Die belächelte Generation Z Was ist dran am schlechten Ruf?

Viele jüngere Menschen arbeiten gerne am liebsten von überall auf der Welt. Sie kombinieren Reise, Arbeit und Freizeit auf neuartige Weise. Foto: imago/Eva Blanco

Arbeitgeber verstehen in vielen Fällen die sogenannte Generation Z nicht recht. Kollegen belächeln die „Träumer“. Sie gelten häufig als wohlstandsverwöhnt und nicht besonders belastbar. Aber haben sie mit ihren Ansprüchen an eine gesunde Arbeitswelt nicht recht?

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Jung, flexibel, kreativ und belastbar – das waren noch vor knapp einem Jahrzehnt Attribute, die sich in jeder beliebigen Stellenbewerbung finden ließen. Und die irgendwann zu einem schlechten Witz für Menschen auf Jobsuche verkommen waren. Vor allem die sogenannten Millennials, also die zwischen 1981 und 1995 Geborenen, traf diese Zeit hart. „Generation Praktikum“ wurden sie genannt. Viele hangelten sich neben und nach dem Studium von unbezahltem Praktikum zu Praktikum und von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. Das größte Lifegoal dieser Generation: ein schnöder unbefristeter Arbeitsvertrag. Für den war man auch bereit, alles in Kauf zu nehmen: Umzug, lange Arbeitstage, wenig Geld, viele Überstunden.

 

Mit 40 Grad Fieber noch ins Büro? Seit Corona zum Glück verpönt

Auch deshalb gilt diese Generation heute oft als die am besten ausgebildete. Die Angst vor der Zukunft hat sie aber auch zu einer sehr bescheidenen Generation werden lassen. Sie gehören im Unternehmen zu denen, die sich auch mit 40 Grad Fieber noch ins Büro schleppen, gerne bis spät in den Abend im Büro hocken und zur Not auch am Wochenende antanzen oder den Urlaub verschieben, wenn „was Wichtiges“ ansteht. Sehr arbeitnehmerfreundlich also.

Die Zeiten haben sich mit der nachfolgenden Generation nun aber geändert. Inzwischen gibt es zuhauf Ratgeberliteratur über diese Berufsanfänger wie zum Beispiel „Die Generation Z erfolgreich gewinnen, führen und binden“. (Die Generation Z sind die von 1997 bis 2012 Geborenen.)

Denn genau das wird diesen jungen Leuten nachgesagt: dass sie sich weder binden noch führen lassen wollen. Auf dem sozialen Netzwerk Tiktok, auf welchem sich vor allem Anhänger jener Generation finden, gibt es diesen Witz: „Alles, was nicht zu 100 % Spaß macht, ist ein Trauma.“ Junge Berufsanfänger, die jetzt zwischen Mitte und Ende 20 sind, gelten längst als verweichlicht, als der Schrecken eines jeden Personalers. Weil sie sich nicht wie ein Bittsteller fühlen, der in Untertanenmanier allem zustimmt, was ein Arbeitgeber erwartet, sondern umworben werden wollen. Der Arbeitgeber soll gefälligst etwas bieten!

Nicht alle in einer Generation sind gleich

Gerade deshalb genießen sie einen schlechten Ruf. „Faul und verwöhnt?“ schreibt der „Spiegel“ über diese Generation, die „Welt“ setzt noch eins drauf und nennt sie „faul, desinteressiert und Smartphone-süchtig“. Nun muss man mit Generationszuschreibungen ein bisschen aufpassen. Oft betreffen die typischen Merkmale, die einer Gruppe zugeschrieben werden, nur einen kleinen Teil derselben – nämlich die akademisch ausgebildete geistes- und sozialwissenschaftliche Großstadtklientel.

Zudem haben und hatten jüngere Generationen in der Arbeitswelt immer ein eher schlechteres Image. Generationen von jungen Berufsanfänger mussten sich auch schon Jahrzehnte zuvor den alten Gassenhauer „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ in ihren ersten Berufsjahren von älteren Kollegen anhören. Den heutigen jungen Generationen wird aber oft unterstellt, dass ihnen die guten alten preußischen Werte wie Fleiß, Ehrgeiz und Disziplin komplett fehlen und dass sich die Work-Life-Balance eher zugunsten von Life neigt – und der Work-Part eigentlich nur dafür da ist, finanziell einigermaßen durchzukommen. Bis zum nächsten Sabbatical. Work also schon – aber bitte schön auch mit Sinn.

Früher hat man sich bis zur Selbstverleugnung für die Firma aufgeopfert

Krankmelden bei 40 Grad Fieber? Lange Zeit galt man damit als fauler Schwänzer, der dem Arbeitgeber auf der Tasche liegt. Kündigen, ohne etwas Neues zu haben? Für die Boomergeneration sind das noch immer kindische Träumereien. Aus Unternehmenssicht mag dieser Wandel im Denken von Arbeitnehmern nicht optimal sein. Aber bei seit Jahren steigenden Burn-out-Zahlen und der stetigen Zunahme von psychischen Krankheiten könnte der Anspruch jüngerer Generationen an eine andere Arbeitswelt vielleicht doch nicht so falsch sein. Hat man sich früher bis zur Selbstverleugnung für die Firma aufgeopfert, bestehen heute viele einfach darauf, gesunde Arbeitsbedingungen zu haben – und sind immer weniger bereit, sich ausbeuten zu lassen.

