Mit dem präzisen Sprechen ist das so eine Sache. Wer im alltäglichen Sprachgebrauch den Begriff „romantisch“ verwendet, meint damit oft ein Abendessen bei Kerzenlicht, nicht aber die Romantik als Epoche. Für Literaturwissenschaftler ist diese Verkitschung oft ärgerlich. Die Bezeichnung „Bauhaus“ hat ein ähnliches Schicksal ereilt.
Das Staatliche Bauhaus war zunächst einmal die im Jahre 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete Kunstschule, die unbestritten unser eurozentristisches Bild der Moderne geprägt hat.
Hauptsache Flachdach?
So wichtig der Einfluss des historischen Bauhauses und seiner Lehrer und Schüler auf unsere Sicht auf Produktdesign und Architektur war, so inflationär wird der Begriff mittlerweile in der Öffentlichkeit missbraucht. Nicht jeder Bau mit Flachdach und halbrundem Balkon ist gleich „Bauhaus“.
Dass solch eine Banalisierung nicht nur harmlos ist, erläuterte die Architekturhistorikerin Alexandra Klei in einem überaus gut besuchten, von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft initiierten und dem Weißenhofmuseum im Haus Le Corbusier mitveranstalteten Vortrag in der Akademie der Bildenden Künste am Weißenhof in Stuttgart.
Klei ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg. Vor einigen Jahren erschien von ihr ein Buch, welches das architektonische Erbe Tel Avivs beleuchtet, ihr Redebeitrag mit dem Titel „‚Bauhaus‘ Tel Aviv – Geschichte und Funktion einer Bedeutungskonstruktion“ ist im Wesentlichen eine Zusammenfassung dieser Publikation. Um mögliche Missverständnisse auszuräumen, malt Klei schon zu Beginn Anführungszeichen in die Luft, als sie „Bauhaus“ sagt.
Eine gute Stunde später hat die Architekturhistorikerin mit vielen projizierten Fotos und historischen Daten plausibel dargestellt, wie schief das Bild von der Stadt als „Bauhaus“-Metropole tatsächlich ist. Tel Aviv gibt sich mit seiner weltberühmten und im Jahr 2003 als Weltkulturerbe anerkannten „White City“, der „Weißen Stadt“, ein fragwürdiges Image.
Schließlich würden die fraglichen rund 4000 Gebäude nur ungenügend durch den Denkmalschutz vor baulichen Eingriffen oder sogar Abrissen geschützt, weswegen viele Bauten in schlechtem Zustand seien.
Meist gehe es lediglich um den Erhalt der Fassaden, der Gebäudehüllen, nicht aber um den Erhalt des gesamten Objekts. Klei konstatiert zudem, dass der Begriff „Bauhaus“ in Bezug auf Tel Aviv schlicht ein „Werbeclaim“ sei. Dieser Erzählung fehle die architekturgeschichtliche Grundlage. Schließlich hätten nur die wenigsten Architekten Tel Avivs – darunter Shlomo Bernstein, Shmuel Mestechkin oder auch Arieh Sharon – eine Ausbildung am Bauhaus in Weimar oder später in Dessau genossen. Gleichwohl folgten viele Architekten des neuen Tel Aviv, auch wenn sie nicht am Bauhaus ausgebildet wurden, den Prämissen des Neuen Bauens, des internationalen Stils.
Nur wenige Architekten des Bauhaus
Tel Aviv – wörtlich übersetzt „Frühlingshügel“ – wurde 1909 als Vorort der arabischen Stadt Jaffa gegründet. Es war die erste rein jüdische Ansiedlung in Palästina, die ab 1923 eine autonome Selbstverwaltung erhielt. Bald wurde Tel Aviv zur Anlaufstelle von Einwanderern aus der ganzen Welt. Nach der Mandatsübernahme durch die Briten 1920 strömten Zehntausende osteuropäische Juden in die Stadt.
Wenig überraschend fehlte Wohnraum, also wurde in den frühen 1930er Jahren bis 1948 basierend auf den Plänen des britischen Stadtplaners Patrick Geddes Tel Aviv erbaut. In diesen Zeitraum fiel die Flucht vieler Architekten vor den Nationalsozialisten aus Deutschland und den besetzten Gebieten.
Die Bauhaus-Architekten hätten beim Aufbau Tel Avivs schon eine Rolle gespielt, gewiss, aber längst keine zentrale. Alexandra Klei verdeutlicht, wie komplex und divers die Baugeschichte Tel Avivs in Wirklichkeit ist, unter anderem durch die Ausweitung des Blicks auf die arabischen, die frühen jüdischen und christlichen Siedlungen, etwa jene der Templer. Diese Kritik ist überaus interessant für alle, die sich für Architektur und deren nicht selten schwierige mediale Vermittlung interessieren.
Inszenierung der Stadt als Bauhaus-Kapitale
Im letzten Teil des Vortrags versucht sich Alexandra Klei an einer psychopolitischen Erklärung des „Narrativs“, was allerdings weniger überzeugt. Die Historikerin erwähnt eingangs alle israelischen Protagonisten der Inszenierung Tel Avivs als „Bauhaus“-Kapitale, so etwa die Architektin und Denkmalschützerin Nitza Metzger-Szmuk. Sie hat mit ihren Publikationen die Wahrnehmung des architektonischen Erbes der Stadt in den Fokus gerückt und die internationale Etablierung des Bauhaus-Images mitverantwortet. Dann behauptet Klei recht unvermittelt und ohne explizite Nennung von Belegen, Zitaten oder Quellennachweisen, es wäre „maßgeblich“ die deutsche Presse gewesen, die diese Erzählung von Tel Aviv als Bauhaus-Stadt verbreitet hätte.
Weshalb? Wohl um den Mythos eines besseren Deutschlands zu nähren, vermutet Alexandra Klei. Mit dem Bauhaus-Etikett wäre dieser steilen These zufolge Tel Aviv als deutsche Stadt markiert. Und die Vertreibung der deutschen Juden hätte demnach doch noch ein gutes Ende genommen (weil sie in Israel dann schöne weiße Häuser gebaut hätten) – zum perfiden Zwecke der Verschleierung der historischen Tatsachen und „Wiedergutwerdung der Deutschen“, um es mit dem deutschen Publizisten und Adorno-Schüler Eike Geisel zu sagen. Jeglichen Beweis für diese irritierende Behauptung blieb die Historikerin an diesem ansonsten informativen Abend leider schuldig.