Architektur-Spaziergang in Stuttgart Schöne Bauhaus-Villen außerhalb der Weißenhof-Siedlung erleben

Hier geht’s los mit dem Architektur-Spaziergang durch Stuttgart: Der Bauleiter der Weißenhof-Siedlung, Richard Döcker, entwarf das Wohnhaus in der Birkenwaldstraße. Foto: /Max Kovalenko

Architektur to go: In unserer Ausflugsserie spazieren wir an architektonisch herausragenden Gebäuden in der Stadt vorbei. Die erste Route führt zu Häusern aus der Bauhaus-Zeit auf die Halbhöhen vom Stuttgarter Killesberg bis zur Gänsheide.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Sechs Monate. So lange – oder besser: so kurz – hat es gedauert, bis die Weißenhof-Siedlung auf dem Killesberg stand. Und damit ist nicht ein Architektur-Modellbau gemeint, sondern wirklich die Häuser, erstmals präsentiert wurden sie vor fast genau 96 Jahren, am 23. Juli 1927 im Rahmen der Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“.

 

Heute ist, wie jeder weiß, die Siedlung mit Wohnhäusern von Architekturikonen wie Mies van der Rohe, Le Corbusier und Mart Stam, denkmalgeschützt. Und die Siedlung hat auch schon jeder gesehen. Doch wie steht es mit Bauhaus-Villen in der Stadt? Dies ist Thema dieses Architektur-Spaziergangs.

Die Route – von der nördlichen zur östlichen Halbhöhenlage

Der Spaziergang führt vom Stuttgarter Norden zum Osten, hier der Streckenverlauf. /Björn Locke

Hatte die Architektur Strahlkraft, Vorbildcharakter für andere Bauherren? Ein klares Jein ist die Antwort. Manche beschimpften die lichte, leicht wirkende Architektur als „Arabersiedlung“, kurz darauf entstand als Gegenreaktion die Kochenhofsiedlung. Aber doch, es gab auch Bauherren, die sich mit dem Baustil von Le Corbusier und Co. anfreundeten. Manche Häuser haben auch die Kriegsbomben überstanden und auch die Umbauwut mancher Hausbesitzer nach dem Krieg. Diese Gebäude lassen sich hervorragend mit einem ausgedehnten Stadtspaziergang von einer Halbhöhe im Norden zu einer im Osten bestaunen.

1. Die Villa Vetter – ein schnittiges Schiff, das auf einem Fels balanciert

Richard Döcker entwarf die Villa Vetter, Birkenwaldstraße 169. Foto: privat/NG

Zum Beispiel Gebäude von dem 1894 in Weilheim an der Teck geborenen Architekt Richard Döcker (er starb 1968 in Stuttgart), der als Bauleiter maßgeblich am raschen Bauerfolg der Weißenhofsiedlung beteiligt war.

Seine zwei in der Weißenhof- Siedlung gebauten Häuser sind im Krieg zerstört worden, aber ganz in der Nähe entstanden schon kurz nach der Werkbund-Ausstellung erste Villen im Bauhaus-Stil.

Ein Haus baute Döcker 1931 für sich selbst, der avantgardistische Flachdachbau liegt aber versteckt in zweiter Reihe, ebenso ein denkmalgeschütztes Haus auf der Geroksruhe. Weithin sichtbar aber ist die in den Jahren 1927 bis 1929 gebaute Villa Vetter in der Birkenwaldstraße 169, hier beginnt auch der Architekturspaziergang.

Die Adresse ist Fotofans bekannt, das Haus liegt an einer Kurve mit Aussichtsplattform für grandiose Stuttgart-Rundblicke und Selfies mit der City im Hintergrund.

Künftig also bitte auch einmal dort umdrehen und über das in den Hang gebaute Haus staunen, bei dem die kurvige Straße schier in den Baukörper übertragen wird und das zugleich aussieht wie ein schnittiges Schiff, auf einem Fels balancierend. Geometrische Formen, Kanten und Rundungen, verschiedene Terrassen und versetzte Geschosse mit unterschiedlichen Höhen verleihen dem Baukörper eine besondere Dynamik, ein überdachter Balkon – Outdoor-Gymnastik tauglich, ein Erker mit Ausblick, große Fensteröffnungen, die eine gewisse Offenheit seiner Bewohner suggerieren.

Licht, Luft, Leichtigkeit, Häuser für eine neue, offene Gesellschaft – die Bauhaus-Maximen in Reinform. Und immer noch auch ein Traumhaus und nachhaltig, weil es nun auch schon fast hundert Jahre steht.

2. Die Doppelvilla László – beispielhaftes Exemplar des Neuen Bauens

Doppelhaus in der Eduard-Pfeiffer-Straße 53/55 im Stuttgarter Norden. Foto: Privat/NG

Weiter geht’s zu einem Doppelhaus, das man eher in Italien vermuten würde als in Deutschland mit seinem südlich wirkenden Erker und den Jalousien. Die Architektengemeinschaft E. Kiemle, P. Weber und Paul László hatte dieses Doppelhaus mit flach geneigtem Walmdach 1932/1933 in der Eduard-Pfeiffer-Straße 53 und 55 entworfen. Obwohl es nach dem Krieg im Jahr 1955 noch einmal umfassend verändert wurde, steht es bis heute unter Denkmalschutz – auch wegen des noch erhaltenen umlaufender Balkons, der großflächigen Verglasungen, die einen Panoramablick bieten und der in Richtung Tal orientierten Erkers machen es zu einem beispielhaften Exemplar des Neuen Bauens.

3. Naschpause im Hospitalviertel – und weiter zum Tagblattturm

1924 geplant, 1928 fertiggestellt – das weltweit erste in Sichtbeton gebaute Hochhaus in der Eberhardstraße 61. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski

Jetzt geht es weiter bergab hinunter in die Stadt, am Lindenmuseum und hinter der Liederhalle vorbei (von wem die stammt und was der Architekt in Stuttgart noch gebaut hat, wird Thema eines weiteren Rundgangs sein) bis ins Hospitalhofviertel in der Büchsenstraße.

Dort könnte man eine erste kleine Pause einlegen in der „Zuckerei“ (Büchsenstraße 35) zum Beispiel. Danach geht’s weiter in die Königstraße Richtung Rotebühlplatz und von da links hinunter zur Eberhardstraße 61. Keine Villa zur Abwechslung, sondern ein berühmtes Büro-Hochhaus – der Tagblattturm, geplant von Architekt Ernst Otto Oßwald (1880-1960), Stuttgarts erstes Hochhaus und weltweit das erste Sichtbeton-Hochhaus überhaupt, 61 Meter hoch, 18 Geschosse, 1928 im Stil der Neuen Sachlichkeit fertiggestellt.

Das Gebäude verfügte damals auch schon über den höchsten Paternoster der Welt. Topmodern damals auch das Innenleben – Warmwasserheizung, Doppelfenster, Müllschacht und ein Briefkastenabwurfschacht, der direkt in den Kasten der Reichspost führte. Der Architekt ist für dieses Gebäude berühmt, wird auf dem Spaziergang noch einmal mit Staunenswertem auftauchen.

Stärkung vor dem Aufstieg

Jetzt geht’s bald bergauf, letzte Verschnaufpause in der Caffè-Bar (Torstraße 27) direkt beim Tagblatt-Turm, empfehlenswert ist auch ein paar Meter weiter in der Eberhardstraße 47 das japanische Restaurant Umami Ramen (hervorragende Suppen). Der Routenplaner schlägt vor, über die Torstraße die Hauptstätter Straße und die Stadtautobahn B 14 zu überqueren und sich durchs Leonhardviertel bis zur Jakobstraße in Richtung Haltestelle Dobelstraße / Hohenheimer Straße zu bewegen. Dort kann man sich auch am Gebrüder-Gerald-Automaten-Kiosk (Hohenheimer Str. 53) mit Getränken versorgen, um sich für den Aufstieg zu rüsten.

Direkt am Studio Theater geht’s es jedenfalls in die Dobelstraße und jetzt dann wirklich gut bergauf, wer mit dem Kinderwagen unterwegs ist, muss ordentlich schieben. Keine Lust auf Laufen? Dann geht’s am Charlottenplatz in die Stadtbahn 15 und hinauf bis zur Geroksruhe (dann wäre die nächste Station aber erst Station Gänswaldweg 6, danach die Adressen in der Gröber- und Gerokstraße). Alle anderen gelangen über die Stafflenbergstraße, den Steingrubenweg und die Richard-Wagner-Straße zur Gröberstraße 20 – ganz in der Nähe der des Amtssitzes des Landesfürsten Kretschmann, der Villa Reitzenstein.