Der Augsburger Generationenforscher Rüdiger Maas zum Beispiel, Psychologe und Chef des von ihm gegründeten Instituts für Generationenforschung, hat, wie übrigens viele Jugendforscher auch, eine eigene Meinung über die Generation Z. So sollten aus seiner Sicht vielmehr eher ältere Generationen ihre Sicht auf diese Generation überdenken und deren Ansichten über das Arbeitsleben und die Welt im Allgemeinen etwas mehr zur Kenntnis nehmen. In seinem Buch „Generation Z“ schreibt er: „Die Arbeit soll ausschließlich Spaß machen, Kollegen müssen nett sein. Aber bitte ohne Überstunden! Dann hatten Sie wahrscheinlich mit der Generation Z zu tun.“

Arbeitnehmer fordern heute gesunde Arbeitsbedingungen ein

Was Führungskräfte nun wohl eher weniger positiv sehen, wird aber jedem Betriebsrat und Gewerkschafter das Herz aufgehen lassen. Nämlich Arbeitnehmer, die sich gesunde Arbeitsbedingungen wünschen und bereit sind, diese auch konsequent einzufordern. Und sie gehen, wenn wenn sie diese nicht bekommen. Der entscheidende Bonus der jüngeren Generation ist dabei der demografische Wandel und der damit einhergehende Fachkräftemangel. Die Generation Z kann schlicht mehr Ansprüche stellen, weil die Nachfrage oft größer als das Angebot ist.

Allerdings, das muss man auch ganz klar sagen, vollzieht sich dieser langsame Wandel in der Arbeitswelt bislang nur im akademischen Bereich. Im Niedriglohnsektor, aber auch in Sozial- oder Pflegeberufen träumen Arbeitnehmer weiterhin noch immer nur von solchen Ansprüchen.

Viele Großunternehmen hingegen passen sich längst diesen anderen Wünschen und Bedürfnissen von Mitarbeitern an. Nicht, weil sie es als ein Nice-to-have sehen, sondern weil man auch in vielen oberen Führungsebenen inzwischen festgestellt hat, dass ein gesunder, motivierter und zufriedener Mitarbeiter ein besserer Mitarbeiter ist.

Viele große Unternehmen stellen sich um

So schenkt zum Beispiel der baden-württembergische Softwarekonzern SAP allen seinen Mitarbeitern 2022 einen vollständig vergüteten freien Tag – den „Mental Health Day“ – als Ausgleich für die extreme Belastung während der Coronapandemie. „Gemeinsam abschalten und sich um das eigene Wohlbefinden kümmern“ sei ein wichtiger Beitrag zur Selbstfürsorge, schreibt Sabine Bendiek, Chief People & Operating Officer, Arbeitsdirektorin und Mitglied des Vorstands der SAP SE, auf der Website des Unternehmens als Begründung.

Nun haben längst auch andere Unternehmen solche Wohlfühlprogramme im Angebot, die kostenlose Achtsamkeits-App oder der Yogakurs in der Mittagspause gehören längst zum guten Ton in modernen Firmen. Allerdings bewahrt ein wöchentlicher Yogakurs oder regelmäßiges Meditieren vor dem Einschlafen nicht vor psychischer Erschöpfung, wenn sich umgekehrt auch Arbeitsstrukturen nicht verändern.

Menschen werden krank bei schlechten Arbeitsbedingungen

Die aktuelle Forschung zeigt, dass Erschöpfungsdepressionen und Burn-out oft Reaktionen auf ungesunde Arbeitsstrukturen sind: schlechte Behandlung, schlechte Kommunikation, unklare Aufgaben, eine zu hohe Arbeitsbelastung bei geringer Wertschätzung sowie geringe Bezahlung. „People feel bad, when they work in bad working conditions“, schrieb der amerikanische Universitätsprofessor Kevin McClure kürzlich in dem sozialen Netzwerk Twitter. (Deutsch: „Menschen fühlen sich schlecht, wenn sie in einem schlechten Arbeitsumfeld arbeiten.“)

Nun ist es nicht so, dass viele Unternehmen erst in den vergangenen Jahren durch andere Ansprüche von Berufsanfängern darauf kommen, dass die Investition in Mitarbeiter quasi die Basis eines jeden Unternehmens ist. Schon Robert Bosch hat vor über hundert Jahren gesagt: „Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle.“ Er verliere lieber Geld als Vertrauen.

