Architektur-Spaziergang Sieben der sinnlichsten Jugendstil-Bauten in Stuttgart

Stuttgarter Jugendstil: Die Mietshausgruppe in der Schickhardtstraße, erbaut 1903 bis 1905 von Emil und Paul Kärn. Foto: Pavlovic

Architektur to go: In unserer Ausflugsserie spazieren wir an architektonisch herausragenden Gebäuden in der Stadt vorbei. Diese vierte und leichte Route führt zu floralen und lasziven Fassadenfiguren des unterschätzten Stuttgarter Jugendstils.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Die Stuttgarter können alles, sogar Hochdeutsch und Jugendstil! Wer den Kopf in den Nacken legt und die Häuser dieser Stadt aufmerksam beäugt, entdeckt dekorative Erker und gruselige Dämonenköpfe in Reliefs, golden schimmernde Mosaiken mit leicht bekleideten Frauenkörpern und allerlei possierliche Tierchen. Reich verzierte Hauseingänge und Fassadenornamente widerlegen jegliches Vorurteil von schwäbischem Geiz und gutbürgerlicher Biederkeit.

 

Jugendstil-Spaziergang in Stuttgarter Süden

Trotzdem, und da sollte man ehrlich bleiben, war Stuttgart kein Zentrum des Jugendstils, dieser kunstgeschichtlich so bedeutenden Epoche, die um 1900 nicht nur die Architekten und Handwerker mit der Idee von der Verschmelzung von Kunst und Leben in ihren Bann zog.

Die Route des Jugendstil-Spaziergangs im Süden von Stuttgart. Foto: Yann Lange/Infografik

Doch auch wenn man in München, Wien, Paris, Darmstadt und natürlich Brüssel das Kunstgewerbe mehr zu tun hatte als im damals eher beschaulichen Stuttgart, so muss man sich hier keineswegs bescheiden geben. Neben dem weitverbreiteten Historismus finden sich auch im Kessel wunderschöne Jugendstilfassaden.

Erste Etappe mit einem innovativen Meisterwerk

Der knapp zwei Kilometer kurze Spaziergang beginnt vor dem Portal der Markuskirche an der Filderstraße 22. Die Kirche im Heusteigviertel, deren Grundsteinlegung im Juli 1906 erfolgte, ist im Jugendstil errichtet, was bei Sakralbauten in Deutschland als Ausnahmeerscheinung gilt.

Prachtbau von 1906: Die Markuskirche in der Filderstraße 22. Zur Eröffnung kam sogar König Wilhelm II. Foto: TP

Als Architekt konnte man den Spezialisten für Sakralbauten gewinnen: den gebürtigen Stuttgarter Heinrich Dolmetsch. Wenige Monate nach der festlichen Einweihung des ganz in Stahlbeton gefertigten und damit seinerzeit innovativen Kirchenbaus in Anwesenheit von König Wilhelm II. starb Heinrich Dolmetsch im Alter von 62 Jahren. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Pragfriedhof.

Die Markuskirche ist ein spätes Meisterwerk von Dolmetsch, ein mutiger und gelungener Wurf. Das architektonisch einzigartige Gotteshaus wird heute von der Evangelischen Kirchengemeinde Markus-Haigst als Gemeindekirche genutzt. Der Jugendstileinfluss ist in erster Linie in der Ausstattung und Dekoration vorhanden, angefangen bei dem Christuskopf über dem Hauptportal und den Schmuckformen des Portals.

Reich geschmückt – man beachte den Christuskopf über dem Hauptportal der Markuskirche. Foto: Pavlovic

Doch auch die Türbeschläge, das farbige Glas der Türfüllungen, die Treppengeländer sowie das Mobiliar in der Sakristei atmen diesen verspielten Geist der Freiheit. Und wenn einem draußen mal wieder die Spätsommersonne ordentlich auf den Pelz brennt, kann man sich in dieser wunderschönen Kirche ein wenig abkühlen und zur Ruhe kommen.

Im Jugendstil-Theater die Jugend feiern

Doch die Filderstraße hat noch mehr zu bieten, einige Häuser weisen schon Jugendstilornamente in Form von langhaarigen weiblichen Wesen an an den Fassade auf. Und beim Getränkehändler an der Ecke Strohbergstraße gibt’s kühle Getränke; wer mit Hund unterwegs ist, bekommt im Leckerli-Laden (Strohberg 11) Verpflegung fürs Tier. Und schon vom Vorplatz der Markuskirche sieht man rechterhand das Theater Rampe.

