In Stuttgart wurde abgerissen, was woanders stehen blieb. So gibt es im polnischen Katowice noch dutzendweise Zeugnisse des Neuen Bauens. Eine Schau am Weißenhof zeigt, wie schön avantgardistische Architektur aus der Zeit zwischen den Kriegen noch heute ist.
Städte gibt’s, die gibt es anscheinend gar nicht, zumindest nicht auf der Landkarte der architektonischen Hotspots. Katowice zum Beispiel. Eine Stadt, deren Image im Kollektivgedächtnis vieler Deutsche bis heute rußgeschwärzt ist. Zum einen, weil die Großstadt im Süden Polens seit dem 19. Jahrhundert als Zentrum des Kohlebergbaus und der Schwerindustrie große wirtschaftliche Bedeutung erlangte. Zum anderen gehörte Katowice einst als Kattowitz zum Deutschen Reich, fiel allerdings nach dem Versailler Vertrag mit der Teilung Oberschlesiens Anfang der 1920er Jahre an Polen, was bei einigen Enkeln und Urenkeln von ehemaligen Schlesiern deutscher Herkunft hierzulande diffuse Gefühle rund um die eigene Familienbiografie heraufbeschwören mag.
Dass die heute knapp 300 000 Einwohner zählende Dienstleistungsmetropole Katowice aber auch für Architekturinteressierte einen wahren Schatz an Bauten der Moderne birgt, ist nur den wenigsten bekannt. Zehn Bahnstunden von Berlin entfernt „entdeckte“ im Jahr 2009 der Architekturexperte und Fotograf Benedikt Hotze eher zufällig die verhältnismäßig gut erhaltenen Bauten in der Katowicer Innenstadt, aber nicht nur dort. Hotzes Bilder, die keineswegs einen Anspruch auf Vollständigkeit beanspruchen, sind nun in der Architekturgalerie am Weißenhof zu bestaunen, kuratiert von Stefan Werrer.
31 Abzüge haben es in die Schau „Katowice in between“ geschafft, die Hängung der Fotografien kommt praktisch ohne Erläuterungen aus, lediglich die Adresse, die Bauzeit sowie der Architekt oder das Büro sind genannt. Mittels QR-Code kann man sich per Smartphone Orientierung vor Ort verschaffen. Der Boden ist ein schwarz-weißer Teppich, ein Stadtplan von Katowice, in dem die fotografierten Bauten rot hervorgehoben sind. Der Ansatz für die Ausstellung ist geradezu radikal minimalistisch und wohl deswegen so effektvoll, die Architektur steht im Vordergrund, Politik und Geschichte sind Kontext, den sich Neugierige im Nachgang erschließen müssen.
Selbstbewusste Architektenszene
Warum auch nicht? Allein die Fülle an wie selbstverständlich im Hier und Jetzt bewohnten vielstöckigen, flachbedachten Mehrfamilienhäusern mit Geschäften im Erdgeschoss, auskragenden, halbrunden Terrassen und großzügigem Einsatz von Glas ist beeindruckend. Die Fassaden sind dunkel, die letzten Sanierungen liegen offensichtlich lange zurück. Doch die dem Funktionalismus verpflichteten Zweckbauten, die (bis auf ein Bürogebäude von 1949) allesamt in den 20er und 30er Jahren gebaut wurden, zeugen von einer liberalen städtischen Baupolitik und einer selbstbewussten Architekturszene, die ihr Augenmerk auf die soziale Funktion der Architektur und des Städtebaus gerichtet hat.
Das meiste, was in den Katowicer Autonomiejahren von 1922 bis 1939 entstanden ist, steht heute noch, was gerade in einer Abrissstadt wie Stuttgart für bewundernde wie neidische Blicke sorgen dürfte. Beispielhaft sind die Garnisonskirche St. Kasimir und der „Wolkenkratzer“, ein expressionistisch angefärbtes Wohn- und Bürohochhaus. Der für damalige Zeiten technisch innovative Stahlskelettbau war mit 65 Metern Höhe bis 1955 das höchste Hochhaus in Polen.
Blick in die Ausstellung in der Architekturgalerie Stuttgart. Foto: Privat
Ein Stilmittel bei diesen und weiteren Bauten sind die abgerundeten Ecken, große Fensterflächen und eine überaus durchdachte volumenmäßige Ausgestaltung der Baukörper, die bei allem avantgardistischen Anspruch niemals arrogant im Stadtraum wirkt. Diese Architektur war dem Stadtbürgertum verpflichtet, einem neuen, modernen Gemeinwesen.
Zerstörungen durch die Nazis
Die Namen der Architekten sind hierzulande weniger bekannt, sie hießen Filip Brenner, Tadeusz Kozlowski oder auch Karol Schayer. Dessen modern konzipiertes Schlesisches Nationalmuseum, das Hauptwerk dieses Ausnahme-Architekten, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Beirut seine Arbeit fortsetzen konnte, ist 1936 begonnen worden und wurde von den 1939 einmarschierten Deutschen demonstrativ wieder zerstört, bevor es überhaupt eröffnet wurde. Die Nazis erkannten in dem Museum ein Symbolbau der „entarteten Kunst“.
An diesem Beispiel kommt die kleine, feine Schau an ihre Grenzen, da Fotos zeigen, was ist, und nicht, was fehlt, was zerstört wurde. Glücklicherweise wird von diesem beschämenden barbarischen Akt im Begleitheft berichtet. Am Ende bleibt die inspirierende Erkenntnis, dass Stuttgart, die Stadt der Weißenhofsiedlung und das polnische Katowice, dieses neu entdeckte Schatzkästchen der Moderne mehr gemeinsam haben als sie bisher geahnt haben.
Info
Ausstellung Die Schau „Katowice in between“ in der Stuttgarter Architekturgalerie ist noch bis zum 28. April zu sehen. Am Weißenhof 30, Sa und So 12 bis 18 Uhr, Di bis Fr 14 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei.