Armutsforscher kritisiert Ungleichheit Arm bleibt arm, reich bleibt reich

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Die Diskrepanz zwischen Vermögenden und Armen scheint in Deutschland betoniert zu sein: Ärmere haben geringere Aufstiegschancen, und Vermögende können kaum absteigen. Darunter leidet auch die Mittelschicht.

Kinder leiden am stärksten unter Bedürftigkeit. Foto: dpa
Kinder leiden am stärksten unter Bedürftigkeit. Foto: dpa

Stuttgart - Jeder Sechste in Deutschland ist von monetärer Armut bedroht: 13,4 Millionen Menschen oder 16,7 Prozent der Bevölkerung verfügen nach einer EU-Definition über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung. Vor einem Jahr lag dieser Schwellenwert der Armutsgefährdung bei 1033 Euro im Monat für eine alleinstehende Person. Das Statistische Bundesamt nennt als Armutsgefährdungsquote einen etwas geringeren Wert von 15,7 Prozent – Tendenz jedoch steigend.

Nach Erkenntnissen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) verfestigt sich die Ungleichheit gerade an den Rändern bei den niedrigen und ganz hohen Einkommen. „Die Chance des Aufstiegs aus geringem Einkommen in die Mittelschicht ist gesunken – zugleich ist die Wahrscheinlichkeit, aus dem Kreis der reichsten zehn Prozent abzusteigen, geringer geworden“, sagte DIW-Armutsforscher Markus Grabka dieser Zeitung. „Individuelle Auf- und Abstiege finden immer weniger statt.“

Wenig bekannt über das Ausmaß des Reichtums

Der als Entwurf bekannt gewordene fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hatte bestätigt, dass die obersten zehn Prozent der Haushalte mehr als 60 Prozent des gesamten Nettovermögens besitzen, während die Haushalte in der unteren Hälfte über nur ein Prozent verfügen. Grabka, der an dem Bericht mitwirkt, mahnt zur Vorsicht: „Über das wahre Ausmaß des Reichtums wissen wir in Deutschland herzlich wenig.“ Multimillionäre und Milliardäre kämen in der schwachen Datenbasis faktisch nicht vor. Demnach wäre die Diskrepanz noch größer. Mit dem Vermögen wachsen auch die Wahrscheinlichkeit und Höhe von Schenkungen und Erbschaften, was die Ungleichheit ebenso festigt. Die ärmsten 40 Prozent auf der Einkommensskala haben laut DIW fast kein Vermögen oder Schulden. Wo zwei Personen pro Haushalt erwerbstätig seien, zeige sich ein verschwindend geringes Armutsrisiko. Am ehesten tangiert seien davon die Alleinerziehenden, die oft Teilzeit oder in prekärer Beschäftigung arbeiten.

Flüchtlinge tauchen in Armutsstatistik kaum auf

Noch nicht ins Gewicht fallen die vielen Flüchtlinge, die seit Mitte 2015 ins Land gekommen sind. Armutsquoten würden stets auf Personen in Privathaushalten bezogen, sagt Grabka. Flüchtlinge könnten in dieser Statistik noch nicht auftauchen, weil sie nur langsam in Privathaushalte wechseln und Grundsicherung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen. Dort sei ihre Zahl bisher um annähernd 200 000 gestiegen, was aber angesichts von 8,5 Millionen Leistungsbeziehern einen verschwindend geringen Anteil ausmache.

Die Zunahme der Armutsgefährdung in Westdeutschland, wo jeder Siebte davon betroffen ist, ist eher auf innereuropäische Zuwanderung speziell aus Bulgarien und Rumänien zurückzuführen. „Migranten haben immer ein höheres Armutsrisiko“, sagt der DIW-Experte. Doch sei auch bei ihnen in den vergangenen Jahren kein starker Anstieg zu verzeichnen gewesen. Manche Nationalitäten wie Polen hätten sogar eine relativ hohe Erwerbsquote.

Drei Gesichter der Armut

Nach dem Armuts- und Reichtumsbericht gehört Deutschland im EU-Vergleich nicht zur Gruppe der Länder mit den geringsten Armutsrisikoquoten von Kindern – die Skandinavier sind da klar besser. Dennoch fällt das Armutsrisiko für Kinder hierzulande unterdurchschnittlich aus: Während 2015 in der Europäischen Union nach einer EU-Statistik 21,1 Prozent aller Personen unter 18 Jahren als armutsgefährdet galten, waren es in Deutschland 14,6 Prozent.

Bei den 18- bis 34-Jährigen liegt die Armutsrisikoquote mit 19,2 Prozent um fünf Prozentpunkte höher als in der Gesamtbevölkerung. Dies hat mit der stärkeren Gefährdung der 18- bis 24-Jährigen zu tun, die im Vergleich die höchsten Risikoquote haben, weil junge Erwachsene über kaum individuelles Nettovermögen verfügen.

Besonders jüngere Erwachsene mit Migrationshintergrund tun sich schwer damit, der Gefährdung zu entkommen. Sie leben zwar häufiger in größeren Haushalten, die wirtschaftliche Stabilität bringen, und sind seltener alleinerziehend. Doch sind sie auch öfter von Erwerbslosigkeit betroffen.

Ein weiteres Gesicht der Armut ist nach landläufiger Einschätzung die Gruppe der Senioren: Dabei sind die mindestens 65-Jährigen durchschnittlich weniger von Armutsgefährdung betroffen als die Gesamtbevölkerung. Die viel diskutierte Altersarmut wird wohl eher in der Zukunft eintreffen.