Der Bau in der Filderstraße 47 ist eine Stuttgarter Kuriosität, aber auch beispielhaft für eine gelungene Umnutzung. Emil Kessler, der Vater der Stuttgarter Zahnradbahn, wollte ursprünglich an der Tübinger Straße eine Talstation errichten, ein wenig nördlich vom heutigen Marienplatz entfernt.

Das Theater Rampe in der Filderstraße 47, geplant von Lambert + Stahl Architekten. Foto: Pavlovic

Doch offenbar waren schon damals die Grundstücke schwierig zu haben. Schließlich entschied er sich für den Standort an der Filderstraße, Ecke Alte Weinsteige. Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert erhielt die alte Talstation eine repräsentative Erweiterung im damals angesagten Jugendstil von den damals viel gefragten Lambert + Stahl Architekten, die auch allerhand Villen geplant haben.

In dieser Form steht das Gebäude heute noch, das Theater hat sich einen guten Ruf weit über die Stuttgarter Stadtgrenzen hinaus erspielt. Das alte Backsteinbauwerk mit der feingliedrigen Stahlkonstruktion für das Dach im Inneren der Fahrzeughalle ist heute eine bauliche Rarität.

Bullaugen mit Blumenkränzen – seitliche Ansicht des Theaters Rampe. Foto: NG

Wer im Theater Rampe hängenbleibt und den Jugendstilspaziergang abrupt abkürzt, weil gerade wieder eine Performance auf dem Spielplan steht, die die revolutionäre Jugend feiert und die trägen Alten zum Teufel jagt, dem sei gesagt: jede Jugend, alles Lebendige ist vergänglich. So sorry!

Jetzt ein Trost-Eis am Marienplatz

Irgendwann schaut man einfach nur alt und dumm aus der Wäsche, ganz anders als diese herrlich verzierten Fassaden, in denen gerade die welkende Natur und die sterbenden Lebewesen in Stein, Glas und Stahl eingefangen wurden, um sie für die Ewigkeit zu konservieren.

Um sich von diesen düsteren Gedanken zu befreien, müsste mindestens ein Trosteis am Marienplatz drin sein, nur einen Steinwurf vom alten Zahnradbahnhof entfernt. In und vor der Gelateria Kaiserbau ist so viel Jungvolk unterwegs, das ist schon ein ganz eigener Stuttgarter Jugendstil.

Station bei den revolutionären Brüdern Kärn

Gestärkt mit Süßem macht man sich dann auf in Richtung Böblinger Straße, biegt erst rechts und dann gleich wieder links ab, um in der Arminstraße 31 vor einem weißen Mehrfamilienhaus stehen zu bleiben und mit den Augen den Verzweigungen eines fein ornamentierten Lebensbaums an der Fassade zu folgen.

Jugendstilhaus in der Arminstraße 31. Foto: Pavlovic

Florale Elemente waren Gegenentwürfe zu den tradierten und manchmal martialisch anmutenden Fassadenelementen wie Wappen, Fahnen oder Heldendarstellungen. In diesem Haus befand sich auch zeitweise das Architekturbüro der Brüder Emil und Paul Kärn, nachdem sie es als Architekten auch gebaut hatten.

Blumen-Ornamente sogar unterm Erker in dem Haus der Brüder Kärn. Foto: Pavlovic

Dem architektonischen Werk der Brüder Kärn, die um 1900 die wilhelminisch geprägte Baumeisterszene mit ihrer Unbekümmertheit ordentlich provozierten, begegnet man nochmals, denn die beiden Jugendstil-Wilden haben in Stuttgart unübersehbare Spuren hinterlassen.

Spannender als Netflix: Raubkatze, neckische Nixen

Die Mietshäuser mit der Nummer 43, 45 und 47 in der Schickhardtstraße gelten als Glanzstücke des Stuttgarter Jugendstils.

Das mittlere Haus Nummer 45 in der Schickhardtstraße der Brüder Kärn ist besonders prächtig. Foto: Pavlovic

Man bemerkt sie nur oft nicht, weil der Bus da eine rasante Kurve nimmt. Die Backsteinbauten mit ihren Fassaden sind spannender als Netflix gucken: Ein Erker ruht auf einem Relief, das den Wassermann zeigt.

