müsse, drohe sie zu zerreißen. Schließlich sei es dramatisch, wenn wichtige Operationen oder Behandlungen, etwa von Krebspatienten, verschoben werden müssten. Jens Steinat, der Pandemiebeauftragte der Kreisärzteschaften, warnt vor einer Überlastung des Gesundheitssystems: „In der aktuellen Situation zeigt es sich leider, dass die Politik auf Landes- und Bundesebene die Belastungen des ambulanten medizinischen Sektors nicht ausreichend wahrnimmt und in ihre Überlegungen bezüglich weiterer Maßnahmen mit einbezieht.“

Die Coronalage im Rems-Murr-Kreis

Infektionen
 Die Kurve geht steil nach oben. Die Zahl der wegen einer Coronaerkrankung in Quarantäne befindlichen Personen lag am Donnerstag bei 2561, das waren 205 mehr als am Tag zuvor. Die Sieben-Tages-Inzidenz kletterte von 372 auf 386.

Kliniken
 Die Rems-Murr-Kliniken versorgen aktuell 51 Covid-19-Patienten, davon werden sieben Patienten auf der Intensivstation. Landesweit sind es 348 Intensivpatienten. Die Alarmstufe, mit der Einschränkungen verbunden sind, wird erst ausgelöst, wenn zwei Werktage hintereinander der Grenzwert von 390 erreicht wird.