Arbeitszeitmodelle Viertagewoche – kein Allheilmittel

Beim Wäschehersteller Engel in Pfullingen hat das Interesse an der Viertagewoche deutlich nachgelassen. Aber es gibt sie noch. Foto: Engel

In kleineren Betrieben sind manche Beschäftigte von der Viertagewoche begeistert, andere wiederum kehren nach den ersten Erfahrungen gerne wieder zur Fünftagewoche zurück. Was den Unterschied macht.

Wirtschaft: Ulrich Schreyer (ey)

Ja, man werde sie beibehalten, sagt Vera Kolompar. Die Viertagewoche sieht die Geschäftsführerin von Engel in Pfullingen als zukunftsweisendes Modell an – auch wenn die Begeisterung der Mitarbeiter nachgelassen hat. Bei dem Hersteller von Wäsche für Babys, Kinder und Erwachsene sowie Sportbekleidung (Umsatz: 15 Millionen Euro) haben im Januar noch 40 der 80 Beschäftigten lediglich vier Tage in der Woche gearbeitet – inzwischen tun dies nur noch 20 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. „Die Zahl ging zurück, weil es vielen Mitarbeitenden zu lange war, an den vier Tagen jeweils zehn Stunden zu arbeiten, um die Zeit für den fünften freien Tag reinzuarbeiten“, meint Kolompar.

 

Mit einer Verkürzung der Arbeitszeit jedenfalls wollte das Unternehmen die Viertagewoche nicht verknüpfen, die Wochenarbeitszeit liegt oft bei 40 Stunden, es gibt aber auch ganz individuelle Modelle. So arbeitet Elke Haug aus dem Einkauf an ihren vier Tagen nur 32 Stunden in der Woche, allerdings mit einer entsprechenden Reduzierung des Gehalts: „Mittwoch ist mein freier Tag, da lege ich alle meine Termine rein“, sagt sie. „Wir denken, dass die Viertagewoche das Unternehmen als Arbeitgeber attraktiv macht“, meint die Geschäftsführerin.

Lob für längeres Wochenende

Ähnlich sehen dies auch manche Beschäftigte, selbst wenn sie zehn Stunden am Tag gefordert sind: „Das dreitägige Wochenende ist wunderbar“, findet etwa Johanna Gminder, die für Social Media verantwortlich ist, „aber in den längeren Arbeitstag musste ich mich erst noch reinfinden.“ Auch Ingo Hanke von der Lagerverwaltung stimmt dem Lob zu: „Ich selbst bin begeistert, man muss nur diszipliniert sein, indem man seine Arbeitszeiten und Pausen strikt einhält, sonst funktioniert es nicht.“ Kolompar lässt den Beschäftigten die Wahl: Wer will, kann vier Tage arbeiten, wer es anders will, tritt eben an fünf Tagen in der Woche an.

Rasanter Rückzieher

Noch rasanter als bei Engel hat das Interesse an der Viertagewoche bei Meerwart in Flein bei Heilbronn abgenommen. Das Unternehmen installiert Bäder, Solaranlagen und Heizungen. „Wir machen nur Sanierungen“, sagt Sabrina Meerwart, zusammen mit ihrem Mann Geschäftsführerin des Unternehmens, „für Neubauten sind unsere Mitarbeiter zu qualifiziert.“ Den 21 Beschäftigten hat der Betrieb im September 2022 die Viertagewoche angeboten. „Damals haben die meisten mitgemacht“, berichtet Meerwart. Doch kein Jahr später war es auch schon wieder vorbei mit dem Interesse: „Jetzt arbeiten nur noch zwei Beschäftigte in einer Viertagewoche“, sagt die Geschäftsführerin. Am Anfang seien die Mitarbeiter dank der Viertagewoche produktiver gewesen, „aber das hat schnell nachgelassen.“

Zehnstundentag nicht attraktiv

Viele Mitarbeiter seien Ende 20 oder Anfang 30 Jahre alt. „Sie haben oft kleine Kinder und wollen sich um die Familie kümmern“, so Meerwart. Deshalb sei eine Viertagewoche mit einem Arbeitstag von zehn Stunden für sie nicht attraktiv. Jetzt werden in der Regel von Montag bis Donnerstag jeweils 8,5 Stunden gearbeitet, am Freitag ist dann nach sechs Stunden um 13 Uhr Feierabend. Im ersten Halbjahr 2023 hat das Unternehmen fünf neue Mitarbeiter eingestellt: „Keiner wollte die Viertagewoche“, erklärt die Firmenchefin.

Höhere Attraktivität als Arbeitgeber

Noch immer komplett zufrieden mit der Viertagewoche sind die 18 Beschäftigten von Gramm Medical in Weinstadt. „Ich kam auf die Viertagewoche, weil ich mir überlegt habe, wie wir in unserer Region Mitarbeiter bekommen“, sagt Marc Sauer. Der Geschäftsführer des 1909 gegründeten Herstellers von Medizinprodukten wie Verbandsstoffen, Pflaster, Erste-Hilfe-Sets für das Auto oder Augenspülungen zieht nach einem halben Jahr eine positive Bilanz. „Wer sich an die Viertagewoche gewöhnt hat, geht nicht so schnell woanders hin.“

Kürzere Arbeitszeit – bei gleichem Gehalt

Die Beschäftigten seien inzwischen besser motiviert und weniger krank. Gearbeitet wird nur von Montag bis Donnerstag jeweils neun Stunden am Tag. „Zehn Stunden halte ich für zu viel“, meint der Geschäftsführer. Die Kunden störe es nicht, dass die Firma freitags geschlossen habe. Statt wie einst 40 Stunden arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur noch 36 Stunden in der Woche – bei gleichem Gehalt wie früher.

Baustein für Flexibilisierung der Arbeitszeit

„Das Interesse am Thema Viertagewoche hat in den letzten Monaten bei Betriebsberatungen durchaus zugenommen“ so die Erfahrung von Peter Haas, Hauptgeschäftsführer von Handwerk BW. „Arbeitszeitmodelle, die mehr auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingehen, steigern natürlich die Attraktivität eines Arbeitgebers.“ Die Frage sei aber immer auch, wie diese konkret ausgestaltet werde – etwa ob die Arbeitszeit gleich hoch sei und nur anders verteilt werde, aber auch, ob es bei weniger Arbeit den gleichen Lohn gebe. Sie könne ein Baustein für eine flexible Arbeitszeit sein, „ein Allheilmittel ist sie allerdings nicht.“

Die Kosten geben den Ausschlag

Ifo-Institut
 Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, lehnt eine Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich ab. Dies liefe auf eine Erhöhung des Stundenlohns um 25 Prozent hinaus, so Fuest. Zudem sei es abwegig, angesichts der Knappheit an Arbeitskräften kürzere Arbeitszeiten gesetzlich vorzugeben oder zu fördern. Politik und Tarifpartner sollten für stärkere Anreize für eine Erwerbstätigkeit sorgen.

Böckler-Stiftung
 Nach einer Studie der gewerkschaftsnahen Stiftung wünschen sich 81 Prozent der Erwerbstätigen eine Viertagewoche mit einer reduzierten Wochenarbeitszeit. Knapp 73 Prozent wollen dies aber nur bei gleichem Lohn haben.  Maschinenbauer
Vier von fünf Maschinenbauunternehmen lehnen nach Angaben des Branchenverbandes VDMA eine Viertagewoche eindeutig ab. Auch ein nur teilweiser Lohnausgleich steigere die Kosten.

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