4. Haus Kamm – Bau mit südlichem Charme

Wohnhaus Kamm in der Gröberstraße 20, erbaut von Richard Döcker. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Hier begegnet einem wiederum die Handschrift von Richard Döcker, der das Wohnhaus für den Ingenieur Wunibald Kamm 1932-1933 gebaut hatte, das heute dem Land gehört und vom Staatsministerium genutzt wird. Gegen seinen Willen musste er, weil die Bauvorschriften es vorgaben, ein Walmdach statt eines gewünschten Flachdaches planen. Wie fast bei allen Bauhaus-Gebäuden fällt auch hier die Bepflanzung mit Nadelhölzern auf, die auch zum südlichen Charme der Bauten beiträgt.

5. Villa Osswald - feine Gegend mit toller Aussicht

Villa im Gänswaldweg 6, geplant vom Tagblatt-Turm-Architekten Ernst Otto Osswald. Foto: privat/NG

Noch weiter geht’s aufwärts von der Payerstraße in die Gänsheidestraße und dann links hinein in den Gänswaldweg 6. Eine feine Gegend mit toller Aussicht in Richtung Bad Cannstatt, hier stehen viele auch moderne Villen. Doch ganz ehrlich – die Villa Freytag vom Tagblatt-Turm-Architekten Oßwald sticht sie aus.

In den Steilhang gebaut, mit umlaufenden Fensterbänden, Vorsprüngen, der von jeder Seite wieder anders wirkende Baukörper wurde schon 1926 fertig, also ein Jahr vor der Weißenhofsiedlung.

6. Villa Kocher – versteckt hinter Efeuranken

Das Haus vor lauter Grün kaum zu sehen: Wohnhaus in der Gerokstraße 60, geplant von Julius Kocher. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Noch ganz beeindruckt von dem Bau geht’s wieder bergab bis zur Gerokstraße, da findet sich an einer Straßenkreuzung gegenüber eines bezaubernden Blumenladens eine Villa von dem Architekten Julius Kocher aus dem Jahr 1929.Die Konturen des Hauses – runder Balkon, tolle Dachterrasse – sind allerdings kaum erkennbar, da das denkmalgeschützte Haus fast vollständig mit Efeu bewachsen ist.

7. Villa Schweitzer: Finale mit mediterranen Köstlichkeiten

Einige Meter weiter (Hausnummer 75) allerdings in ganzer kühler Schönheit ist noch ein Bauhaus-Wohngebäude zu finden, das entstand fast zur gleichen Zeit, 1929-1930, geplant wurde das von Rudolf Schweitzer. Der Architekt ist eher bekannt für eine Villenkolonie auf der Uhlandshöhe – doch dazu vielleicht bei einem anderen Spaziergang.

Denkmalgeschütztes Wohnhaus im Bauhaus-Stil in der Gerokstraße 75, geplant von Rudolph Schweitzer. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wer die ganzen 6,6 Kilometer zu Fuß geschafft hat, darf sich jetzt entweder je nach Tageszeit im griechischen Traditionsrestaurant „Ilysia“ (Gänsheidestraße 41) eine mediterrane Köstlichkeit gönnen oder in der Gänsheidestraße 39 im fabelhaften Konditorei-Café Hummel eine Butterbrezel, eine Sahnetrüffel-Praline oder eine Torte. Mit Tarte und Törtchen übrigens beginnt dann voraussichtlich der nächste Architekturspaziergang.

Info

Länge
Der Spaziergang ist 6,6 Kilometer lang.

An- und Abfahrt
Mit dem Bus 44 kommt man zur Oberen Mönchhalde, wo der Spaziergang in der Birkenwaldstraße 169 an einem herrlichen Aussichtspunkt beginnt. Nach der letzten Station in der Gerokstraße fährt einen die Stadtbahnlinie 15 hinunter in die Stadtmitte.

Einkehrmöglichkeiten
Zuckerei (Büchsenstraße 35), Caffè-Bar (Torstraße 27), Umami Ramen (Eberhardstraße 47), Gebrüder-Gerald-Automaten-Kiosk (Hohenheimer Str. 53), Ilysia (Gänsheidestraße 41), Konditorei-Café Hummel (Gänsheidestraße 39).

Geeignet für
Menschen mit ordentlichem Schuhwerk, die schnörkellose Architektur lieben, gut zu Fuß sind und auch finden, dass privater Wohnbau ebenso wichtig für Stadtentwicklung und das Stadtbild sind wie herausragende Museumsbauten.

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