Armando Basile und seine ewige Tour 1,5 Millionen Kilometer auf dem Rad
Armando Basile aus Heitersheim hat in den vergangenen 40 Jahren rund 80 Länder bereist und dabei 1,5 Millionen Kilometer zurückgelegt. Was treibt ihn an?
Armando Basile aus Heitersheim hat in den vergangenen 40 Jahren rund 80 Länder bereist und dabei 1,5 Millionen Kilometer zurückgelegt. Was treibt ihn an?
Radlertrikot, Bikerhose und Helm, von Wind und Wetter gegerbte Haut, fast immer ein freundliches, bubenhaftes Lächeln im Gesicht: So kennen ihn die Nachbarn in Heitersheim bei Freiburg und ungezählte Menschen weltweit. Armando Basile ist 77 Jahre alt. Der Italiener misst nur 1,60 Meter, ist aber ein Großer. Seit 1983 hat Armando Basile mit seinem Fahrrad anderthalb Millionen Kilometer runter gespult.
Jede Tour wird akribisch dokumentiert, von Anfang an machte er das schon so. Seine gesammelten Reisepläne und die gut 40 Jahreskalender, viele Landkarten und zig Fotos sowie die allerorten gesammelten und abgestempelten Papiere füllen ein Zimmer im Dachgeschoss seines Hauses.
Der Mann aus Süditalien, der seit seinem 20. Lebensjahr in dem Weinort im Markgräflerland daheim ist, hat die Erde rein rechnerisch gut 37-Mal umrundet. Basile war in mehr als 80 Ländern. Zunächst reiste er mit seinem 1972 geborenen Sohn Dirk und seiner Frau Gisela. Doch sie starb 2004 an den Folgen eines Radunfalls in Südfrankreich.
Und so ist Basile seit 20 Jahren meistens ganz allein auf Tour. Man könnte sagen, nach dem Tod seiner Frau hat der Rad-Exzess erst so richtig begonnen. Armando Basile wurde zum Extremsportler, zum Fahrrad-Süchtigen, der kein schlechtes Wetter kennt. Es gibt kaum einen Tag, an dem er sich nicht auf sein Rennrad schwingt und wenigstens 100 Kilometer macht. Oft sind seine Tagestouren aber deutlich länger.
Ein frühlingshafter Werktag. Die Sonne lacht vom Himmel. Basile strahlt, als er gegen 14 Uhr von seiner Standardrunde zurückkehrt: über die deutsch-französische Grenze nach Colmar, dann über Mühlhausen im weiten Bogen nach Hause. Wieder hat er sich die Kopie des entsprechenden Landkartenausschnitts unterwegs abstempeln lassen – diesmal von einem Tankstellenmitarbeiter. Inzwischen, erzählt Basile, rufen Leute ihm schon zu: „Sie wollen doch bestimmt einen Stempel!“ Man kennt ihn.
Armando Basile stellt das Rennrad hinter dem Haus ab und begibt er sich in seine gute Stube. Die Dachkammer ist sein Reich. Hier, sagt er, gebe es immer etwas zu tun. Kilometerzahlen addieren zum Beispiel. Der Raum ist tapeziert mit großformatigen Fotos: der junge Basile mit Bike vor dem Eiffelturm, die allererste Tour 1983 mit seiner Frau und dem damals elfjährigen Dirk. Basile mit Frau in Amsterdam. Basile in den USA. 15 Mal, erzählt er, sei er in den Staaten gewesen. „Ich hab jedes Bundesland besucht, auch Alaska und Hawaii“. Dann rollt er mannsgroße Landkarten aus, die seine Fahrten dokumentieren: zum Beispiel die Reise einmal um sein Heimatland Italien herum. „4674 Kilometer in 36 Tagen“ hat er darauf handschriftlich vermerkt. Er war auf der legendären Route 66 in Amerika unterwegs, in Indonesien, auf den Philippinen. Und und und.
Armando Basile ist ein Mann vom alten Schlag. Er ist niemals mit einem Navigationssystem unterwegs, besitzt kein Smartphone und surft auch nicht im Internet. Dafür hat er auf seinen Reisen im In- und Ausland immer einen dicken Stapel Fotokopien von Zeitungsartikeln über ihn im Gepäck. Darauf ist auch die E-Mail-Adresse seines Sohnes vermerkt. Wo auch immer Armando Basile auftaucht, er verteilt diese Kopien. An den Tankwart in der Türkei. An den US-Polizisten, der ihn mehr oder weniger höflich bittet, den Highway zu verlassen. Mitten in der australischen Wüste. Im Krankenhaus auf den Philippinen, wo er nach einem schweren Unfall mit mehreren Knochenbrüchen landet. Und ganz oft, erzählt Armando Basile, treffe er tolle Menschen, die ihm weiter helfen. Der Biker aus dem Badischen wurde ungezählte Male eingeladen – zum Essen, auf einen Haarschnitt, zum Übernachten im Hotel oder bei Wildfremden.
