Aues Trainer Domenico Tedesco Die Rückkehr zum VfB Stuttgart

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Der italo-schwäbische Trainer Domenico Tedesco hat den FC Erzgebirge aus dem Zweitligakeller geholt. Am Sonntag kehrt der 31-Jährige für eine Partie zum VfB zurück.

Domenico Tedesco ist von Aue begeistert und der Club vom jungen Trainer. Foto: dpa
Domenico Tedesco ist von Aue begeistert und der Club vom jungen Trainer. Foto: dpa

Aue - Wer nach Aue kommt, wird nach alter Bergmanns Sitte begrüßt. „Willkommen im Schacht“ steht auf der Brücke gesprayt , die über die Bundesstraße 169 führt. In lila und weißen Buchstaben. Den Vereinsfarben des FC Erzgebirge, dessen Stadion gleich hinter dem Ortseingang wirklich nicht zu verfehlen ist. Dort wo sich Fußball und Bergbau zu einer gemeinsamen Kultur vermischt, heißt es auch „Glück auf“ statt „Guten Tag“. „Kumpelverein“ nennt sich der sächsische Club. „Hier wird noch Tradition gelebt“, sagt Domenico Tedesco.

Im März wurde der Schwabe mit italienischer Familiengeschichte in Aue mit offenen Armen empfangen. Und jetzt will man den neuen Trainer gar nicht mehr loslassen, nachdem der 31- Jährige den Verein aus dem Keller geholt hat. Beim Tabellenletzten war damals ja eigentlich schon Schicht im Schacht. Der Nachfolger von Pavel Dotchev sollte eher dafür sorgen, dass die Mannschaft nach dem erwarteten Abstieg in der dritten Liga nicht komplett auseinanderbricht.

Doch Tedesco hat das Team einfach gleich zusammengeschweißt. Acht Spiele und spektakuläre 17 Punkte später steht der FC Erzgebirge Aue plötzlich auf dem 13. Platz und reist nun mit viel Zuversicht auch zum Spiel beim VfB. Vor der Abfahrt ins 420 Kilometer entfernte Stuttgart werden sich dann wieder die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle am Teambus versammeln und den Spielern winken und viel Glück wünschen. Und der Trainer wird umarmt. „Das ist bewegend und motivierend“, sagt Tedesco, der hier von jedem geduzt und „Domenigoh“ genannt wird.

„Der Trainer hat die Zuversicht mitgebracht“, sagt Peter Höhne. Wahrscheinlich kann die Befindlichkeiten rund um den Verein keiner so gut einschätzen wie der Pressesprecher. Höhne war schon dabei, als der FC Erzgebirge noch Wismut Aue hieß und in der DDR-Oberliga spielte. Zu einer Zeit, als rund um die Kreisstadt zwischen Plauen und Chemnitz noch im großen Stil Uranerz für sowjetische Atombomben aus der Erde geholt wurde. Daran erinnern heute noch Besucherbergwerke und das Unternehmen Wismut AG, die nicht mehr Narben in die Erde schlägt, sondern diese im Einklang mit der Natur schließt. Was nichts am Selbstverständnis ändert. Arbeiterverein bleibt Arbeiterverein. „Schalke des Ostens“, nennen sie sich hier. „Wir sind hart, herzlich und familiär “, sagt Clubsprecher Höhne. Und anpacken müssen sie. Gerade wird das Stadion neu gebaut – im laufenden Zweitliga-Wettbewerb. Es entsteht aber keine VIP-orientierte „Arena“, die würde hier auch deplatziert wirken. 16 500 Zuschauer, ziemlich exakt so viele Einwohner zählt auch Aue, fasst der Neubau an alter Stelle.

Das Bauchgefühl trifft die Entscheidung für Aue

Wer im Profifußball Tradition, Bescheidenheit und Bodenständigkeit sucht, findet das alles am westlichen Rand des Erzgebirges. So wie Domenico Tedesco. „Es war ein Bauchgefühl, und das hat sofort Ja gesagt zu dieser ganz besonderen Atmosphäre“, sagt er beim Spargelessen in einem Restaurant, in dem auch gute Arbeit ohne viel Brimborium abgeliefert wird. Im Hotel „Blauer Engel“ in der Innenstadt von Aue. Hier wohnt Domenico Tedesco und steuert das Projekt Nichtabstieg sowie die Planung für die neue Runde. Denn Sportdirektor ist Tedesco auch noch gleich geworden. Nach der Saison, egal wie sie nun zu Ende geht, soll seine Frau und die im Dezember geborene Tochter nachkommen. Eine Wohnung für die Familie hat er in Aussicht. 80 Quadratmeter Altbau. Schön, solide und bescheiden, typisch Aue, eben.

