Arne Braun zur Popbranche „Jetzt kommt die Kraft im Pop zurück“

Arne Braun will die Popmusikförderung in Baden-Württemberg neu ausrichten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Konferenz About Pop fühlt an diesem Samstag der Branche auf den Puls. Neben Musik und Poptheorie geht es dabei ums Geld. Der Kulturstaatssekretär Arne Braun will die Popförderung neu aufstellen. Er erklärt, was das für die Hochkultur bedeutet.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Der Kulturstaatssekretär Arne Braun schreibt im Begleitheft zur am Samstag in Stuttgart stattfindenden About Pop: „Pop ist allgegenwärtig, Pop hat die Kraft, uns zu erreichen, zu berühren, in andere Sphären zu entführen, glücklich zu machen. Gerade wegen dieser Momente war ich schon immer Fan.“ Der 58-Jährige wird bei der Mischung aus Konferenz und Festival dabei sein, und er redet in einem Dialogprozess derzeit viel mit der Branche über das „Popländ“ Baden-Württemberg. Schon jetzt sei klar, dass es „eine verlässliche und zeitgemäße Förderung braucht“. Grund genug, um über genau diese Themen zu sprechen.

 

Herr Braun, Popsozialisierte wie Sie sind nach ihrem Marsch durch die Institutionen mittlerweile in Spitzenämtern angekommen. Treffen Sie oft auf Gleichgesinnte?

Unter den Kulturpolitikern gibt es ja schon immer wieder einige Köpfe mit ungewöhnlichen Lebensläufen, nehmen Sie Claudia Roth, den ehemaligen Berliner Kultursenator Klaus Lederer oder jetzt Joe Chialo. Ein bisschen Nerd- und Fantum gehört da vielleicht einfach dazu. Bei mir fing’s an, als ich um 1980 Punk und New Wave für mich entdeckte, da landeten meine Platten mit dem ganzen Hitparaden-Zeug im Mülleimer. Und diesen Drang, Neues zu entdecken und ausgetretene Pfade zu verlassen, will ich mir unbedingt beibehalten. Als wir im vergangenen Jahr die bayerische Pop-Brass-Band „La Brass Banda“ im Park der Villa Reitzenstein hatten, hat die Band gesagt: „Der Söder würde das nie machen, uns am Regierungssitz spielen zu lassen!“

Haben Politiker einfach keine Zeit, auf Konzerte zu gehen?

Für Kulturpolitiker ist es eigentlich eine heilige Pflicht, und das kann auch manchmal ganz schön hart sein, ist es in Wahrheit aber meistens nicht. Zeit ist der begrenzende Faktor. Aber wenn wir jetzt erleben, wie die Demokratie zunehmend unter Stress gerät, die gesellschaftlichen Kräfte Auseinanderdriften, glaube ich: Kultur muss in den Fokus und ist mittlerweile ein hartes politisches Thema. Und man kann in diesem Bereich wirklich gestalten und ermöglichen – und sei es das Öffnen neuer Räume für Menschen und Kultur wie die Temporären Theater-Terrassen vor dem Opernhaus.

Reden wir über die Kulturförderung in Baden-Württemberg. Vor 20 Jahren wurde in Mannheim die Popakademie gegründet. Was hat die Regierung Späth damals richtig gemacht?

Als Redakteur beim Stadtmagazin Lift habe ich damals kritisiert, Pop könne man nicht akademisieren. Mittlerweile sehe ich das anders. Bei der Popakademie in Mannheim lernen Kreative sowohl ihr Handwerk und ihre Kunst, als auch das Geschäft. Und am Ende entwickeln sich hervorragende Künstler wie z.B. Konstantin Gropper, Joris oder Engin.

Gleichzeitig sterben seit Jahren kleinere Spielstätten …

… und in soziokulturellen Zentren spielen Bands wie Die Zimmermänner oder Fehlfarben mit staatlicher Unterstützung vor nur wenigen Besuchern. Da muss man sich etwas überlegen. Wenn ich unterwegs im Land bin, stelle ich immer wieder die Frage: „Welches Programm macht ihr, mit welchen Mitteln, an welchem Ort, zu welchem Zeitpunkt und für welches Publikum?“ Aufgabenkritik gehört immer dazu …

Überaltert das Publikum der geförderten Popbühnen?

Nein, im Merlin, in der Manufaktur oder im Karlstorbahnhof in Heidelberg sind ja die Jungen. Diese Häuser werden durch Förderung ermächtigt, Programm zu machen. Und wenn niemand kommt, haben die auch ein Problem - trotz Förderung.

Sie wollen mit einem Dialogprozess die Popmusikförderung neu aufstellen. Gibt es schon Ergebnisse?

