Aus dem Archiv der Stuttgarter Zeitung Fans feiern 1984 den Meistertitel des VfB Stuttgart

Guido Buchwald 1984 mit der  Meisterschale. Foto: imago/Kicker/Eissner 10 Bilder
Guido Buchwald 1984 mit der Meisterschale. Foto: imago/Kicker/Eissner

Zum 75-Jahr-Jubiläum der Stuttgarter Zeitung stöbern wir im Archiv und präsentieren unseren Leser die originale Berichterstattung früherer Zeiten. Dieses Mal: Die Meisterfeier des VfB Stuttgart im Jahr 1984.

Stuttgart - ,,So ein Tag, so wunderschön wie heute...“ Stuttgarter Fußballfreunde feierten Ihre Meistermannschaft - trotz der 0:1-Niedertage gegen den HSV. Nach Angaben der Polizei waren nach dem Spiel auf dem Marktplatz und auf den Straßen zum Rathaus über 70 000 Menschen unterwegs. Die VfB-Fans waren Im Siegestaumel - Superstimmung in Stuttgart! Nur die Leute in der Hausmann- und Eugenstraße waren stinksauer: Sie warteten vergeblich auf die Meister, weil die Fahrtroute aus Zeitgründen kurzfristig geändert worden war.

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Der einzige Unkenrufer, der den VfB gewarnt hatte, sich nicht zu früh zu freuen, war auch lange nach Spielschluß noch nicht widerlegt. Örtliche Gewitter hatte das Wetteramt für den Nachmittag prophezeit, und tatsächlich blies zu dieser Zeit eine herbe Brise. Aus Norden, aus Hamburg genauer gesagt. Der HSV gewann das Saisonfinale im ausverkauften Neckarstadion mit 1 :0, doch er gewann nicht hoch genug. Und Hunderttausende von Stuttgartern feierten die Niederlage wie einen Sieg. Erst im Stadion, dann auf den Straßen entlang der Strecke zum Rathaus, dann in der Innenstadt. Und es blieb trocken.

Fans lassen ihre Autos in der Garage

Wochenlang hatten die Verantwortlichen von Verein, Stadt und Polizei diesen Tag geplant. Bis in die Einzelheiten·genau, und dabei noch von vielen belächelt, die Schadenfreude schon mit Eimern vergossen, als der VfB kurz vor der Zielgeraden zu straucheln drohte. Doch es kam es erstens anders und zweitens auch als jene dachten, die so frühzeitig zu planen begannen. Wer hätte den Schwaben auch so viel Temperament zugetraut?

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Und wer so viel Vernunft? Denn da war zweierlei, was niemand so erwartet hätte, schon gar nicht die Polizei. Die lobte, als es noch eine halbe Stunde vor Spielbeginn war, die Autofahrer über den Schellenkönig: „Die Autos sind in der Garage geblieben, wir hatten weniger Verkehrsprobleme als bei Spielen mit der Hälfte an Zuschauern.“

Im Zeitlupentempo durch die Innenstadt

Und dabei waren 75 000 gekommen, die aus einem Meer von Fahnen heraus einander die Ohren betäubten, als die zukünftige Meisterelf einlief. Schnell war der HSV-Dämpfer vergessen, als Karlheinz Förster die Meisterschale zur Brust nahm und dann zum Himmel reckte: 70.000-fach hipp, hipp, hurra und eine Ehrenrunde. Die Feier konnte beginnen. Und auch wieder nicht, oder zumindest nur in Zeitlupentempo. 30 Stundenkilometer, nicht mehr, hatte die Polizei dem Autokonvoi mit den Spielern als Höchstgeschwindigkeit verordnet, der Oldtimer wegen, die mitfuhren und nicht damit noch in der Hektik was passiere.

Und dann wäre eine Schnecke kaum langsamer gewesen. Allein für die paar hundert Meter vom Fabriktor des Daimler-Benz-Geländes die Mercedesstraße hinauf bis zur Schleyerhalle hat’s eine halbe Stunde gebraucht. Und einigen Mut derer, die in den 15 Autos saßen.

Verein wartet 32 Jahre auf den Titel

Denn die Fans standen vom ersten Meter an Spalier, Schulter an Schulter, aber nicht gewillt, auf Distanz zu bleiben. Einmal im Jahr den Star in der Nähe haben. Ihm auf die Schulter klopfen. Die Hand schütteln. Und Autogramme holen. Oder ihn wenigstens am Kittel zupfen.

Dabei gewesen sein.

