Vor fast dreieinhalb Jahrzehnten hat sich ein Tübinger aus Protest gegen die Atompolitik der Bundesregierung öffentlich verbrannt.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Reutlingen - Hamburg an einem nebligen Buß- und Bettag. Um 12.20 Uhr, während die SPD in der Nähe einen Bundesparteitag abhält, übergießt sich in der Mönckebergstraße ein hagerer Mann mit fünf Litern Benzin und zündet sich an. Als menschliche Fackel läuft er in Richtung Petrikirche, nach wenigen Metern bricht er zusammen. Jede Rettung kommt zu spät; am 21. November 1977 stirbt Hartmut Gründler an seinen Verbrennungen.

Gründlers Freitod ist, wie es in seinem Abschiedsbrief heißt, "die letzte, äußerste Form des Protestes". Gründler protestiert aufs Letzte, Äußerste gegen die Atompolitik der Bundesregierung. Dem Kanzler Helmut Schmidt wirft er "grobe Irreführung" und die Verweigerung eines Dialogs mit den kritischen Bürgern vor. Gründler setzt "ein Flammenzeichen gegen ein Unrecht", von dem er die ganze Menschheit bedroht sieht.

Als die Nachricht der Selbstverbrennung den SPD-Parteitag erreicht, erklärt Helmut Schmidt, er lasse sich von seinem Atomkurs nicht durch einen "wohlmeinenden Idealisten" abbringen. Er handle nach Verantwortungsethik, die Gesinnungsethik sei auf den privaten Bereich beschränkt und habe in der Politik nichts verloren.

Fast dreieinhalb Jahrzehnte später sitzt Wilfried Hüfler, 77, in seinem Wohnzimmer im Reutlinger Teilort Mittelstadt, den Krückstock neben sich auf dem Sofa. Hätten sich die Bürger nicht gegen die Politik von Schmidt und Konsorten gewehrt, sagt Hüfler, würden er und seine Frau Friedhild-Maria längst nicht nur auf die Achalm blicken, sondern auch auf ein AKW. Mitte der 70er Jahre organisierte das Lehrerpaar den Widerstand gegen den geplanten Kraftwerkbau an der Gemarkungsgrenze zum Nachbarort Reicheneck; in dieser Zeit lernten die beiden Gründler kennen. "Hartmut war ein Anwalt der Redlichkeit", sagt Hüfler. "Wir tragen eine Mitschuld an seinem Tod, weil wir zu jenen gehören, die ihn nicht genügend unterstützt haben."

Der Kampf gegen die Atomlobby bestimmt seine Existenz

Am 11. Januar 1930 wird Hartmut Gründler im hessischen Dorf Hümme als Sohn eines Pfarrers geboren. Nach dem Abitur macht er eine Maurerlehre, anschließend eine pädagogische Ausbildung zum Volksschullehrer. In den 60er Jahren kommt er zum Studium der Psychologie und Sprachwissenschaft nach Tübingen, nach der Magisterprüfung beginnt er mit der Promotion zu einem linguistischen Thema.

Ein Vortrag des Physikers Harald Stumpf mit dem Titel "Überleben im Atomzeitalter" wird für ihn zum Erleuchtungserlebnis. Mit der indischen Philosophie in seinem geistigen Gepäck macht sich der Gandhi-Anhänger Gründler auf seinen Weg zur Wahrheit, die er im Sinne seines spirituellen Vorbilds auch politisch versteht. Gründler gibt seine bürgerlichen Ziele auf - Doktortitel, Lehrerstelle, Ehefrau, Nachkommen. Der Kampf gegen die "Verlogenheit der Atomlobby" bestimmt fortan seine Existenz. "Es ist entehrend, sich zu belügen", sagt er, "aber es ist auch ehrlos, sich belügen zu lassen."

Kluge Worte reichen nicht

In Tübingen gründet Gründler den "Bund für Umweltschutz", überwirft sich aber nach kurzer Zeit mit seinen marxistisch-leninistischen Komplizen, weil diese nicht gewillt sind, sein Diktum der Gewaltfreiheit zu akzeptieren. Gründler initiiert daraufhin den "Arbeitskreis Lebensschutz". Die zehnköpfige Gruppe trifft sich im evangelischen Schlatterhaus, diskutiert Probleme und formuliert Manifeste. Dem Schrittmacher Gründler reichen kluge Worte nicht, er fordert mutige Taten. "Wie viel Entschlossenheit steht hinter unseren Entschließungen?", fragt er immer wieder.

