Atomprotest Das scheinbare Scheitern

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Vor fast dreieinhalb Jahrzehnten hat sich ein Tübinger aus Protest gegen die Atompolitik der Bundesregierung öffentlich verbrannt.

Ein Bild aus der Zeitschrift Leben und Umwelt, Ausgabe 1/1977: Hartmut Gründler beim unbefristeten Fasten , neben ihm, mit Schnauzbart und Westerngitarre, der Philosophieprofessor Johannes Joe Seiffert Foto: privat 3 Bilder
Ein Bild aus der Zeitschrift "Leben und Umwelt", Ausgabe 1/1977: Hartmut Gründler beim "unbefristeten Fasten" , neben ihm, mit Schnauzbart und Westerngitarre, der Philosophieprofessor Johannes "Joe" Seiffert Foto: privat

Reutlingen - Hamburg an einem nebligen Buß- und Bettag. Um 12.20 Uhr, während die SPD in der Nähe einen Bundesparteitag abhält, übergießt sich in der Mönckebergstraße ein hagerer Mann mit fünf Litern Benzin und zündet sich an. Als menschliche Fackel läuft er in Richtung Petrikirche, nach wenigen Metern bricht er zusammen. Jede Rettung kommt zu spät; am 21. November 1977 stirbt Hartmut Gründler an seinen Verbrennungen.

Gründlers Freitod ist, wie es in seinem Abschiedsbrief heißt, "die letzte, äußerste Form des Protestes". Gründler protestiert aufs Letzte, Äußerste gegen die Atompolitik der Bundesregierung. Dem Kanzler Helmut Schmidt wirft er "grobe Irreführung" und die Verweigerung eines Dialogs mit den kritischen Bürgern vor. Gründler setzt "ein Flammenzeichen gegen ein Unrecht", von dem er die ganze Menschheit bedroht sieht.

Als die Nachricht der Selbstverbrennung den SPD-Parteitag erreicht, erklärt Helmut Schmidt, er lasse sich von seinem Atomkurs nicht durch einen "wohlmeinenden Idealisten" abbringen. Er handle nach Verantwortungsethik, die Gesinnungsethik sei auf den privaten Bereich beschränkt und habe in der Politik nichts verloren.

Fast dreieinhalb Jahrzehnte später sitzt Wilfried Hüfler, 77, in seinem Wohnzimmer im Reutlinger Teilort Mittelstadt, den Krückstock neben sich auf dem Sofa. Hätten sich die Bürger nicht gegen die Politik von Schmidt und Konsorten gewehrt, sagt Hüfler, würden er und seine Frau Friedhild-Maria längst nicht nur auf die Achalm blicken, sondern auch auf ein AKW. Mitte der 70er Jahre organisierte das Lehrerpaar den Widerstand gegen den geplanten Kraftwerkbau an der Gemarkungsgrenze zum Nachbarort Reicheneck; in dieser Zeit lernten die beiden Gründler kennen. "Hartmut war ein Anwalt der Redlichkeit", sagt Hüfler. "Wir tragen eine Mitschuld an seinem Tod, weil wir zu jenen gehören, die ihn nicht genügend unterstützt haben."

Der Kampf gegen die Atomlobby bestimmt seine Existenz

Am 11. Januar 1930 wird Hartmut Gründler im hessischen Dorf Hümme als Sohn eines Pfarrers geboren. Nach dem Abitur macht er eine Maurerlehre, anschließend eine pädagogische Ausbildung zum Volksschullehrer. In den 60er Jahren kommt er zum Studium der Psychologie und Sprachwissenschaft nach Tübingen, nach der Magisterprüfung beginnt er mit der Promotion zu einem linguistischen Thema.

Ein Vortrag des Physikers Harald Stumpf mit dem Titel "Überleben im Atomzeitalter" wird für ihn zum Erleuchtungserlebnis. Mit der indischen Philosophie in seinem geistigen Gepäck macht sich der Gandhi-Anhänger Gründler auf seinen Weg zur Wahrheit, die er im Sinne seines spirituellen Vorbilds auch politisch versteht. Gründler gibt seine bürgerlichen Ziele auf - Doktortitel, Lehrerstelle, Ehefrau, Nachkommen. Der Kampf gegen die "Verlogenheit der Atomlobby" bestimmt fortan seine Existenz. "Es ist entehrend, sich zu belügen", sagt er, "aber es ist auch ehrlos, sich belügen zu lassen."

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