Architektur in Asmara Ein Juwel der Moderne

Die Fiat-Tankstelle von Giuseppe Pettazzi gleicht einem Flugzeugträger aus Beton. Foto:  
Die Fiat-Tankstelle von Giuseppe Pettazzi gleicht einem Flugzeugträger aus Beton. Foto:  

Die Italiener haben in der Kolonialzeit die eritreische Hauptstadt Asmara erbaut. Die heutige Regierung hat das gesamte Zentrum unter Denkmalschutz gestellt und will „la piccola Roma“ in die Weltkulturerbeliste aufnehmen lassen.

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Asmara - In einer kopfsteingepflasterten Gasse parkt ein knallroter Fiat 1500 Cabriolet, Baujahr 1964, vor einer historischen Häuserzeile. Heraus steigt ein dunkelhäutiger Herr mit graumeliertem Schnauzbart und Borsalino-Hut und begibt sich in eine „Farmacia“, die schon von außen wie ein Relikt aus der Frühzeit des vergangenen Jahrhunderts wirkt. In der Apotheke fühlt man sich vollends in die Vergangenheit zurückversetzt: Als Medikamentenschränke dienen verschnörkelte Vitrinen aus Holz und Glas, und auf dem Tresen thront eine Kasse, an der man zum Öffnen des Geldfachs noch kurbeln muss. Alles sieht aus, als ob hier ein historischer Dolce-Vita-Roman verfilmt wird. Doch in Wahrheit handelt sich um eine Alltags­szene anno 2016 in Afrika – ein Montag in der eritreischen Hauptstadt Asmara, der verblüffendsten Stadt des Kontinents.

Dass Afrika immer für Überraschungen gut ist, wusste schon der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere vor zweitausend Jahren. Doch dass ausgerechnet auf dem „geschichtslosen Kontinent“ – wie der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel den Erdteil nannte – ein vitales Fossil zu finden ist, konnte nun wirklich keiner wissen. Denn in Eritrea tobte jahrzehntelang ein Bürgerkrieg, der sämtliche potenziellen Besucher fernhielt; und als der Krieg endlich vorbei war, kam eine misstrauische, bald sogar diktatorische Regierung an die Macht, die keinen Wert auf Gäste legte. So kam es, dass an der Stirn­seite des Horns von Afrika über Jahrzehnte hinweg ein beispielloser, in seinen Kokon verpuppter urbaner Organismus überlebte. „Afrikas geheime modernistische Stadt“, nennt der britische Historiker und Asmara-Buchautor Edward Denison das architektonische Juwel.

„La piccola Roma“, tauften die Italiener einst die Stadt: ihr kleines Rom. Wenn Eritreer heute in die italienische Hauptstadt reisen, wundern sie sich, dass es eine ähnlich schöne Stadt wie die ihre noch ein zweites Mal auf der Welt gibt. In Asmara können Experten die Stile der architektonischen Moderne wie nirgendwo anders studieren. Da ist zunächst die futuristische Fiat-Tankstelle an der Sematat Avenue, die unter den (wenigen) Kennern Asmaras Kultstatus genießt. Das von dem italienischen Ingenieur Giuseppe Pettazzi erbaute Gebäude gleicht einem mitten in der Stadt gelandeten Flugzeug aus Beton. Seine dreißig Meter weit gespannten Flügel, unter denen einst Autos aufgetankt wurden, zählen zu den gewagtesten Betonkonstruktionen der Welt. Kaum weniger imposant: ein futuristisches Appartementgebäude in der Mai Bela Straße, das wie eine steinerne Lokomotive auf die Straße zuzurollen scheint. Oder die Villa Gracia, deren Rundum-Veranda ihr den Touch eines Ozeandampfers gibt. Futuristen liebten es, die Errungenschaften der Industrialisierung in ihren Gebäuden zu feiern.

Ungestört und in alter Harmonie

Nicht ganz so gewagt, aber von Fachleuten nicht minder geschätzt, sind Asmaras Schmuckstücke aus der Art-Deco-Zeit. Das Odeon-Kino zum Beispiel, in dem noch immer die geschwungene Bar mit ihren viereckigen, indirekt beleuchteten Flaschenregalen sowie der monströse schwarze Filmprojektor zu sehen sind. Oder das sachliche Selam-Hotel aus der klassischen Moderne, die die Form streng der Funktion unterordnete. Doch was Asmara wirklich einzigartig macht, ist die Tatsache, dass die gesamte Stadt binnen kürzester Zeit aus dem Boden gestampft wurde, und dass die von einem Masterplan positionierten Gebäude noch heute, fast hundert Jahre später, ungestört und in alter Harmonie an ihrer Stelle stehen. Höchstens dass sie einen – oder auch zwei – Neuanstriche nötig hätten.

Als sich die verspätete Kolonialmacht Italien Ende des 19. Jahrhunderts das karge Eritrea unter den Nagel riss, bestand Asmara lediglich aus zwei Dörfern. Die hatten allerdings den Vorteil, dass sie in luftiger Höhe von 2450 Metern über dem Meeresspiegel lagen. Die europäischen Eindringlinge wählten sie deshalb als Stützpunkt aus. Zunächst wurden Befestigungen errichtet, später kamen repräsentative Gebäude wie der neoklassizistische Sitz des Gouverneurs, die neugotische Nationalbank und ein schmuckes Postamt dazu.

Eine wirkliche Stadt war Asmara damit allerdings noch lange nicht. Das sollte sich erst ändern, als 1922 in Rom der größenwahnsinnige Benito Mussolini an die Macht kam. Der sich als wiedergeborener Caesar wähnende Faschistenführer wollte Italien zu einem neuen römischen Weltreich aufmotzen und brauchte dazu auch Kolonien. Weil Afrika zu diesem Zeitpunkt unter den Großmächten allerdings längst aufgeteilt war, blieb für Italien neben Libyen und Eritrea nur das bis dahin noch unabhängige äthiopische Kaiserreich übrig.




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