Wir haben zum Auftakt etwa 150 Veranstalter, Künstler, Clubbetreiber, Musiker und Betreiber von Kultureinrichtungen aus ganz Baden-Württemberg gefragt, wo der Schuh drückt, was sie brauchen und was sie erwarten. Ich habe zunächst mal rausgehört, dass vielen Anerkennung und Wertschätzung wichtig ist, etwa dass es keine wertende Trennung von Pop- und Hochkultur mehr geben soll. Außerdem geht’s vielen um Infrastruktur, die vor Ort unterstützt, Räume zur Verfügung stellt und Veranstaltungen ermöglicht.

Ums Geld geht es dabei nicht? Der Finanzminister Danyal Bayaz ist ja auch sehr popaffin. Da müssten neben anderthalb Milliarden für die Sanierung der Stuttgarter Oper doch ein paar Millionen für Pop drin sein?

Es geht ums Geld, aber nicht nur. Wichtig sind auch die Fragen von Zugang, Öffnung, Dialog und Förderung. Wie finden wir diese Wege? Wie erreichen wir neue Zielgruppen? Und welche Mittel verteilen wir für was? In den nächsten Schritten werden wir auch die klassische Kultur mit einbinden, uns um die jungen Zielgruppen kümmern, die ländlichen Räume besuchen und nach Berlin in die Landesvertretung Baden-Württemberg gehen. Ich glaube nicht, dass es darum gehen wird, Künstlerinnen und Künstler direkt zu alimentieren. Bei allem wollen wir es nicht zentralistisch aufziehen wie in Bayern, sondern die vorhandene Netzwerkstruktur mit regionalen Einheiten wie den Popbüros ausbauen.

Wenn E- und U-Musik nicht mehr zu trennen sind, verschieben sich dann auch die Gewichte bei der Kulturförderung?

Veränderung gibt es immer – auch in der Kulturförderung. Aber Förderung muss in erster Linie inhaltlich begründet sein, nicht formal.

Sind Besucherzahlen Ihr Maßstab?

Es geht nicht nur um Quantität, sondern auch um Relevanz, aber damit müssen sich in erster Linie die Programmmachenden beschäftigen. Sie müssen ausprobieren, manchmal gehört auch Scheitern dazu. Auch das, was wir damals 1980 gehört haben, war nicht immer schön, aber trotzdem ab und zu mal relevant.

Hat Pop diese Relevanz heute noch?

Pop erlebt im öffentlichen Diskurs im Moment eine große Wahrnehmung. Dazu trägt auch die About Pop an diesem Wochenende bei. Der Popbüro-Leiter Walter Ercolino schiebt da sehr viel an. Und das tut auch gut: Als ich vor neun Monaten das Amt als Kunststaatssekretär übernommen hatte, gab es große Ängste in der Szene angesichts der Pandemie, des Kriegs und der Energiekrise. Jetzt spüren wir, wie die Kraft in der Kultur im Allgemeinen und im Pop im Speziellen zurückkommt. Bis zur About Pop 2024 wollen wir die Ergebnisse aus unserem Dialogprozess dann so zusammenbinden, dass am Ende daraus ein politischer Auftrag folgt.

Das Programm der About Pop am Samstag

Event
Die About Pop findet an diesem Samstag von 13 bis 23 Uhr auf dem Wizemann-Areal statt. Das Programm ist eine Mischung aus Konferenz und Festival. Die After-Show-Party findet im Club Fridas Pier statt. Tickets kosten 40 Euro, das Programm ist zu finden unter www.aboutpop.de .

Konferenz
 In elf Räumen wird diskutiert, vernetzt und gemeinsam gearbeitet. Es geht um Konzepte für Veranstalter und „Die Vermessung des Stuttgarter Nachtlebens“. Diskutiert wird unter anderem über die 1990er als Popjahrzehnt, die Rolle der Mode im Pop oder auch über das Verschwinden des Popfeuilletons.

Festival
 Das Musikprogramm versammelt junge Künstler und will ein Kaleidoskop zeitgenössischer Popmusik sein. Internationale Künstler treffen auf lokale Acts. Zu den Highlights im Programm zählen Mareux (19 Uhr) und Boy Harsher (23 Uhr), die in der Wizemann-Halle auftreten. Im kleineren Club darf man sich unter anderem auf Flawless Issues (17 Uhr) und Die Nerven freuen. Laima Adelaide präsentiert um 20 Uhr ein eigens für die About Pop konzipiertes Programm.

Staatssekretär
 Arne Braun war bis 2007 Chefredakteur des Stadtmagazins „Lift“. Über die Grünen-Fraktion ging er als stellvertretender, dann hauptamtlicher Regierungssprecher in die Politik. Seit September 2022 ist er Kulturstaatssekretär. jgp

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