Liegender Wassermann unterm Eingang Foto: Pavlovic

Seine langen Haare und sein wallender Bart zerfließen mit den Wellen und bilden Strudel, während unter ihm eine Nixe neckisch nach oben schaut. Blüten in unterschiedlichem Stadium, schwellend und aufbrechend, zieren das obere Drittel der Fassade, Brustbilder vollbusiger Frauen springen hervor, und natürlich findet sich auch eine Raubkatze.

Frau Foto: Pavlovic

Damit es einem nicht zu blümerant wird bei all den erotischen Fassadenspielen der Gebrüder Kärn, geht man weiter. Kurz vor den Häusern der Architekten Kärn ist der Schwabtunnel gebaut worden, Deutschlands erster Tunnel, durch den ein Auto fahren konnte, und Europas weitester damals.

Durch den Tunnel zum Gänsepeterbrunnen

Am 29. Juni 1896 wurde er eröffnet und schuf, unter dem Hasenrücken, eine Verbindung zwischen dem Westen und dem Süden Stuttgarts sowie hinüber nach Heslach.

Der Schwabtunnel von 1896. Foto: Pavlovic

Auf der anderen Seite hält man sich rechts und trifft nach kurzem Marsch auf den Gänsepeterbrunnen. Die Plastik stellt einen Hirten dar, der seine Gänse einfangen will. Diese dienen als Wasserspeier. Weiter unten ergießt sich aus dem Mund eines bärtigen Nickelmanns ein Wasserstrahl in das Becken.

Der Gänsepeterbrunnen aus dem Jahr 1901, Hasenbergsteige 1 Foto: Pavlovic

Der Brunnen wurde 1901 vom Architekten Paul Lauser, vom Bildhauer Theodor Bausch und vom Erzgießer Hugo Pelargus geschaffen. Das ist kein reiner Jugendstil, auch neobarocke Elemente sind in der Plastik fast noch deutlicher zu erkennen. Typisch an diesem Brunnen ist gerade die Vermischung mehrerer Stile, wie man sie oft in dieser Stadt beobachten kann.

Finale vor der Villa des Papierfabrikanten

Von einem der meistfotografierten Brunnen Stuttgarts geht es ab in die Hasenbergstraße, nur ein paar Schritte weiter. Das Wohnhaus mit der Nummer 18 hat der Architekt Weirether um 1900 die Fassadenumgestaltung am Haus verantwortet, das dem Papierfabrikanten Eugen Lemppenau gehörte. Die Ornamentik mit den Initialen ist schön erhalten.

Türmchen in der Fassade und die EL-Initialen eingraviert – die Villa von Eugen Lemppenau in der Hasenbergstraße 18. Foto: Pavlovic

Und schon ist dieser Spaziergang zu Ende. Die Blütezeit des Stuttgarter Jugendstils lag zwischen 1905 und 1910, an die Handwerker stellte er damals höchste Anforderungen. Das wäre heute bei all dem Fachkräftemangel einfach nur: undenkbar. Immerhin gut, dass mit Hilfe des Denkmalschutzes vieles erhalten werden konnte.

Info

Strecke
Der Spaziergang ist 1,7 Kilometer lang.

An- und Abfahrt
Die Markuskirche befindet sich in Stuttgart-Süd, unweit des Marienplatzes, Haltestelle „Markuskirche“ (Bus 43) oder „Marienplatz“ (U-Bahn-Linie 1, 9 und 34); am Ende des Spaziergangs kann man zwischen zahlreichen Bus- und S-Bahnlinien an der Rotebühlstraße oder Reinsburgstraße wählen, zum Beispiel die Buslinie 42.

Einkehren/Reinschnuppern
Fürs Tier im Leckerli (Strohberg 11); Getränke Morlok (Filderstraße 37); Gelateria, die (zurecht) hochfrequentierte Eisdiele am Marienplatz; Metropolis (Reinsburgstraße 51b), ein kleines Antiquitätengeschäft mit Fokus auf Dingen der Art-Déco-Epoche.

Geeignet für
alle Menschen, die nichts gegen Zierrat, Ornamente und ein bisschen Kitsch haben. Für Hobby-Kunstgeschichtler. Für Flaneure, die schnell dicke Füße bekommen und deshalb kurze Wege schätzen. Für Eltern, die auch mal mit dem Kinderwagen eine kompakte Stadtbesichtigung problemlos bewältigen wollen.

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