Die Arbeitsbedingungen in vielen Branchen verschlechtern sich stetig

Trotzdem haben sich die Arbeitsbedingungen im letzten Jahrhundert in vielen Branchen verschlechtert, die globalere Verflechtung und undurchsichtigere Unternehmensstrukturen haben es vielen Arbeitgebern leicht gemacht, moderne Arbeitsgesetze zu umgehen. Die Hans-Böckler-Stiftung kam in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass vier von zehn Jobs in Deutschland lediglich befristet ausgeschrieben sind.

Die Prekarisierung der Arbeitswelt hat auch deshalb so gut funktioniert, weil viele Menschen gar keine Chance hatten, sich dagegen zu wehren. Es lebt sich nun mal schlechter ganz ohne Job als mit einem schlechten Job. Aber soziales Wirtschaften hat nichts mit Sozialromantik zu tun. Wer seine Mitarbeiter gut und wertschätzend behandelt, ist meistens erfolgreicher – das zeigen viele Studien aus den letzten Jahren. „Es muss unbedingt verstanden werden, dass man mit einem Tischkicker, einer blitzenden Kaffeemaschine und einem gelegentlichen Weihnachtsbonus das Glück der Mitarbeiter nicht kaufen kann. Hingegen müssen Arbeitnehmer als Menschen im Mittelpunkt stehen“, schreibt Christian Schmidkonz, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Managerial Economics an der Business School München in seinem Buch „Quick Guide. Glück im Arbeitsleben“. Er plädiert für ein „Management mit Empathie und Mitgefühl“, es zähle zu den Stärken erfolgreicher Führungskräfte, genau diese Themen im Alltag zu leben. Aus seiner Forschung wisse er, dass sich engagierte Mitarbeiter für ein Unternehmen immer monetär auszahlen. Wer Sinn in seiner Arbeit sehe, sich wertgeschätzt fühle, setze sich mehr für seinen Arbeitgeber ein.

Schwimmbad, Gourmet-Kantine – viele Arbeitgeber lassen viel springen

Die großen amerikanischen Top-100-Arbeitgeber haben dies längst erkannt. Statt kostenloser Achtsamkeits-App wird dort längst das ganz große Programm aufgefahren: Unternehmen subventionieren Betriebskindergärten, bezahlen Sabbaticals und generöse Krankenversicherungen. Vor Kurzem haben viele Unternehmen angekündigt, Mitarbeiterinnen bei einer Abtreibung zu unterstützen, weil der Supreme Court den Weg frei gemacht hatte, Abtreibungen zu illegalisieren. Beim Techkonzern Google gibt es ein Schwimmbad und Gourmetköche in der Kantine. Warum? Alex Edmans, Forscher an der Wharton School University of Pennsylvania, schreibt dazu schlicht: „Die Zufriedenheit der Mitarbeiter ist positiv mit der Performance des Unternehmens verknüpft.“

Auch Armin Folk von der Universität Bonn sagt, Wirtschaftswissenschaftler hätten in verschiedenen Laborexperimenten herausgefunden, dass Mitarbeiter, die sich gut behandelt fühlen, sich dafür bei ihrem Arbeitgeber revanchieren. Anerkennung im Beruf kann uns also beflügeln – das Gegenteil macht nicht nur Menschen krank, es schadet auch Unternehmen. Doch warum investieren viele Arbeitgeber immer noch eher wenig in eine gesunde Unternehmenskultur? Oft ist es Unwissenheit, aber auch der Glaube, softe Faktoren brächten kein Geld.

Wer viel Stress in der Arbeit hat, ist öfters krank

Dabei zeigen Umfragen längst alarmierende Ergebnisse: Arbeitsängste gehen nämlich nicht nur mit mangelnder Motivation einher, sondern oft mit langen Krankheitszeiten. Eine erste repräsentative Erhebung der TU Braunschweig zur Verbreitung von arbeitsphobischen Ängsten bei Personen im Erwerbsalter in Deutschland kam zu dem Ergebnis, dass Personen mit einem hohen Grad an Ängsten in Zusammenhang mit ihrem Arbeitsplatz in den letzten zwölf Monaten die längste Arbeitsunfähigkeitsdauer (acht Wochen) hatten.

Einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov nach fühlt sich jeder dritte deutsche Arbeitnehmer ständig an seinem Arbeitsplatz gestresst. Ein zu hohes Arbeitspensum, zu wenig Personal und ständige Erreichbarkeit werden oft als Ursache dafür genannt. Auffällig ist: In der Generation der Berufsanfänger bei den bis zu 35-Jährigen sind die Stresswerte besonders hoch.

Tatsächlich ist es also gar nicht so schlecht für alle älteren Arbeitnehmer, die auch noch einige Jahre arbeiten müssen, wenn es da eine jüngere Generation gibt, die sich Dinge nicht mehr gefallen lassen möchte und mutig für ein wertschätzendes und gesünderes Arbeitsumfeld kämpft. Und die sieht, dass Ausbeutung, ob von Menschen oder ökologischen Ressourcen, langfristig niemanden gewinnen lässt. Und sie ist die erste Generation, die sich das schlicht einfach auch leistet und lieber kündigt, als die eigene Gesundheit zu schädigen.

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