Gründler sucht in verschiedenen politischen Lagern nach Mitstreitern. "Schwarz-Weiß-Gemälde von Kapitalisten, Faschisten, Marxisten werden der bunten Wirklichkeit nicht gerecht." Er erzählt einem CSU-Bundestagsabgeordneten von seiner Hoffnung, "dass alle Kräfte sich gegen den Fortschrittswahn verbünden könnten". Einem kommunistischen Wortführer schreibt er: "Vor der Größe unserer historischen Herausforderung sind selbst so große Geister wie Marx, Engels und Mao noch immer nicht groß genug. Nicht, daß du ein Radikaler bist, bekümmert mich - im Gegenteil: daß du noch nicht radikal genug bist. Gandhi ist radikaler als Marx."

Der erste Hungerstreik

In seiner engen Kammer, Österbergstraße 7, haust Gründler wie ein Einsiedler. Die Einrichtung ist spartanisch, Bücher stapeln sich bis unter die Decke. Es riecht nach der Druckerschwärze von Flugblättern, die er primitiv mit Matrize selbst abzieht und verteilt. Wie ein Gespenst steht der spindeldürre Mann nachmittags auf der Neckarbrücke und drückt vorbeiziehenden Passanten seine Botschaften in die Hand.

Die halbe Nacht verfasst er Briefe - an Physiker, Publizisten, den Papst und Politiker. Als entscheidenden Konfliktpartner (der Linguist Gründler vermeidet das Wort "Gegner") identifiziert er Helmut Schmidt. Zigfach schreibt er an den Bundeskanzler, nie erhält er eine Antwort. "Unsere Gegenwart zeigt eine eigentümliche Machtlosigkeit des Arguments und damit der Wissenschaft", klagt Gründler. "Die Bibel nennt ein derartiges Verhalten ,Verstockung'."

Gründler sucht nach Möglichkeiten, Reaktionen zu erzwingen. In der Weihnachtszeit lässt er sich in der Stuttgarter Stiftskirche an eine Säule ketten und Flugblätter verteilen: "Wir brechen den Frieden eines Gotteshauses, weil wir auf den Scheinfrieden und Unfrieden um uns her hinweisen wollen." Polizeibeamte sägen die Kette auf, die Gemeinde singt "Herr, erbarme dich", der Pfarrer predigt aus dem Buch Jesaja, und die Stuttgarter Zeitung meldet am folgenden Tag nüchtern: "Gegenwärtig wird geprüft, ob die Protestaktion gemäß Paragraph 17 des Strafgesetzbuches als ,Störung der Religionsausübung' anzusehen ist."

Im Juli 1975 tritt Hartmut Gründler erstmals nach Gandhis Vorbild in den Hungerstreik. Von seinem Reutlinger Mitstreiter Wilfried Hüfler leiht er sich dessen VW Käfer und fährt ins Breisgau. Als Schauplatz seiner demonstrativen Nahrungsverweigerung wählt er den von Bürgerinitiativen besetzten Bauplatz des AKW Whyl-Weisweil. Von der abgeholzten Lichtung im Rheinwald aus will Gründler den Bonner Forschungsminister Hans Matthöfer (SPD) dazu nötigen, in einer Wanderschau "die volle Wahrheit" über die nukleare Herstellung von Strom unters Volk zu bringen. Zunächst nimmt Gründler noch Frucht- und Gemüsesäfte zu sich, dann nur Wasser.

Die radikale Entschlossenheit treibt ihn in die Isolation

Nach drei Wochen kommt eine frohe Kunde aus Matthöfers Büro: Der Herr Minister rege einen "Bürgerdialog Kernenergie" an. Gründler beendet seinen Hungerstreik. Er glaubt, etwas erreicht zu haben - und muss bald erkennen, dass der "Bürgerdialog" nur der Beschwichtigung der Atomkraftkritiker dient, da alle Entscheidungen unabhängig davon bereits gefasst waren. Im Bundestag erklärt Matthöfer, dass die sozialliberale Koalition an den Plänen zum Ausbau der Atomkraft festhalte.

Am 2. Dezember 1976, anlässlich einer bevorstehenden Regierungserklärung von Helmut Schmidt, beginnt Gründler erneut in aller Öffentlichkeit damit, feste Kost zu verweigern. Bei seinem "unbefristeten Besinnungsfasten" in Kassel sitzt ihm der örtliche Philosophieprofessor Johannes "Joe" Seiffert mit Schnauzbart und Westerngitarre zur Seite - bis am zwölften Tag eine erfolgversprechende Nachricht aus dem Kanzleramt eintrifft: Die Regierung werde, so kündigt die Parlamentarische Staatssekretärin Marie Schlei an, neue AKWs nur dann genehmigen, wenn die Endlagerung des radioaktiven Abfalls geklärt sei. Gründler unterbricht daraufhin seine Nulldiät. Wenig später bereut er diesen Schritt; die Politik habe ihn wieder "getäuscht und enttäuscht".