Eigentlich ist Domenico Tedesco ja ein typischer VfBler, mit einer Eigentumswohnung in Cannstatt, gerade einmal 500 Meter von der Mercedes-Benz Arena entfernt. Und dorthin kehrt er nun am Sonntag zurück, wenn Erzgebirge Aus beim Spitzenreiter gastiert. Tedesco hat so ziemlich alles trainiert, was der VfB-Nachwuchs an Mannschaften hergibt. Zuletzt die U-17-Junioren. Doch dann verließ er seinen Club, nicht ohne Nebengeräusche, weil ihm kein neuer Vertrag vorgelegt wurde. Domenico Tedescos Plan sah vor, in Köln die Prüfung zum Fußballlehrer abzulegen, während das Training zwischenzeitlich von seinem damaligen Co-Trainer Andreas Hinkel übernommen werden sollte. Das fand der VfB offenbar keine gute Idee, weshalb Tedesco ein Angebot aus Hoffenheim annahm, Trainerausbildung inklusive. Die schloss er als Jahrgangsbester ab, vor den in der ersten Liga gerade so erfolgreichen Julian Nagelsmann und Alexander Nouri. „Das spielt doch keine Rolle“, sagt Tedesco, dem dieses Thema eher unangenehm ist.

Dieser Trennung zum Trotz – der VfB werde immer sein Heimatverein bleiben, sagt Tedesco, obwohl dies genau genommen der ASV Aichwald ist. Mit zwei Jahren kam er aus dem süditalienischen Rossano in den Landkreis Esslingen. Sein Vater holte die Familie nach, nachdem der eine Anstellung als Drucker bei der „Esslinger Zeitung“ gefunden hatte. Dort durfte Tedesco auch mal ein Schülerpraktikum im Sportressort machen. „Bei einer Pressekonferenz stellte ich dem damaligen Kickers-Trainer Michael Feichtenbeiner zwei Fragen. Darauf war ich stolz. Der Sportjournalismus hätte ich mich ja auch gereizt“, sagt er.

Als Spieler schaffte es Domenico bis in die dritte Liga zu den Stuttgarter Kickers, kam dort aber nicht zum Zug und hatte mit dem Profifußball abgeschlossen. Er trainierte dann die F2 des ASV Aichwald. Nachdem die plötzlich besser war als die F1, bewarb er sich auf eine Stelle beim VfB und arbeitete sich dort Jugend für Jugend nach oben. Nebenher absolvierte er eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann ließ ein Wirtschaftsingenieursstudium und den Abschluss in Innovationsmanagement folgen.

Der Trainer sorgt für Abwechslung und nennt das „Monotoniebrüche“

Innovativ geht es jetzt auch beim Training des FC Erzgebirge Aue zu. Sechs Stationen hat Tedesco und sein Trainerteam an diesem Donnerstagvormittag auf dem Platz aufgebaut. In Zweierteams gibt es in schneller Abfolge Wettbewerbe unter anderem im Fußballtennis und Zielschießen. Am Nachmittag zuvor gab es eine Partie Brennball mit einem Rugby-Ei. „Monotoniebrüche“ nennt Tedesco die Abwechslung von den fußballtypischen Trainingsformen wie fünf gegen zwei. Die Spieler haben sichtlich Spaß am Tedesco-Training.

Mittendrin der ehemalige VfB-Spieler Christian Tiffert, der mit 35 Jahre in Aue gerade ein spätes Fußballerglück zu finden scheint. „Der Trainer holt war raus aus dieser besonderen Atmosphäre hier und einer charakterlich guten Mannschaft“, sagt Tiffert, der nach dem Training vor dem Clubrestaurant steht. Auf einer Schiefertafel wird das Tagesessen beworben: „Hühnerbein mit Klößen und Rotkohl - 4,60 Euro.“ Fußball-Hausmannkost.

Unter Domenico Tedesco bietet Erzgebirge Aue aber deutlich mehr – überzeugt jetzt auch spielerisch, zuletzt beim 3:1-Heimsieg gegen die Würzburger Kickers. Anfangs hat der Trainer den Fokus auf eine stabile Abwehr gelegt. Jetzt will er mehr von seiner Mannschaft sehen. Sein Dreisatz lautet: „Gute Raumaufteilung, Umschaltmomente kontrollieren, direkte Angriffe starten. Das wird bei mir aber nicht zur Doktorarbeit.“ Die klare lösungsorientierte Ansprache ist ihm wichtig: „Ich sage zu meinen Spielern nicht, dass sie die Zweikämpfe gewinnen müssen, sondern zeige auf, wie sie sie gewinnen können.“

Und am Ende soll das alles zum Klassenverbleib führen – nach einem italo-schwäbischen Maestro-Plänle, der in Sachsen umgesetzt wird.

VfB Stuttgart - 2. Bundesliga

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