Dirk Basile erzählt, dass er während der monatelangen Reisen seines Vaters mitunter täglich E-Mails bekomme von jenen Leuten, die vom Papa mit einer Kopie versorgt worden sind. Meistens wisse er so exakt, wo der Vater gerade radelt. Und weil Armando Basile viele seiner Touren immer wieder macht, erhält der Sohn auch immer wieder Anfragen von Menschen aus aller Herren Länder: „Wann kommt dein Vater denn mal wieder vorbei?“
Warum nur ist aus dem 1947 geborenen Armando Basile so ein fanatischer Biker geworden? Aus dem Kind, das damals in Apulien maximal ein paar Kilometer weit bis zum Strand geradelt ist. Aus dem Jugendlichen, der in Italien immer nur Fußball spielen wollte und später, nach seiner Übersiedelung ins Süddeutsche, in der Hazienda Bar im Heitersheimer Nachbarort Wettelbrunn lieber das Tanzbein schwang als radelte. Mit Bikes hatte Armando Basile lange Zeit überhaupt nichts am Hut. Eine Biker-Schirmmütze aufzusetzen wie jetzt, das wäre ihm damals nie in den Sinn gekommen.
Ende der 1970er Jahre hat er auf dem Bau geschuftet wie ein Verrückter. Als Maurer, Gipser, Gerüstbauer. Manchmal 300 Stunden im Monat, erzählt Armando Basile. Eines Tages habe er sich mit fürchterlichen Rückenschmerzen zum Arzt geschleppt. Und der riet seinem Patienten, regelmäßig zu schwimmen. Oder zumindest Rad zu fahren.
„Kacheln zählen im Heitersheimer Freibad war mir zu langweilig“, sagt Basile. Dann eben das Rad! Und wie! Bis dato war die kleine Familie jeden Sommer mit dem Auto in Basiles alte Heimat gefahren. 1983 indes verkündete der Papa: „Diesmal fahren wir nach Paris – mit den Fahrrädern.“ Widerrede zwecklos. Armando Basile unternahm seine allererste Biketour auf einem Damenrad. Mit einem anderen Rad, sagt er, hätte er wegen der Rückenbeschwerden gar nicht fahren können. Auch diese Premiere lässt sich im Kalender von 1983 genau nachvollziehen: „23. Juli, erster Tag, 160 Kilometer“, ist da zu lesen. Genächtigt wurde im Hotel Restaurant de la Paix in Port sur-Saone.
Seit dem Tod seiner Frau steigt er nicht mehr in Hotels ab. Er hat immer ein Zelt im Gepäck und nächtigt gerne unter freiem Himmel. Manchmal direkt neben der Autobahn, mitunter auf Verkehrsinseln oder sonst wo, auf einer Wiese oder in einem Vorgarten. Viel Geld benötige er nicht. Er komme mit 15 Euro am Tag aus, sagt er. Seine Lieblingsspeisen unterwegs? Schnelle Antwort: „Nudeln mit Bohnen. Und Bananen.“
Auf seinen Reisen um die Welt hat Armando Basile viele nette Menschen kennengelernt. Und nie schlechte Erfahrungen gemacht? „Doch klar.“ Er ist viermal überfallen worden – in Bangladesch, in Indien, in Sri Lanka. Die übelste Attacke habe er nachts in einem Nest in der Türkei erlebt. Er wurde vom Rad gestoßen und von zwei Männern, „wahrscheinlich Bulgaren“, durch Tritte und Schläge schwer verletzt. Das schönste Land zum Radfahren, sagt Basile, sei Frankreich. Weil die Straßen nicht so voll sind und „weil alle paar Kilometer ein Dorf kommt“. Die schlechtesten Erfahrungen als Biker habe er in Bangladesch gemacht, auch wegen der schlimmen Staus auf den riesigen Straßen.
Armando Basile zieht einen dicken Stapel Farbfotos aus einer Schublade und schmunzelt dabei. Auf jedem der Bilder ist er zu sehen – entweder mit einer hübschen Frau oder neben einem schnellen Auto. Sein Vater, sagt Dirk Basile, bitte die Menschen überall darum, solche Aufnahmen zu machen und dann per E-Mail oder WhatsApp dem Sohnemann im Badischen zu schicken.
Wann hört die schier unendliche Reise des Armando Basile auf? „Vielleicht, wenn ich 100 werde“, sagt er. Sobald das Wetter beständig gut sei, werde er wieder starten. Wohin? Das weiß niemand, noch nicht mal er selbst. Vielleicht nach Spanien, sagt er. Kürzlich hat er sich Straßenkarten von ein paar Ländern gekauft, die er noch nicht beradelt hat. Brasilien gehört dazu. Japan oder Mexiko wären auch mal eine Reise wert.