Gründler ist bewusst, dass der emotionale Druck begrenzt ist, den er als alleinstehender Mann durch sein selbstzerstörerisches Tun erzeugen kann. Im August 1977 fordert er die Stuttgarter Gesinnungsgenossin Elisabeth Plattner dazu auf, "mit einigen anderen Frauen, Müttern, Großmüttern" direkt vor dem Bundeskanzleramt in den Hungerstreik zu treten: "Wie viele Publizisten in Bonn, in Brüssel und anderswo warten auf ein solches Bild!" Die Pädagogin Plattner gibt ihm einen Korb. "Da wir Leben schützen wollen, dürfen wir nicht das eigene Leben aufs Spiel setzen", meint sie.

Seine radikale Entschlossenheit treibt Gründler zunehmend in die Isolation, der Preis für seinen Idealismus ist die Einsamkeit. Niemand, auch nicht er selbst, ist seinen Ansprüchen gewachsen: "Ich bin überfordert, nachgerade chronisch, und meine Freunde überfordere ich fast noch mehr."

Ein Aufruf zur Wachsamkeit

"Er folgte einem höheren Ziel"

Beim SPD-Parteitag in Hamburg plant Gründler zunächst einen weiteren Hungerstreik. Der konservative Staatswissenschaftler und erklärte Atomkraftgegner Walther Soyka sagt zu, ihm einen Raum für die Protestaktion zur Verfügung zu stellen und die Medien zu unterrichten. Kurz vor dem Parteitag wird der Plan durchkreuzt: Soykas Frau Wilma will ihren Kindern den Anblick eines abgemagerten Mannes ersparen.

Am 14. November 1977 produziert Gründler ein doppelseitig bedrucktes DIN-A5-Flugblatt, betitelt: "Bitte weiterreichen! Bitte verständigen Sie rasch einen Publizisten aus Presse, Funk, Fernsehen! Auch an Bundestagsabgeordnete!!! - Selbstverbrennung eines Lebensschützers - Appell gegen atomare Lüge." So als ginge es gar nicht um ihn selbst, schreibt er in der dritten Person: "Gründler nennt seine Aktion eine Tat nicht der Verzweiflung, sondern des Widerstandes und der Entschlossenheit. Er will dem Sachzwang der Profitgier, des Dummenfangs, der Überrumpelung hier, der Trägheit und Feigheit dort einen Sachzwang des Gewissens entgegensetzen."

Am 27. November 1977 findet in der Hamburger Hauptkirche St. Petri eine Trauerfeier für den Selbstmörder Hartmut Gründler statt. Der Leichnam wird auf dem Tübinger Bergfriedhof beigesetzt. Testamentarisch hatte Gründler verfügt, dass Bundeskanzler Schmidts Buch "Als Christ in der politischen Entscheidung" auf seinen Sarg genagelt werde. Man wählt das angesengte Exemplar, mit dem er am Buß- und Bettag als menschliche Fackel durch Hamburgs Mönckebergstraße gelaufen war. Auf seinem Grabstein steht: "Ein Leben in Wahrheit. Ein Tod gegen die Lüge."

Es liegt nahe, in Gründler einen Fantasten, einen Fanatiker oder einen Geisteskranken zu sehen. Man kann in ihm aber auch wie sein Weggefährte Wilfried Hüfler einen Menschen erkennen, "der von sich selbst abgesehen hat, um einem höheren Ziel zu folgen". Die Selbstverbrennung, sagt Hüfler, wirke bis heute als Aufruf zur Wachsamkeit nach, zu einem geschärften Misstrauen gegenüber offiziellen Verlautbarungen. Unabhängig davon, wie man Gründlers Vorgehen bewertet, offenkundig ist: Seine Befürchtungen haben sich neun Jahre nach seinem Freitod in Tschernobyl und gegenwärtig in Fukushima bewahrheitet.

Nun geht das atomare Zeitalter in Deutschland zu Ende. Hartmut Gründler verkündete einst: "Das scheinbare Scheitern ruft bessere, stärkere Kräfte auf den Plan - es gibt Niederlagen, die den Keim zum Siegen in sich tragen."