Darauf hat Stuttgart 32 Jahre gewartet, und was das für eine Zeitspanne ist, das hatte der Präsident am besten in Worte gefaßt. „Als der VfB 1952 zuletzt Deutscher Meister wurde“, rechnete Gerhard Mayer-Vorfelder vor, „da war von den Spielern, die jetzt mit dabei sind, nur der Hermann Ohlicher auf der Welt.“

„MV“, Präsident und Kultusminister und an diesem Tag „ielleicht der glücklichste Mensch“, hatte im Konvoi einem den Vortritt gegeben, der auch -schon anno dazumal im vordersten Fahrzeug fuhr: Robert Schlienz. Der Kapitän der Meistermannschaften der 50er Jahre war im roten Mercedes 300 SL die Vorhut, dann folgte „V“, links und rechts von sich die beiden, die - wie einst Schlienz seine Zeit - den Stuttgarter Fußball der 80er Jahre repräsentieren: Karlheinz und Bernd Förster.

Karlheinz Förster schützt die Schale vor den Fans

Und ersterer war inmitten der Begeisterung in Stuttgarts Straßen wohl mit der schwersten Aufgabe betraut. Karlheinz Förster hielt im Konvoi die Meisterschale, nach der im Fußballfieber die Finger vieler Fans griffen. Und er hielt sie, als wolle er der Bundesliga-Konkurrenz für’s nächste Jahr schon mit dem Zaunpfahl winken: Die geb’ ich nicht mehr her.

Bruder Bernd bekam ab, was das Wetteramt vorausgesagt hatte: Einen Schauer von oben, nur nicht aus Regenwasser, sondern aus Bier. Die Rechnung für die Reinigung wird der VfB gerne zahlen, denn da war nicht nur die Einnahme eines ausverkauften Stadions von anderthalb Millionen Mark, da war dazu noch eine Ersparnis, die der Präsident wie ein Lausbub schmunzelnd unter die Leute brachte: „Durch die Niederlage gegen den HSV haben wir 50 000 Siegprämie gespart.“

OB Manfred Rommel ist das „Negativmaskottchen“

Und gespart hat auch die Stadt, die vom VfB (und seinem Sponsor) ein großes Fest geschenkt bekam, das sie keinen Pfennig kostete. Zehntausend drängten sich auf den Marktplatz, wenn es wenige waren. Und sie blieben lange: Erst um 3 Uhr war Sperrstunde, und nicht einmal darauf wurde besonders genau geachtet.

Das Dankeschön, das Oberbürgermeister Manfred Rommel von der Rathaustreppe herunter an die Mannschaft sprach, die mit dreiviertel Stunden Verspätung endlich eintraf, kam deswegen von Herzen. Wie es der OB auch nicht über dasselbe gebracht hatte, den VfB im Stadion allein zu lassen. Wochenlang hatte Rommel verkündet, er als „Negativmaskottchen“ müsse zuhause bleiben, wenn der VfB wirklich Meister werden·wolle. Doch dann geriet auch der OB in die Zwänge des Protokolls: Einer wie er dürfte bei einem Fest wie diesem nicht fehlen. Und der VfB zahlte die Rechnung. „Bitteschön“, sagte Geschäftsführer Ulrich Schäfer, „es stimmt halt doch: Er war da und wir verloren.“ Verloren hat der VfB an diesem Tag ein Spiel. Gewonnen hat er deswegen sicher nicht viele Freunde. Aber er hat bemerkt, wie viel er selbst dann schon besitzt, wenn er verliert.

Ein üppiges Büffet im Rathaus für Hunderte Gäste

Heiß ging’s auch im Rathaus her. Kalt wurde das warme Büffet. Zwanzig Meter lang war der Tisch mit den leckersten Köstlichkeiten, die auf die Spieler und 350 geladene Gäste warteten. Schweinerücken, Schmorsteak, Roastbeef, Rehrücken, Lachs und Truthahn genossen die frisch gebackenen Meister schließlich beinahe ebenso, wie die Ekstase der Fans. Und Manfred Rommel setzte noch einen Spruch drauf: „Ich hab’s ja gleich gesagt, daß wir heute gegen den HSV gewinnen werden..“

Es gab aber nicht nur Jubel um den VfB. Viele tausend Zuschauer, die ihre Idole auf der Route vom Stadion zum Rathaus erwarteten, riefen verärgert in der Redaktion von SONNTAG AKTUELL an. Mit Recht. Sie warteten nämlich - zum Beispiel in der Haußmannstraße - vergeblich auf die VfBler. Die hallen ihre Route geändert. weil sie zu spät dran waren.

Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um den ungekürzten Bericht aus Sonntag Aktuell, der Sonntagszeitung der Stuttgarter Zeitung und anderer Tageszeitungen, die am 27. Mai 1984 über den Titelgewinn des VfB Stuttgart am Samstag davor berichtet. Angereichert ist der Bericht mit Fotos rund um den Titelgewinn, die allerdings nur teilweise gedruckt worden sind. Die Rechtschreibung ist weitgehend im Original belassen.




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